04.06.2020  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Brandenburg an der Havel – So beeindruckend ist das erste Orgelkonzert der Sommermusik

Trotz Corona: Die Sommermusikzeit im Brandenburger Dom beginnt. Kantor Marcell Fladerer-Armbrecht gibt das erste Konzert. Er hat dafür ein besonderes Programm zusammengestellt.

Der Klang einer bedeutenden historischen Orgel, ein erlesenes Programm mit musikalischen Edelsteinen, geformt von Komponisten der Barockzeit und der Romantik sowie ein begeistert aufspielender Organist, dessen inspiriertem Spiel die Zuhörer gern lauschen, kamen am Mittwochabend während der Orgelvesper zur Sommermusikzeit im Brandenburger Dom auf wunderbare Weise zusammen.

Domkantor Marcell Fladerer-Armbrecht beachtet die Hygieneregeln. Quelle: Heike Schulze

Domkantor Marcell Fladerer-Armbrecht, dem am kommenden Sonntag von der evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg im Gottesdienst der Titel Kirchenmusikdirektor verliehen wird, hat unter Mitwirkung von Dompfarrerin Susanne Graap und der Sängerin Lucia Reichelt ein Programm konzipiert und zu Gehör gebracht, das auch inhaltlich eine anregende Einheit bildete. Die Erwartung von mehr Besuchern, die wegen der Corona-Pandemie die lange verordnete Pause musikalische Veranstaltungen nun endlich wieder live erleben möchten, fiel leider aus.

Dennoch: eine meditative Konzentriertheit breitete sich zum Auftakt der diesjährigen Sommermusik-Reihe während der Orgelvesper aus. Nachdem Marcell Fladerer-Armbrecht anfangs auf der Wagner-Orgel ein festliches „Salve Regina“ des frühbarocken spanischen Kirchenmusikers und Komponisten Sebastián Aguilera de Heredias spielte, wurde das bekannteste Gebet der Christenheit, das Vaterunser, ins Zentrum gestellt.

Grenzenlose Hoffnung

Die Worte Jesu aus dem Matthäus-Evangelium haben künstlerisch, vor allem in der Musik, zu vielfältigen Interpretationen angeregt. Susanne Graap las das Grundgebet aus der Bibel, dazu stellte sie Texte von der streitbaren und immer sensibel auf Zeitereignisse reagierenden Theologin Dorothee Sölle sowie von dem mit grenzenlosen Hoffnungs-Gedanken ausgestatteten Kabarettisten und Autor Hans-Dieter Hüsch.

Und natürlich kam der Reformator Martin Luther zu Wort. Sein 1539 entstandenes Gemeindelied „Vaterunser im Himmelreich“ wurde zwischen den einzelnen Choralbearbeitungen mit allen neun Strophen zu Gehör gebracht. Lucia Reichelt sang sie stellvertretend für die Gemeinde dem Charakter der einzelnen Gebetsanliegen entsprechend mit schlichter, doch stets überzeugender Gestaltung.

Beeindruckendes Programm

Über dieser Orgelvesper lag eine wunderbare Spannung, da Marcell Fladerer-Armbrecht bei den musizierten Werken von Johann Sebastian Bach, Georg Böhm, Johann Ulrich Steigleder und Felix Mendelssohn Bartholdy wieder aus dem Vollen schöpfen konnte.

Kraftvoll und aufbrausend ließ er die Orgel erklingen, doch auch mit dem rechten Spürsinn für die subtilen Töne. Mit zügigen Tempi führte der Organist die Zuhörer durch das Programm, reihte dabei die Stücke dicht aneinander.

Besondere Entdeckung

Eine besondere Entdeckung war mit der Auswahl des Variationswerks über „Vater unser im Himmelreich“ des schwäbischen Barockkomponisten Johann Ulrich Steigleder (1593-1635) zu erleben, der in Lindau und in Stuttgart ein Organistenbrot verdiente.

Auch hierbei konnte Fladerer-Armbrecht die Farbigkeit der Wagner-Orgel eindrucksvoll in Szene setzen, wobei die in Fugenmanier komponierte Fantasie durch die Virtuosität des Spiels besondere Freude auslöste.

Zum Finale erklangen zwei Sätze aus der Sonate Nr. 6 in d-Moll von Felix Mendelssohn-Bartholdy mit warmer Tongebung und Ausdruckskraft. Noch einmal wurden kostbare Momente innerer Sammlung dem Zuhörer geschenkt. Klaus Büstrin

Nächste Sommermusik am Mittwoch, 10. Juni, um 19.30 Uhr im Dom mit Sarah Perl, Viola da gamba, Martin Seemann, Violoncello, und Mira Lange, Cembalo.

Von Klaus Büstrin

Märkische Allgemeine Zeitung, 04.06.2020
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