08.04.2020  –  Märkische Oderzeitung

BRAWO öffnet die „Schatzkiste Dom“ – Ein Gedenkstein verleiht Trauer über Tod der Zwillinge von Brösigke Ausdruck

Gedenkstein der Zwillinge von Brösigke im Dom zu Brandenburg© Foto: Dr. Rüdiger von Schnurbein

08.04.2020, 08:45 UhrBrandenburg (BRAWO) Die Dominsel ist ein wunderschönes Stück Brandenburg, der Dom ein herausragendes Bauwerk – entstanden ab dem 11. Oktober 1165 (Grundsteinlegung) auf geschichtsträchtigem Boden. Die Havelinsel war Standort für eine slawische Niederungsburg und sie wurde zur „Wiege der Mark Brandenburg“. Denn: „Hier gründete König Otto I. im Jahr 948 das Bistum Brandenburg“, ist auf www.dom-brandenburg.de nachzulesen. Die Gründungsurkunde wird im Dom aufbewahrt, wie so viele Schätze. „Die qualitätsvollen Kunstwerke stammen aus allen Epochen vom Mittelalter bis ins 20. Jh.“, heißt es auf der Internetseite des Domes, der „aufgrund der Corona-Pandemie … bis auf Weiteres geschlossen“ bleibt. BRAWO indes öffnet die „Schatzkiste Dom“ und stellt ein Jahr lang jede Woche einen Schatz vor. Um Vorfreude auf einen nächsten Besuch zu schüren sowie auch den Stolz der BrandenburgerInnen.

Im südlichen Seitenschiff des Brandenburger Doms am Übergang zum Querhaus ist in die Wand der Gedenkstein für die Zwillingskinder Dietrichs von Brösigke und seiner Frau Agnes von Schlieben eingelassen. Unter all den anderen Steinen nimmt er eine Sonderstellung ein: Er ist tot geborenen Kindern gesetzt worden. Die pausbackigen Kinder mit Spitzenhäubchen liegen einander zugewandt im Totenbett. Mühevoll hat der Bildhauer Muster und Falten in der Spitzendecke herausgearbeitet. Pflanzliches Dekor schmückt das Kopfkissen.

Die Inschrift auf der Vitentafel lautet: „A[nn]o 1623 Den 4 Martii seindt diese beiden Kinder als ein Söhnlein u[nd] ein Töchterlein thodt zur Welt geboren v[on] der woledlen und vielthugendreichen Frawe[n] Agnesen G v[on] S[c]hlieben Dietrich Brösiken Eh[e]f[rau]“

Der Gedenkstein beeindruckt durch seine qualität- und liebevolle Gestaltung und gibt der Trauer Ausdruck, die Agnes und Dietrich über den Tod ihrer beiden Kinder empfunden haben müssen. Wahrscheinlich kann nur eine Mutter wirklich nachempfinden, was es bedeutet, in den Wehen zu liegen und dann tot Kinder zur Welt bringen zu müssen.

Gleichzeitig dokumentiert der Stein eine neue Art im Umgang mit tot geborenen Kindern. Im Mittelalter und bis in die Neuzeit hinein galten tot geborene oder ungetauft gestorbene Kinder als noch von der Erbsünde behaftet und vom ewigen Leben ausgeschlossen. Sie sollten in ungeweihter Erde jenseits der Kirchhofsmauer verscharrt werden. Archäologische Ausgrabungen bringen immer wieder Kinderfriedhöfe zutage, die in einiger Entfernung der Kirche angelegt worden sind. Doch konnte diese Sichtweise im Alltag nicht überzeugen: Eltern, die schon den Schmerz wegen des Todes ihres Kindes ertragen mussten, war es schwer zu vermitteln, dass diese Kinder auch noch vom ewigen Leben ausgeschlossen bleiben sollten. So gibt es auch archäologische Beweise dafür, dass die rigorose Ausgrenzung solcher Kinder nicht ganz durchgehalten wurde: Man bestattete sie in einer entlegenen Ecke der Friedhöfe oder auch im Traufbereich der Kirche, in der Hoffnung, das vom Kirchendach herabrieselnde Regenwasser würde die Kinder doch noch von der Erbsünde reinigen. Auch bot der Glauben, dass die Seelen noch drei Tage nach dem Tod um den Körper schweben würden die Möglichkeit, auch tote Kinder zu taufen, sofern sie noch ein Lebenszeichen zeigen würden. Manche Wallfahrtssorte haben sich auf solche Wunder spezialisiert: Man stellte eine Schüssel glühender Kohlen unter die Bahre und legte eine Feder auf den Mund des Kindes. Die aufsteigende Wärme bewegte die Feder und suggerierte den Atem des Kindes.

Wenn solche zweifelhaften Machenschaften schließlich von der Kirche verboten worden sind, zeigen sie doch, das starke Bedürfnis, auch tot geborne Kinder im Reich Gottes zu wissen.

Das Zitat aus dem Matthäus-Evangelium auf dem Rahmen des Gedenksteins, „Auch ists für Euren Vater im Himmel nicht der Wille, dass jemand von diesen Kleinen verloren werde.“ betont dies: Auch tot geborene Kinder werden am ewigen Leben teilhaben, eine Sichtweise, der sich die Kirche anschließen kann. Heute werden Kinder auf Wunsch ihrer Eltern christlich bestattet und der Gnade des barmherzigen Gottes anbefohlen, unabhängig davon, ob sie tot geboren wurden oder die Taufe empfangen haben.

Übrigens: Die Petrikapelle am Dom ist bis auf Weiteres jeden Tag von 10 bis 18 Uhr als Raum für persönliche Gebete, Fürbitten und Stille geöffnet. Von Besichtigungen ist Abstand zu nehmen.

Märkische Oderzeitung, 08.04.2020
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