06.07.2020  –  Märkische Oderzeitung

Brandenburg an der Havel – Warum sich ein Modell der Marienkirche im Dom befindet

Joachim Christoph Heinss fertigte im 18. Jahrhundert das Pappmodell der Marienkirche, das sich heute im Dommuseum befindet. © Foto: Dommuseum

Dr. Rüdiger von Schnurbein / 06.07.2020, 13:16 Uhr Brandenburg Die Dominsel ist ein wunderschönes Stück Brandenburg, der Dom ein herausragendes Bauwerk – entstanden ab dem 11. Oktober 1165 (Grundsteinlegung) auf geschichtsträchtigem Boden. Die Havelinsel war Standort für eine slawische Niederungsburg und sie wurde zur „Wiege der Mark Brandenburg“. Denn: „Hier gründete König Otto I. im Jahr 948 das Bistum Brandenburg“, ist auf www.dom-brandenburg.de nachzulesen. Die Gründungsurkunde wird im Dom aufbewahrt, wie so viele Schätze. „Die qualitätsvollen Kunstwerke stammen aus allen Epochen vom Mittelalter bis ins 20. Jh.“, heißt es auf der Internetseite des Domes, der nach der Corona-Schließzeit seit 3. Mai wieder für Gottesdienste, Besichtigungen, Fürbitten und stille Momente geöffnet ist (Mo-Sa 11-17 Uhr, So 12-17 Uhr). BRAWO hat die „Schatzkiste Dom“ längst geöffnet und stellt ein Jahr lang jede Woche einen Schatz vor. Um Vorfreude auf einen nächsten Besuch zu schüren sowie auch den Stolz der BrandenburgerInnen.

Etwas westlich der historischen Altstadt von Brandenburg an der Havel erhebt sich der Harlungerberg. Auf seinem Gipfel hatte sich wohl ein slawenzeitliches Triglawheiligtum befunden, an dessen Stelle um die Mitte des 12. Jh. eine Marienkirche errichtet wurde. Von diesem Gotteshaus, das weithin sichtbar vom Siege des Christentums kündete, rührt die Bezeichnung „Marienberg“ her. Der Bestätigungsurkunde zufolge, die Bischof Wilmar 1166 für das Domstift ausstellte, übertrug Markgraf Otto I. (1170-1184) die Kirche dem Domkapitel. In einer Urkunde Coelestins III. vom Juli 1196 wird sie als Besitz des Domstifts geführt.

Bischof Gernand von Brandenburg (1222-1241) ließ eine Backsteinkirche errichten, einen fast quadratischen Zentralbau, an den sich im Norden, Süden und Westen je eine traufhohe Konche (halbrunde Nische mit Kuppel) anschloss. Im Osten befand sich ein Chor mit drei Apsiden. Über den Ecken des Kernbaus erhob sich je ein dreigeschossiger Turm mit Treppengiebeln und Satteldach. Es fallen die großen Portale in den Konchen und die emporenartigen Umgänge im ersten Obergeschoss auf, die über Wendeltreppen zu erreichen waren. Der Bau erweckt den Eindruck, als sei er speziell für große Besuchermengen konzipiert worden, wie man sie bei bedeutenden Wallfahrtsorten erwartet.

Bedeutender Wallfahrtsort oder nicht?

Der Bau ist in einem Zug ohne Planänderung errichtet worden, was auf eine gezielte Investition schließen lässt. Fraglich ist allerdings, ob dieser Bau nötig wurde, weil die Vorgängerkirche die so zahlreichen Wallfahrer nicht mehr aufnehmen konnte. Denkbar wäre auch, dass das Domkapitel mit der monumentalen Kirche das schwache Interesse an der Wallfahrt zum wundertätigen Marienbild ankurbeln wollte. Die Quellen um die angeblich weit über das Land hinaus bekannte Wallfahrt sind nämlich eher spärlich. Lange Zeit diente allein die Klage des Brandenburger Bischofs Dietrich von Kothe als Beweis für die berühmte Wallfahrtsstätte. Der Bischof beschwerte sich im Januar 1362 auf Bitten des Propstes und des Domkapitels Brandenburg, dass die in fast ganz Deutschland bekannte Wallfahrt auf den Marienberg durch eine seiner Ansicht nach unbegründete Wallfahrt nach Neukammer bei Nauen gelitten hätte. Wegen der Einkommenseinbußen beansprucht er die Hälfte der Opfergaben aus Neukammer. Vielleicht betonte der Bischof die Bedeutung seiner Wallfahrt absichtlich so stark, um seine Klage umso berechtigter erscheinen zu lassen. Immerhin geht aus einer Klageschrift Kurfürst Friedrichs I. (1415-1440) gegen den Magdeburger Erzbischof hervor, dass im Jahre 1417 einem Pilger auf seinem Weg zur Marienkirche seine Habe und sein Pferd geraubt worden ist (freundlicher Hinweis von Dr. Clemens Bergstedt, Ziesar). Für eine in ganz Deutschland bekannte Wallfahrt gab es allerdings keine Belege, bis vor einigen Jahren ein Pilgerzeichen in Hamburg-Harburg gefunden wurde. Wenn dieses Zeichen auch aus einer weit entfernten Region stammt, so bleiben die Belege für eine weithin bekannte Wallfahrtsstätte auf dem Harlungerberg doch selten.

Nach der Reformation wurden Stift und Orden aufgelöst, die Gebäude und Teile des Inventars –  darunter die berühmte Schwanenordenskasel – dem Domstift übergeben. Die Kirche zerfiel zusehends, bis sie im Jahre 1722 im Auftrag König Friedrich Wilhelms I. geschleift wurde. Wenige Jahre früher hatte Alphonse de Vignoles das Bauwerk vermessen sowie Grundrisse und Schnitte angefertigt und auf Kupferplatten gestochen. Die Platten sind Kriegsverlust, aber in einer Beschreibung aus der Feder des Direktors der Brandenburger Ritterakademie, Joachim Christoph Heinss, überliefert. Heinss fertigte auch ein Modell aus Pappmaché, das sich heute im Dommuseum befindet. Ein weiteres Modell befindet sich – wie auch einige Bilder – im Stadtmuseum. Authentisch ist die Abbildung dieses bedeutenden Baus auf dem Epitaph für Hans Trebaw in der St. Gotthardt-Kirche.

Märkische Oderzeitung, 06.07.2020
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