28.04.2020  –  Märkische Oderzeitung

Die Krypta im Dom zu Brandenburg sah vor 60 Jahren noch ganz anders aus

Die Kryptengedenkstätte © Foto: Dommuseum
Die Krypta – Fotomontage. © Foto: Domstiftsarchiv BDS B 714 A3
Ausstellungs-Aufbau ist der Krypta mit Rekonstruktion der Fischer-Fenstern. Foto: Dommuseum © Foto: Dommuseum

Th. Messerschmidt / 28.04.2020, 08:00 Uhr Brandenburg (BRAWO) Für viele Menschen gehört die Krypta zu den schönsten Räumen im Brandenburger Dom. Ohne Zweifel vermittelt sie eine besondere Atmosphäre. Dieser wandelbare Raum sah vor 60 Jahren noch ganz anders aus. Die massive Freitreppe, die zum Hohen Chor führte, versperrte jeden Blick in die Krypta. Erst 1964 wurde sie abgebrochen.

Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde mit der Behebung der Kriegsschäden am Dom begonnen. Im Mai 1946 fand der erste Gottesdienst im Langhaus des Domes statt. Das 1000jährige Jubiläum der Bistumsgründung 1948 feierte man mit einem Festgottesdienst in der Krypta. Das Domkapitel begriff das Jubiläum als Beginn einer neuen Zeit, ohne aber die Tradition außer Acht zu lassen.

Die Planungen für die künstlerische Ausgestaltung der Krypta waren da schon in vollem Gange. Es ging um eine Gendenkstätte für die evangelischen Blutzeugen des Nationalsozialismus. Schon 1946 waren die ersten Entwürfe eingegangen.

Der durch das Domkapitel ausgeschriebene Wettbewerb zur Gestaltung der Gedenkstätte fand große Resonanz unter zahlreichen deutschen Künstlern.

Eine Auswahl der eingesandten Entwürfe gibt zugleich auch einen Einblick in das künstlerische Schaffen nach dem Ende des 2. Weltkrieges. Bereits bekannte, aber auch unbekanntere Künstler beteiligten sich daran. Die eingesendeten Entwürfe wurden von einer Jury des Domkapitels begutachtet. Auffallend ist, dass der Kunstdienst der Evangelischen Kirche daran unbeteiligt blieb. Dies unterstreicht die Eigenständig- und Unabhängigkeit des Domstiftes.

Zu den Künstlern, die sich beteiligten, gehörten u.a. Rudi Wagner (seine berühmte „Hungernde Hand“ diente über Jahrzehnte als Logo der Kampagne „Brot für die Welt“), die Mosaikwerkstatt Jungebloedt und Wilhelm Groß (zu seinen Werken zählt u.a. das Grabmal für Paul Schneider, dessen Erinnerungstafel in der Gedenkstätte der Krypta zu finden ist).

Erst 1953 aber wurde ein Entwurf des Kunstschmieds Fritz Kühn umgesetzt. Noch heute ist Kühns Werk an der Nordwand der Krypta zu sehen. Es handelt sich um eine Lade, in der Tafeln mit den Lebensdaten der im Kirchenkampf ermordeten evangelischen Christen aufbewahrt werden. Diese Auswahl der Biographien, die dem Buch „…und folgten ihren Glauben nach. Gedenkbuch für die Blutzeugen der Bekennenden Kirche“ von Bernhard Heinrich Forck folgt, war stellvertretend für alle Opfer der NS-Gewaltherrschaft gedacht. Trotzdem gab es immer wieder Diskussionen, ob die Gedenkstätte nicht überarbeitet werden müsste. Bis heute sind sie nicht beendet.

Für den Neubeginn aus künstlerischer Perspektive stehen auch die Bleiglasfenster der Malerin und Grafikerin Ilse Fischer. Um den Altar waren in den fünf Fenstern von links nach rechts, also im Norden beginnend und auf der Südseite endend, der Verrat des Judas, die Ölbergszene, der Händewaschende Pilatus, die Verspottung sowie die Kreuztragung zu sehen.

Es mag auch überraschen, dass der Zyklus zwar wichtige Passagen der Passion enthält, die zentrale Darstellung, nämlich der erlösende Tod Christi am Kreuz, aber ausgelassen ist. Dies ist aber allzu kurz gedacht. Der Altar als zentraler Ort des Gottesdienstes nämlich ersetzt das Kreuzigungsbild. Die Einsetzungsworte, die der Pfarrer bei der Feier des Abendmahls spricht, erinnern an das Sühneopfer Christi am Kreuz. So wird der Bilderzyklus durch die liturgische Handlung des Pfarrers im Gottesdienst vervollständigt.

Lange hat man es mit Ilse Fischer in der Krypta nicht ausgehalten. Schon 1965 ließ das Domkapitel die Fenster wieder entfernen und durch die farblosen Scheiben ersetzen, die heute noch vorhanden sind. Man befand die Krypta insgesamt zu dunkel. Außerdem passten die modernen Glasfenster nicht in das Konzept, das in den 1960er Jahren der Sanierung des Domes zugrunde lag und auf die Wiederherstellung des mittelalterlichen Raumes zielte.

Für kurze Zeit wird Ilse Fischers Zyklus nun wieder in der Krypta zu sehen sein, und zwar als Teil der Ausstellung  „Umdenken. Gedenkkultur am Brandenburger Dom“, die sich mit der Erinnerungskultur am Brandenburger Dom beschäftigt; von der Rezeption des Bistumsgründer König Otto I über die Herrschermemoria auf dem Marienberg und das staatlich verfügte Heldengedenken nach den Befreiungskriegen bis zum Umgang mit schwierigen Denkmalen. Ab dem 15. Mai wird die Ausstellung zu sehen sein, der Kunstraum Krypta ist schon in Arbeit.

Märkische Oderzeitung, 28.04.2020
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