18.04.2019  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Wie Bechlin in den Bann geriet

Schon Fontane interessierte sich für die Sage vom Knief, die bis heute in Bechlin präsent ist. Dennoch hatte der Ort in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ nur ein kurzes Gastspiel

Schon Fontane schrieb: „Auf dem Dach der Bechliner Kirche befindet sich das Wahrzeichen des Dorfes“: der Knief auf dem Ostgiebel. Quelle: Robert Rauh

echlin tanzt aus der Reihe. Dem Dorf am Rande von Neuruppin, räumte Theodor Fontane in seinem „Wanderungen“-Kapitel „Dörfer und Flecken im Lande Ruppin“ eine Sonderstellung ein. 

Während bei anderen Orten wie Wulkowund Wildberg historische Fakten im Vordergrund stehen, wartet Bechlin mit einer Sage auf. Allerdings hatte der Ort in den „Wanderungen“ jedoch nur ein kurzes Gastspiel. 

1864 wanderte Fontaneerneut durchs Ruppinische

Im Juni 1864 unternahm Fontane für die Überarbeitung seines ersten „Wanderungen“-Bandes erneut eine Recherchetour, die er in seinem Notizbuch als „Sommerreise durchs Ruppinsche“ protokollierte. In Bechlin zeigte man Fontane das „Wahrzeichen des Dorfes“, das auf dem Ostgiebel der Kirche befestigt ist: einen „Knief“. Dabei handelt es sich um ein sichelartiges Messer, das Fontane mit einem „großen Gärtnermesser“ verglich und in seinem Notizbuch skizzierte. 

Der Knief spielt die Hauptrolle in einer Sage, die Fontane in den „Wanderungen“ nacherzählt. Sie trug sich im Mittelalter zu, als Bechlin zur reichsunmittelbaren Herrschaft Ruppin der Grafen Lindow-Ruppin gehörte. Auf dem Gut diente ein Jäger, der „eine Liebschaft mit einem Mädchen“ hatte.

Die Dorfstraße von Bechlin um 1935. Seit 1907 ist die damalige Halbbauernwirtschaft mit Unterbrechungen in Familienbesitz der Familie Pickert/Brand. Ab 1945 saß dort die Kommandantur der Roten Armee. Bis 1947 hatte die Bürgermeisterei dort ihren Sitz. Jetzt ist es ein privates Wohnhaus. Quelle: privat

Eine andere Version ergänzt die Folgen der Affäre – Folgen, die bei dem Mädchen nicht zu übersehen waren. Als der Jäger in der Beichte um Absolution bat und diese ihm verweigert „oder an allerhand Bedingungen geknüpft wurde, erstach er den Priester“. 

Aber nicht mit dem Knief, „wie sich die Bechliner irrtümlich erzählen“, korrigiert Fontane in Klammern, sondern – wie der Förderverein Dorfkirche Bechlin heute auf seiner Website präzisiert – mit seinem Waidmesser. 

Bechlin wurde in den Bann getan

Bechlin wurde nun „in den Bann getan“, wie Fontane weiter schreibt. Die Bewohner zwang man, an ihren Ortsgrenzen Wachen aufzustellen, „die jeden Verkehr mit dem Dorfe zu hindern hatten“. Als sich eines Tages der Ruppiner Graf in einer Kutsche näherte und die Grenze passieren wollte, hinderte ihn der Wachtposten an der Weiterfahrt.

Bechlin in der Handschrift Fontanes. Quelle: Gabriele Radecke

Er zerschnitt mit dem Knief, den er, „als eine Art Sensenmann, in Händen hatte, die Stränge der Pferde“. Von diesem Gehorsam gegenüber dem Kirchenbann derart beeindruckt, hob der Graf den Bann über Bechlin wieder auf. Unter einer Bedingung: Der Knief sollte „zum ewigen Gedächtnis“ zwischen den beiden Turmspitzen aufgehängt werden. 

Heute sieht man auf der Kirche nur eine Kopie

Als die Türme Ende des 18. Jahrhunderts restauriert wurden, wurde der Knief abgenommen und auf dem Ostgiebel der Kirche befestigt. Fontanehat in seinem Notizbuch beide Positionen skizziert. Heute sieht man auf der Kirche nur eine Kopie; das Original wird lediglich zu besonderen Anlässen ausgestellt.

Der kurze Bechlin-Ausschnitt und die berühmte Sage blieben nur zehn Jahre in den „Wanderungen“. Bei einer erneuten Überarbeitung der „Grafschaft Ruppin“ 1874 nahm Fontane das gesamte Kapitel „Dörfer und Flecken im Lande Ruppin“ wieder heraus. Somit gehört auch Bechlin zu den vergessenen Fontane-Orten. 

Von Gabriele Radecke und Robert Rauh

Märkische Allgemeine Zeitung, 18.04.2019
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