05.04.2020  –  Märkische Oderzeitung

Corona-Krise: Der Alltag im Kloster Neuzelle ist unverändert

Zisterzienser des Klosters Neuzelle.© Foto: Rocco Thiede

 05.04.2020, 04:00 UhrNeuzelle  Man gewinnt den Eindruck erst jetzt in der Corona-Krise sei das Kloster in Neuzelle ein richtiges Kloster. Die Zisterzienser dort können in Ruhe beten. Es kommen keine Touristen mehr, denen klösterliche Abläufe fremd sind. Die etwa dreieinhalb Stunden des täglichen Gebets in der barockisierten Marienkirche werden nicht gestört von klickenden Fotoapparaten oder lautem Sprechen. Nun läuft hier scheinbar alles ideal ab nach dem lateinischen Mönchsmotto aus dem Mittelalter: „Ora et Labora“ (bete und arbeite).

Wirklich alles? Fast. Denn mit dem Arbeiten ist es bei der Mönchsgemeinschaft ähnlich wie in anderen Familien auch: Der Schulunterricht an der katholischen Grundschule, wo sie Religion lehren, ist eingestellt und das Leben in der Pfarrei ruht ebenso. „Sicher geht es uns wie den meisten Menschen: Die ersten zwei, drei Tage nimmt man die Ruhe erstmal dankbar an. Danach merkt man plötzlich, was man sonst für selbstverständlich ansieht und nun vermisst“, berichtet der Ökonom des Klosters Pater Kilian Müller.

Der große Unterschied zum Normalbetrieb im 1268 gegründeten Kloster Neuzelle liegt darin, „dass wir bei unseren Gebetszeiten und Gottesdiensten nun keinerlei Teilnehmer mehr einlassen dürfen“, erklärt der Mönch. Das sei für die Ordensgemeinschaft der Zisterzienser, die hier offiziell seit September 2018 das vor 200 Jahren zwangsverstaatlichte Kloster wiederbeleben „vor allem dann traurig, wenn normalerweise die Neuzeller Kirche gut gefüllt wäre – zu den Heiligen Messen am Sonntagvormittag, oder auch unter der Woche zur Komplet, dem letzten Chorgebet des Tages, zu dem auch unter der Woche regelmäßig 10 bis 20 Teilnehmer in die Kirche kommen“, berichtet Pater Kilian. Ansonsten hielten sie den klösterlichen Tagesablauf genauso ein wie vorher – „das ist der Vorteil daran, dass bei uns Arbeits- und Privatleben eine Einheit bilden, wir also in einer familiären Struktur vor Ort leben, beten und arbeiten“.

Dennoch sind ihre Wohnungen im ehemaligen Pfarrhaus noch immer mehr WG als Klosterzelle, wie sie es von ihrem Mutterkloster aus Heiligenkreuz vom Wienerwald her kennen. Dort in Österreich waren die Corona-Bestimmungen und Restriktionen des öffentlichen Lebens von Anfang an deutlich schärfer als in Deutschland. So wurde der Gästebetrieb des Mutterklosters, den es in Neuzelle bisher noch nicht gibt, komplett eingestellt. Dort, wo früher zivile Angestellte ihr „täglich Brot verdienten“ – zum Beispiel in der Küche und der Wäscherei – haben mittlerweile die Mönche den Job vorübergehend selbst übernommen.

Abt Maximilian von Heiligenkreuz steht mit seinen Mitbrüdern im brandenburgischen Neuzelle regelmäßig in Kontakt via Telefon oder Internet. „Aber es ist schon sehr ungewohnt und ein seltsames Gefühl, dass wir derzeit gar nicht ohne weiteres ,Heim’ in unser Mutterkloster reisen können“, erzählt Pater Kilian.

Im Orden der Zisterzienser gibt es durch Covid-19 die ersten Tragödien: „Die 85-jährige Schwester Luisa Alvarez starb am 22. März an ihrer Corona-Infektion in ihrem Kloster in Madrid“. In Italien stehen im 1045 gegründeten Kloster Casamari im Latium alle Mönche des Konvents unter Quarantäne. „Abt Eugenio wird auf der Intensivstation behandelt“, berichtet Pater Kilian. Wenn einer der sechs Mönche des Klosters in Neuzelle gesundheitliche Probleme hat, geht er – wie jeder andere auch – zu seinem Hausarzt im Ort oder fährt ins fünf Kilometer entfernte Eisenhüttenstadt.

Keine großen Einschränkungen

Aktuell gelten für die Zisterzienser bis Ostern noch die strengeren Regeln der Fastenzeit. Gegessen wird weniger und nur einfache Gerichte kommen auf den Tisch. „Bisher mussten wir hier keine größeren Einschränkungen hinnehmen“. Wie gewohnt kocht Frater Aloysius Maria für die Gemeinschaft und kümmert sich um den Haushalt. Engpässe bei der Versorgung scheinen die Mönche nicht zu stören. „Zum Glück koche ich nicht mit Klopapier“, soll Frater Aloysius mit einem Augenzwinkern gesagt haben. Für Pater Kilian lässt das alles tief blicken: „Die Amerikaner horten in dieser Situation Waffen, die Franzosen Rotwein und die Deutschen Toilettenpapier“.

Noch vor wenigen Tagen war Pater Kilian bei den Borromäerinnen in St. Carolus in Görlitz. Wegen der aktuellen Lage habe er die Reise vorzeitig abgebrochen und sei nach Neuzelle zurückgekehrt. „Besonders die ältesten unter den Schwestern, so schien mir, fühlten sich erinnert an die Umstände, in denen während oder nach dem zweiten Weltkrieg die Heilige Messe gefeiert werden musste.“ Solch eine Krise dürfe den Glauben nicht erschüttern – so schmerzlich und vielleicht in manchen Punkten auch unverhältnismäßig man diese Einschränkungen jetzt empfinden mag, meint Pater Kilian, der auch als Priester weiter ansprechbar sein möchte.

„Was sichergestellt sein muss, ist, dass wir in Notfällen auch bei einer Ausgangssperre bestimmte Sonderrechte haben. Keiner von uns will und wird sich davon abhalten lassen, im Notfall zu den Sterbenden zu gehen und sie nach Möglichkeit mit den entsprechenden Sakramenten zu versorgen – selbst, wenn dabei immer auch die Gefahr der Infektion besteht“.

Vom Autor erschien 2018 das gebundene Buch: „Die Mönche kommen … Neuzelle – Wiederbesiedlung eines Klosters“ (Benno Verlag Leipzig, 178 Seiten mit vielen Farbfotos zum Preis von 14,95 Euro).

LIVESTREAM AUS DER STIFTSKIRCHE

Aus ihrer Abgeschiedenheit sind die Neuzeller Ordensmänner über die sozialen Medien weiter mit vielen Menschen verbunden. Mit einem täglichen Livestream aus der Stiftskirche um 19.15 Uhr zum Rosenkranz und anschließendem Nachtgebet versuchen die Mönche die Gläubigen in ihren Häusern zu stützen.

An Sonntagen wird zusätzlich um 17 Uhr eine Heilige Messe übertragen. Um die Technik kümmert sich Pater Isaak. www.youtube.de/ZisterzienserNeuzelle

Märkische Oderzeitung, 05.04.2020
Zur Kirche
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