05.05.2020  –  Märkische Oderzeitung

Brandenburger Dom – Behang des Altars zeigt „Die drei Männer im Feuerofen“ aus dem Alten Testament

Gut zu erkennen sind die drei Männer am Feuerofen.© Foto: Dommuseum

Dr. Rüdiger von Schnurbein / 05.05.2020, 09:00 UhrBrandenburg  Die Dominsel ist ein wunderschönes Stück Brandenburg, der Dom ein herausragendes Bauwerk – entstanden ab dem 11. Oktober 1165 (Grundsteinlegung) auf geschichtsträchtigem Boden. Die Havelinsel war Standort für eine slawische Niederungsburg und sie wurde zur „Wiege der Mark Brandenburg“. Denn: „Hier gründete König Otto I. im Jahr 948 das Bistum Brandenburg“, ist auf www.dom-brandenburg.de nachzulesen. Die Gründungsurkunde wird im Dom aufbewahrt, wie so viele Schätze. „Die qualitätsvollen Kunstwerke stammen aus allen Epochen vom Mittelalter bis ins 20. Jh.“, heißt es auf der Internetseite des Domes, der nach der Corona-Schließzeit seit 3. Mai ab 12 Uhr wieder für Besichtigungen, persönliche Gebete, Fürbitten und stille Momente geöffnet ist (Mo-Sa 11-17 Uhr, So 12-17 Uhr). BRAWO hat die „Schatzkiste Dom“ längst geöffnet und stellt ein Jahr lang jede Woche einen Schatz vor. Um Vorfreude auf einen nächsten Besuch zu schüren sowie auch den Stolz der BrandenburgerInnen.

Ab Sonntag, dem 3. Mai, ist die Krypta in einem etwas ungewohnten Schmuck zu sehen. Die fünf Glasfenster, die nach einem Entwurf von Ilse Fischer zwischen 1953 und 1955 eingebracht worden sind, waren Gegenstand des letzten „Schatzkästleins“.

1955 kam ein weiteres Kunstwerk hinzu, das wie auch die Fenster auf die Initiative des Dompfarrers und Vorsitzenden des Domkapitels Albrecht Schönherr zurückgeht: Ein Antependium, also der Behang des Altars, zeigt die drei Männer im Feuerofen. Man sieht drei Figuren, die ihre Arme betend in die Höhe strecken. Um ihre Füße lodern die Flammen. Über ihnen sieht man den Kopf eines Engels. Die Geschichte, die dieser Darstellung zugrunde liegt, steht im Alten Testament im Buch Daniel: Der babylonische König Nebukadnezar lässt ein Götzenbild aus Gold errichten, das all seine Untertanen anbeten sollen. Drei Judäer aber weigerten sich. Sie wollten ihren Gott nicht verleugnen und wurden deshalb zum Feuertod verdammt. Allerdings konnte ihnen das Feuer nichts anhaben. Sie beteten und lobten Gott und blieben vom schrecklichen Feuertod verschont. König Nebukadnezar, dem dieses Wunder zugetragen wurde, überzeugte sich selbst davon. Schließlich erkannte er die Größe des Gottes der Judäer an. Seit dem frühesten Christentum steht die Geschichte der drei Männer im Feuerofen für die Standhaftigkeit im Glauben. Man findet diese Darstellung häufig in der spätantiken Grabmalskunst, etwa auf Sarkophagen oder in der Katakombenmalerei. Die frühen Christen begriffen sie als ein Bild der Auferstehung sowie als Versprechen für die Rettung aus Not und Verfolgung.

Albrecht Schönherr, der Schüler Dietrich Bonhoeffers, hatte die Verfolgungen durch das Nazi-Regime erlebt. Für ihn drückt die Geschichte der drei Männer im Feuerofen das Gottvertrauen aus, das auch die größte Anfechtung übersteht. Bonhoeffer verarbeitete dies in seinen berühmten Versen „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“

Der Entwurf dieses Antependium geht ebenfalls auf Ilse Fischer zurück. Produziert wurde der Behang von Elly Franke in der Paramentenwerkstatt im Stift Heiligengrabe. Elly Franke schuf das Kunstwerk aus Schafwolle in Gobelintechnik, also als Bildwirkerei. In Heiligengrabe ist noch die Karteikarte mit der Abrechnung vorhanden. Demnach arbeitete Frau Franke 225 Stunden daran, also etwas mehr als einen Monat, wenn man einen 8-Stundentag und eine 5-Tagewoche zugrunde legt. Ich danke Frau Sarah Romeyke, der Kuratorin des Museums in Heiligengrabe, dass sie diese Informationen dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat.

Ilse Fischer, die Künstlerin, die sowohl den Behang als auch die Fenster entworfen hat, wurde am 28. September 1900 in Berlin geboren und starb 1979 in Eichwalde. Sie studierte an den Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst in Berlin-Charlottenburg bei Paul Plontke. Sie war Mitglied der Ateliergemeinschaft Klosterstraße in Berlin. Seit 1943 war sie freischaffend tätig. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges schuf sie Glas- und Wandgestaltungen in Schulen, Kirchen, Schwimmhallen und Krankenhäusern. Zu ihren Werken zählen das Kleist-Fenster in der Fontane-Grundschule in Ludwigsfelde oder das Kreuzigungsfenster in der Taufkapelle von St. Nikolai in Pritzwalk. Auch der Flügelaltar in der Sakristei der Ernst-Moritz-Arndt-Kirche in Berlin-Zehlendorf zählt zu ihrem Œvre.

Märkische Oderzeitung, 05.05.2020
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