28.07.2020  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Bauantrag läuft: Radewege holt sich seinen Zwiebelturm zurück

Es sollte ein Provisorium sein. Doch das über 40 Jahre alte Behelfsdach auf dem Radeweger Kirchturm ist immer noch da. Jetzt sind die Weichen für die Rückkehr der barocken Schweifhaube gestellt.

Das Gewitter hatte es in sich. 2023 jährt sich zum 50. Mal die Weltuntergangsstimmung, bei der ein Blitzschlag den Turm der Radeweger Kirche in Brand setzte. Am 4. Mai 1973 verlor das Gotteshaus seine weithin sichtbare Schweifhaube an die Flammen. Ein Behelfsdach folgte. Dabei blieb es bis heute. Nun aber geht die Zeit für ein jahrzehntelanges Provisorium langsam aber sicher zu Ende. Die Kirchengemeinde Brielow-Radewege hat bei der Kreisverwaltung den Bauantrag zur Wiederherstellung der barocken Schweifhaube gestellt. Wenn alles gut geht, könnte tatsächlich fünf Jahrzehnte nach der Katastrophe der Aufbau des „Zwiebelturms“ nach dem Vorbild von 1756 gefeiert werden.

Meilenstein auf einem langen Weg

Hinter dem Bauantrag steht der vor genau 20 Jahren gegründete Förderverein Kirchdach, der das spätmittelalterliche Gotteshaus nicht nur vor dem Verfall gerettet hat, sondern auch mit kulturellen Veranstaltungen das Dorfleben bereichert. „Der eingereichte Bauantrag ist für uns ein Meilenstein auf dem langen Weg bis zur Umsetzung eines lange ersehnten Ziels“, sind sich Felicitas Wilkening und Wolf-Dieter Flüss einig. Beide sind vom Vorstand des Kirchdach Vereins, dem rund 30 Mitglieder angehören. Der Bauantrag wurde in enger Abstimmung mit der Kirchengemeinde, der kreislichen Denkmalschutzbehörde und dem kirchlichen Bauamt vorbereitet.

Über 200 Jahre lang schmückte die barocke Schweifhaube den Turm der Radeweger Kirche. Bis es am 4. Mai 1973 zu einem Blitzschlag kam. Quelle: Sammlung Bürstenbinder

Grundlage für die Wiederherstellung der Schweifhaube war unter anderem eine Masterarbeit von Florian Müller. Als Student an der Fachhochschule Potsdam beschäftigte er sich ausgiebig mit der Radeweger Kirche, von der keine Projektunterlagen mehr vorhanden sind. Allerdings liegen Vergleiche mit der Kirche in Neuendorf nahe, deren geschweifte Turmhaube die Zeiten überstanden hat. Fachlich begleitet werden die Vorbereitungen für die langersehnte Komplettierung des Kirchturms durch das Architekturbüro von Achim Krekeller in Brandenburg, das auch die Kirchenrettung im benachbarten Butzow betreute. Zum Bauantrag gehört außerdem die Sanierung der Wind und Wetter ausgesetzten Westfassade.

Der vor genau 20 Jahren gegründete Kirchdach Verein hat das Radeweger Gottesdienst vor dem Verfall gerettet und Kulturveranstaltungen ins Dorf geholt. Quelle: Frank Bürstenbinder

„Der Mörtel bröckelt, Steine brechen. Da macht es wenig Sinn eine schmucke Haube auf den Turm zu setzen und den Rest marode zu lassen“, begründete Felicitas Wilkening die zusätzlichen Ausgaben. Problem: Mit den Fassadenarbeiten passt das bisherige Finanzierungskonzept nicht mehr. Von den 285 000 Euro Gesamtkosten werden noch rund 115 000 Euro gebraucht. Deshalb bemüht sich der Verein intensiv bei zahlreichen Institutionen um Fördergelder. Auch private Sponsoren, denen das Schicksal der Radeweger Kirche am Herzen liegt, sollen angesprochen werden.

Der Turm der Radeweger Dorfkirche trägt seit einem Blitzschlag vor fast 50 Jahren ein provisorisches Dach. Quelle: Frank Bürstenbinder

Überhaupt steckt hinter dem Bauantrag ein finanzieller Kraftakt. Der Verein bringt 40 00 Euro auf, die im Laufe vieler Jahre durch Konzerte, Hoffeste und Backtage eingespielt wurden. Die Kirchengemeinde hält 10 000 Euro aus ihrem Haushalt bereit. Die größten Einzelspenden kamen jedoch von zwei Privatpersonen, bei denen es sich um Christel Schmutzler (83) und Hanne Patzak (79) aus Hattersheim bei Frankfurt am Main handelt. Die Mutter und die Tante von Felicitas Wilkening fühlen sich nach vielen Besuchen in Radewege dem denkmalgeschützten Bauwerk längst verbunden. Beide Damen gaben je 60 000 Euro für das Schweifhaubenprojekt und sorgten damit für einen Durchbruch bei der Finanzierung.

Mit der Wiederherstellung der Schweifhaube wird auch die Westfassade des Turms saniert. Quelle: Frank Bürstenbinder

Dann kam Corona. Rund 5000 Euro gehen dem Förderverein in diesem Jahr wegen ausgefallener Konzerte und Lesungen verloren. Auch die Jubiläumsveranstaltung zum 20. Gründungstag des Vereins musste ausfallen. „Wir bleiben dennoch optimistisch, die Finanzlücke schließen zu können. Haben wir erst die Baugenehmigung sind wir startbereit, was viele Menschen motivieren dürfte“, ist Vorstandsmitglied Wolf-Dieter Flüss überzeugt.

Von Frank Bürstenbinder

Märkische Allgemeine Zeitung, 28.07.2020
Zur Kirche
Dorfkirche Radewege im Pressespiegel
Bauantrag läuft: Radewege holt sich seinen Zwiebelturm zurück 28.07.2020 · Märkische Allgemeine Zeitung
Orgelfeuerwerk in Massens Feldsteinkirche 02.08.2020 · Lausitzer Rundschau
Lenzen: Orgelführung per Diashow in der Kirche 02.08.2020 · Märkische Allgemeine Zeitung
Als Pfarrer den Traumberuf in Temnitz gefunden 02.08.2020 · Märkische Oderzeitung
Was es mit dem neugestalteten Altarraum in Stüdenitz auf sich hat 01.08.2020 · Märkische Allgemeine Zeitung
Jüterboger Glockenturm wird zum Funkturm 31.07.2020 · Märkische Allgemeine Zeitung