20.01.2019  –  Berliner Zeitung

Die Fahndung. Berliner Historiker will wertvolle Schnitzfiguren finden

Die Anna-Selbdritt-Skulptur aus Gröden, entstanden im frühen 16. Jahrhundert. Der Begriff Anna Selbdritt bezeichnet in der christlichen Ikonographie eine Darstellung der heiligen Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesuskind.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter (2)

Gröden. Es ist ein ungemütlicher Januartag im südbrandenburgischen Gröden, unweit der Landesgrenze zu Sachsen. Gut, dass die Tür der Martinskirche am Dorfanger offen steht und man dem kalten Wind entkommen kann. Drinnen im Gotteshaus ist es still und warm. Ein paar Stapelstühle mit Sitzkissen stehen noch vor den hölzernen Kirchenbänken, ein Überbleibsel der letzten Chorprobe. Dahinter, an der Giebelseite des Gebäudes, steht der hölzerne Altar aus dem 16. Jahrhundert. Ein wenig verloren wirkt er, findet auch Sebastian Rick. „Aber wenn die verschwundenen Schnitzfiguren erst wieder zurückgekehrt sind, dann wird unsere Kirche komplett sein“, sagt er.

Rick gehört dem Vorstand des Gemeindekirchenrats in der 1300 Einwohner zählenden Elbe-Elster-Gemeinde Gröden an. Den 35-jährigen Historiker, der im Konsistorium der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz in Berlin-Mitte arbeitet, treibt seit einiger Zeit ein Kunstkrimi um, in dem es um vier spätgotische Holzbildhauerfiguren aus der Martinskirche und einen berühmten Theatermann geht. Mit seinen privaten Recherchen hat Rick die Fahndung nach den seit 1961 verschwundenen Kirchenplastiken aus Gröden ins Rollen gebracht. „Die Kunstwerke sollen wieder in unserer Kirche stehen“, sagt er. „Aber dazu müssen wir sie erst einmal finden.“

Die Geschichte beginnt an einem nicht mehr exakt feststellbaren Tag im Jahre 1961, einige Wochen oder Monate vor dem Mauerbau. An diesem Tag – so erinnerte sich 1964 der damalige Grödener Pfarrer Heinrich Edler in einer Befragung durch das für ihn zuständige Magdeburger Konsistorium – klopften zwei Männer an die Tür der 400 Jahre alten Martinskirche. Einer der beiden sei laut Edler ein Bekannter von ihm gewesen, der an der Berliner Staatsoper beschäftigte Bühnenbildner Hainer Hill. Der anderen Mann sei ihm von Hill als angeblicher Direktor des Kunstmuseums Moritzburg in Halle/Saale vorgestellt worden.

Strenge Vorschriften

Die Aussagen Edlers in seiner Befragung gehen aus einem Schreiben vom 13. Mai 1964 hervor, das Sebastian Rick im Archiv des Konsistoriums gefunden hat. Demnach habe Edler damals ausgesagt, Hill und sein Begleiter hätten ihm ein finanzielles Angebot für die vier im frühen 16. Jahrhundert entstandenen Holzbildhauerfiguren aus der Kirche unterbreitet: Für 600 D-Mark sollte er ihnen die Schnitzwerke von St. Georg, St. Sebastian und St. Christophorus sowie von Anna Selbdritt – der Begriff bezeichnet in der christlichen Ikonographie eine Darstellung der heiligen Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesuskind – verkaufen. Der Pfarrer ging auf das fragwürdige Angebot ein: Er habe ohne die notwendige Rücksprache mit dem Konsistorium und dem Gemeindekirchenrat dem Geschäft zugestimmt, um damit Geld für die finanziell notleidende Gemeinde zu bekommen, gab Edler zu.

Damit aber war der Verkauf von 1961 illegal und nicht rechtens. Denn für einen Handel mit Kunstwerken aus Kirchenbesitz gibt es strenge Vorschriften, die Pfarrer Edler – wie er in seiner Befragung einräumte – bekannt waren. Auch wurde das Geschäft per Handschlag abgewickelt und kein Kaufvertrag aufgesetzt, worauf ein redlicher Erwerber wohl bestanden hätte. Damit hat die Kirche aus Sicht ihres Anwalts ihr Eigentumsrecht an den vier Figuren nicht verloren. Weil Edler das eingenommene Geld aber tatsächlich für die Gemeinde verwandte und nicht in die eigene Tasche steckte, beließ es das Konsistorium seinerzeit bei einer Missbilligung und sah von einem Disziplinarverfahren ab. Edler durfte Pfarrer bleiben und übte das Amt in Gröden bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1975 aus.

Aus den überlieferten Kirchendokumenten geht nicht hervor, woher der Grödener Pfarrer seinen Geschäftspartner Hainer Hill, den damals über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannten Theatermann aus Berlin, kannte. Hill, Jahrgang 1913, war eine Berühmtheit: 1950 hatte ihn Bertolt Brecht ans Berliner Ensemble geholt, wo er mit seinen auf einer ausgefeilten Projektionstechnologie basierenden Bühnenbildern für Aufsehen sorgte. Am BE profilierte sich Hill zudem als Theaterfotograf, viele seiner Aufnahmen werden heute im Bertolt-Brecht-Archiv der Akademie der Künste in Berlin aufbewahrt.

Hill starb im Jahr 2001

1953 wechselte Hill als Erster Bühnenbildner an die Ost-Berliner Staatsoper, wo er bis zum Mauerbau angestellt blieb. Seine Wohnadresse hatte der Künstler allerdings in West-Berlin. Nach der Schließung der innerdeutschen Grenze im August 1961 blieb er im Westen, weshalb ihm Ost-Berlin den Nationalpreis versagte, den er eigentlich zum DDR-Jahrestag am 7. Oktober 1961 erhalten sollte. Hill zog nach Karlsruhe um und arbeitete in den folgenden Jahren an Theatern in Karlsruhe und Dortmund. Hinzu kamen Gastaufträge als Bühnenbilder in aller Welt. Am 20. August 2001 starb Hill.

Auf den rechtswidrigen Deal des Pfarrers mit dem Theatermann war das Konsistorium durch einen Zufall aufmerksam geworden. Dem Dresdner Professor für Kunstgeschichte und Denkmalpflege, Walter Hentschel, war 1964 in einer westdeutschen Kunstzeitschrift das Verkaufsangebot einer Schnitzskulptur aufgefallen.

Hentschel war sich sicher, darin eine der Holzfiguren aus der Grödener Kirche wiederzuerkennen, auch wenn das Kunstwerk in der Zeitschrift als aus Thüringen stammend bezeichnet wurde. Gut vorstellbar, dass der Professor seinerzeit auch den ihm gut bekannten Dresdner Chefdenkmalpfleger Hans Nadler konsultierte. Nadlers Vater, ein in Gröden lebender Kunstmaler, hatte 1925 mit dem Pfarrer zusammen die jahrhundertealten Holzskulpturen auf dem Dachboden des Pfarrhauses entdeckt, die dort offenbar seit langem vor sich hinrotteten.

Konsistorium war überzeugt, dass Hill Kunstwerke behalten hat

Davon wusste auch Nadlers Sohn, waren die Figuren doch seinerzeit nicht zuletzt auf Betreiben des Vaters restauriert worden und 1937 in die Kirche zurückgekehrt – als „eindrucksvoller Schmuck (…), der Zeugnis gibt von dem religiösen Sinn unserer Vorfahren und dem hohen Stand der Holzbildhauerkunst jener Zeit“, wie es in einem Schreiben des Denkmalkonservators der Provinz Sachsen aus dem Jahre 1938 heißt.

Das Konsistorium war überzeugt davon, dass Hill die in Gröden unrechtmäßig erworbenen Kunstwerke behalten und mit nach Karlsruhe genommen hatte. Ob man sich nach der Entdeckung in der Kunstzeitschrift aber auch an Hill wandte mit der Bitte um eine Rückgabe des unrechtmäßig erworbenen Kunstgutes, geht aus den überlieferten Dokumenten nicht hervor. Auch nicht, ob man staatliche Stellen in der DDR einschaltete. Vermutlich aber kehrte man den Fall unter den Tisch, weil es andernfalls mit Sicherheit zu einem Ermittlungsverfahren gegen Pfarrer Edler gekommen wäre, was die Landeskirche offenbar verhindern wollte.

„Ich hörte die Geschichte schon als Kind von unserem Pfarrer“, erinnert sich der aus Gröden stammende Sebastian Rick. „Sie hat mich nie losgelassen.“ Vor anderthalb Jahren beschloss er dann, auf Spurensuche zu gehen. Der Historiker suchte Zeitzeugen, durchforstete Archive. Ein paar Dokumente konnte er schließlich finden, aus denen sich die Geschichte rekonstruieren ließ. Und dann stieß er zufällig auf den Verkaufskatalog eines Stuttgarter Auktionshauses aus dem Jahre 2002. „Ich wollte meinen Augen nicht trauen: Da war doch tatsächlich die Anna-Selbdritt-Skulptur aus der Grödener Kirche abgebildet“, sagt Rick.

Anna Selbdritt für 13.000 Euro verkauft

Tatsächlich hatte das Auktionshaus Nagel in Stuttgart am 20. September 2002 eine Versteigerung von Alter Kunst und Antiquitäten angesetzt. Mit der Losnummer 1103 wurde die Plastik Anna Selbdritt aufgerufen mit der – unzutreffenden – Herkunftsbezeichnung „Bayerisch, um 1520“. Zur Provenienz des Stückes wurde lediglich auf Englisch vermerkt: „Aus einer alten hessischen Sammlung.“

Als Einstiegsgebot wurden für die Skulptur, bei der es sich offensichtlich um die aus der Grödener Kirche stammende Figurengruppe handelte, 18.000 Euro genannt. Verkauft wurde die Anna Selbdritt – auch das bekam Sebastian Rick noch heraus – schließlich für 13.000 Euro. Nur wer die Figur erwarb, ist unbekannt. Auf Anfrage hatte das Stuttgarter Auktionshaus erklärt, dass man keine Unterlagen zu der damaligen Auktion mehr besitze.

Rick aber wollte noch nicht aufgeben und wandte sich an die in Karlsruhe lebende Witwe des 2001 verstorbenen Hainer Hill mit einer Nachfrage zu den Grödener Holzfiguren. Die Frau bestätigte ihm zwar, dass ihr Mann mehrere Plastiken besessen habe. „Aber um welche es sich dabei gehandelt habe, wisse sie nicht, erklärte sie mir“, sagt Rick. „Ohnehin seien längst alle Kunstwerke inzwischen verkauft, fügte sie noch hinzu.“

Eintrag in das Art-Loss-Register

Aber Rick gibt die Suche nach den verschwundenen Kirchenfiguren nicht auf. „Wir wollen mit den jetzigen Besitzern der Holzskulpturen, die die Stücke wahrscheinlich gutgläubig erworben haben, ins Gespräch kommen über einen möglichen Rückkauf“, sagt er. Die Gemeinde hat inzwischen einen Berliner Rechtsanwalt eingeschaltet. Dessen Versuch, die vier verschwundenen Skulpturen aus der Grödener Kirche in die Lost-Art-Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg eintragen zu lassen, um auf diese Weise vielleicht in Kontakt mit den jetzigen Besitzern der Figuren zu kommen, schlug allerdings fehl. Magdeburg lehnte die Anfrage ab mit der Begründung, dass in der Datenbank keine Nachkriegsverluste gelistet werden.

„Wir haben uns daher entschieden, die Schnitzfiguren über das in London ansässige Art-Loss-Register ALR suchen zu lassen“, sagt Rick. „Das kostet uns zwar eine geringe Gebühr, und wir müssen bei einem möglichen Rückkauf auch zehn Prozent des Kaufpreises an ALR entrichten. Aber wenn wir Erfolg haben, ist es uns das wert.“

Die Aussichten stehen nicht schlecht: ALR, das Register, das mit Auktionshäusern, Kunsthändlern und Versicherungen kooperiert, gilt als weltweit größte Datenbank für verlorene und gestohlene Kunstwerke. Händler, die Kunst verkaufen oder versteigern lassen wollen, fragen die betreffenden Kunstgegenstände vorab in der Datenbank ab und lassen sie sich – sollten sie dort nicht enthalten sein – als unbedenklich zertifizieren. Bei ihren Recherchen arbeitet die Firma zudem mit Kunstfahndern der europäischen Polizei und des FBI zusammen und schaltet Suchanzeigen in internationalen Kunstzeitschriften.

Der Historiker Sebastian Rick stammt aus Gröden. Er hörte die Geschichte der Figuren schon als Kind. Foto: Markus Wächter / Waechter

Rick zuversichtlich, dass der Plan aufgeht

Für die vier sakralen Schnitzbildwerke aus der Grödener Kirche bedeutet dies, dass sie nun nicht mehr so einfach auf dem legalen Kunstmarkt gehandelt werden können. Mit dem Eintrag beim ALR haben sie aber auch auf dem grauen Markt einen Wertverlust erlitten, so dass etwa für die Anna-Selbdritt-Figurengruppe heute kaum mehr jene 13 000 Euro zu erlösen wären wie auf der Stuttgarter Auktion im Jahre 2002. Auf diese Weise sollen die derzeitigen Besitzer der Kirchenfiguren dazu gebracht werden, sich mit dem rechtmäßigen Eigentümer – der Grödener Kirchgemeinde – in Verbindung zu setzen, um über einen Rückkauf zu verhandeln.

Sebastian Rick ist zuversichtlich, dass der Plan aufgehen wird. „Und wenn die vier Figuren da sind, werden wir sie wieder in der Kirche von Gröden aufstellen“, sagt er. „Dort, wo sie hingehören.“

Berliner Zeitung, 20.01.2019
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Die Fahndung. Berliner Historiker will wertvolle Schnitzfiguren finden 20.01.2019 · Berliner Zeitung