21.07.2020  –  Märkische Oderzeitung

Auf dem Jakobsweg zur Domstadt Fürstenwalde

Auf der Etappe des Jakobswegs zwischen Jacobsdorf und der Domstadt Fürstenwalde gibt es einiges zu Endecken. © Foto: Andreas Schmaltz
Das gelb-blaue Zeichen markiert den Weg: Die Dorfkirche in Briesen (rechts) blieb für Wanderer an dem Mittwoch der Tour verschlossen. Oben links: Der Wald nahe Berkenbrück bietet pure Wildnis. In dem Kanal haben Biber ein Zuhause gefunden und ihn nach ihren Wünschen gestaltet. Dem Autor (Mitte) blieb angesichts des Regenwetters nichts anderes übrig, als die Tour mit dem Regenschirm in der Hand fortzusetzen. Unten: Der Turm des Fürstenwalder St. Marien-Doms streckt sich imposant in den Himmel. © Foto: Andreas Schmaltz
Geradeaus: Hinter Jacobsdorf ist der Pilgerweg auf beiden Seiten von Feldern umschlossen. © Foto: Andreas Schmaltz
Jacobsweg © Foto: Andreas Schmaltz
Jacobsweg © Foto: Andreas Schmaltz
Jacobsweg © Foto: Andreas Schmaltz

Andreas Schmaltz / 21.07.2020, 05:00 Uhr Fürstenwalde (MOZ) Innere Einkehr, Ruhe und Einsamkeit. Das ist was viele Pilger auf dem Jakobsweg suchen. Gerade bei schlechtem Wetter ist man auf der Südroute von Frankfurt (Oder) nach Berlin streckenweise ganz für sich allein – der wolkenverhangene Tag sollte dafür beste Voraussetzungen mit sich bringen. Startpunkt ist der Bahnhof Jacobsdorf. Von hier aus schlängelt sich der Weg über Briesen, Kersdorf und Berkenbrück über Felder und durch Wälder hindurch bis nach Fürstenwalde. Knapp 23 Kilometer Wegstrecke.

In Jacobsdorf sind an der Dorfstraße alte Ziegelgehöfte aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu bestaunen, teils liebevoll restauriert, teils noch im Umbau steckend. Kurz dahinter geht es nach links ab auf den Jakobsweg, dem Wegzeichen mit der gelben Jakobsmuschel folgend – am Friedhof vorbei hinaus in die Landschaft. Sechs Kilometer bis Briesen verrät das Schild am Ortsausgang. Unter den Füßen eine alte Pflasterstraße, deren Steine mit jedem Schritt etwas weniger werden, bis nur noch ein Feldweg bleibt.

Es scheint, als hätte die Natur den Pilgern entlang des Weges etwas Besonderes bieten wollen – die dünnen Streifen aus Bäumen und Büschen, die den Weg umsäumen, sind reich an Früchten. Pflaumen, Mirabellen und Brombeeren warten nur darauf, im Vorbeigehen genascht zu werden. Zwischen Maisfeldern geht es weiter nach Vorwerk. Dort grasen Kühe auf einer durch alte Windrad-Rotorblätter begrenzten Weide. Kurz vor dem kleinen Waldstück, durch das sich der Weg in Richtung Briesen zieht, ist es so weit – Regen. Zeit den Schirm aufzuspannen.

Bald lassen die Tropfen nach und hinter den Bäumen sind die ersten Häuser von Briesen zu erkennen. Hier geht es entlang der Frankfurter Straße durch den Ort. Auf der linken Seite erhebt sich die 1838 eingeweihte evangelische Dorfkirche. Sie bleibt dem Wanderer an diesem Mittwoch jedoch verschlossen. Angesichts des düsteren Himmels wäre sie ein willkommener Unterschlupf. Während der Weg sich nach rechts wendet, bricht es erneut aus den Wolken. Platzregen. Von Baum zu Baum huschend, auf der Suche nach Schutz, ist der Übergang nach Kersdorf kaum wahrzunehmen.

Am Gartenzaun steht Wolfgang Keller. Er nutzt die Regenpause, um einen Blick nach draußen zu werfen. Keller lebt seit 45 Jahren in Kersdorf. In diesem Jahr seien bislang nur wenige Pilger auf dem Jakobsweg unterwegs. „Im vorherigen Jahr war hier mehr los“, sagt der 70-Jährige. Er selbst ist die Strecke schon lange nicht mehr gegangen. Zu Fuß ist ihm der Weg zu mühsam. „Mit dem Auto darf man ja nicht und mit dem Fahrrad geht es wegen des Sandes nicht“, erklärt er.

Etwa acht Kilometer sind es von Kersdorf durch den Wald bis Berkenbrück. Weiter geht es der gelben Jakobsmuschel nach. Fast unmerklich schleicht sich ein Geräusch in die Ruhe des Waldes ein. Auf Höhe des Dehmsees treffen zwei gänzlich unterschiedliche Wege aufeinander – der Jakobsweg und die A12. Jäh reißt der Lärm der Straße den Pilger aus seinen Gedanken, bis der Weg sich nach rechts wendet und die Ruhe des Waldes ihn wieder hat.

In Berkenbrück angekommen, führt der Weg entlang der Bahnhofstraße weiter. An der Kreuzung nach Fürstenwalde lohnt sich ein Umweg zum Spreearm. Nando Zerbian, der an der Badestelle das Restaurant „Strandidyll“ betreibt, trifft dort immer wieder auf einzelne Pilger. „Die sind wirklich für sich allein“, sagt er. Vergangenes Jahr sei bei Regenwetter abends eine junge Frau angekommen. Sie habe gefragt, ob sie die Nacht unter dem Dach der Terrasse verbringen könne. Zerbian sagte „Ja“ und bietet seitdem die Terrasse Pilgern zum Übernachten an. Als Dank habe die Frau ein Buch dagelassen: „Das Tagebuch der Anne Frank“.

Gestärkt geht es zurück auf den Weg, der am Forsthaus Beerenbusch wieder in den Wald führt – kerzengerade zieht er sich bis nach Fürstenwalde. Unter dem Bäumen sind überall Heidelbeeren zu erspähen. Sie bieten einen willkommenen Snack für die letzte Etappe zum Fürstenwalder St. Marien-Dom. Das imposante Gotteshaus bildet das Ziel dieser Wanderung entlang des Jakobswegs.

Auf dem Weg zum Grab des Apostels Jakobus

Der Jakobsweg (im Spanischen Camino de Santiago) bezeichnet den Pilgerweg zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostella in Spanien. Die Entstehung der Route, die durch halb Europa führt und auch durch den Landkreis Oder-Spree Landkreis verläuft, geht auf die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts zurück. In Deutschland begann die Ausweisung des Jakobsweges erst 1992. In den neuen Bundesländern entstand 2003 als erste Route der Ökumenische Pilgerweg im historischen Verlauf der Via Regia von Görlitz nach Vacha. Von Frankfurt (Oder) führen zwei Routen nach Berlin. Die Südroute verläuft über Briesen, Fürstenwalde und Erkner in die Hauptstadt. Auf der Nordroute geht der Weg über Müncheberg, Strausberg und Bernau.

Märkische Oderzeitung, 21.07.2020
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