20.08.2019  –  Märkische Oderzeitung

Diskussionsrunde in Altlangsow – Die Kirche gehört ins Dorf

Die Kirche gehört ins Dorf: Gudrun Wendt stellte Pläne im Schul- und Bethaus Altlangsow zum Wiederaufbau der Kirche Altwriezen-Beauregard vor. Moderator Kurt Winkler assistierte.© Foto: Cornelia Mikat
Gut besucht: Die Gesprächsrunde zu Kirchen im Oderland lockte viele Bürger nach Altlangsow.© Foto: Cornelia Mikat

Zu einer Gesprächsrunde über die Vergangenheit und Zukunft von Kirchengebäuden im Oderbruch hatte der Förderverein Schul- und Bethaus Altlangsow eingeladen. Dafür fanden sich im Podium der Veranstaltung Kulturwissenschaftler Kenneth Anders, die Stiftungsrätin des Landschaftsfonds Oderbruch und Fördervereinsmitglied der Kirche Altwriezen-Beauregard, Gudrun Wendt, Angelika Plett vom Förderkreis Fachwerkkirche Sietzing sowie Pfarrer Martin Müller und der Superintendent Frank Schürer-Behrmann zusammen. Kulturwissenschaftler Kurt Winkler moderierte die Runde. „Welche Rolle spielen Kirchen und Dorfkirchen in den gegenwärtigen Dorfgemeinschaften und welchen Beitrag leisten sie zur Kultur und Erinnerung?“, begann Winkler das Gespräch.

Kriegsfolgen sind sichtbar

Superintendent Frank Schürer-Behrmann schilderte die aktuelle sehr differenzierte Situation in den Kirchengemeinden. Zum Zustand zahlreicher Gebäude der Kirche, führte er aus: „Geschichtlich betrachtet, ist dieser noch nie so gut gewesen wie jetzt.“ Dennoch  seien Kriegsfolgen und die Zeit stalinistischer Diktatur immer noch sicht- und spürbar. Ungefähr 80 Kirchen befänden sich im Bereich des früheren Bezirkes Frankfurt(Oder). Neben gut instand gesetzten existierten auch sehr sanierungsbedürftige und etliche Ruinen. Trotz sinkender Gemeindemitgliederzahlen wolle man keine Kirche zerfallen lassen. Eine Möglichkeit zur Erhaltung von Gotteshäusern sah der Superintendent darin, kirchliche Kooperationen mit Vereinen, Schulen oder Kommunen einzugehen: „Es existieren keine Generallösungen.“

Gudrun Wendt  berichtete, dass es im Förderverein Kirche „Altwriezen“ eine gute Zusammenarbeit von Zugezogenen, alteingesessenen Christen und konfessionslosen, interessierten Bürgern gebe. Der Förderverein trage mit seiner Zielstellung und als Stätte sozialer Begegnung zu einer echten Belebung der Dorfgemeinschaft bei. Das bestätigte auch Kenneth Anders vom Oderbruchmuseum Altranft. Er erklärte: „Kirchen können Punkte des Kulturerbes werden, wenn sich dort Menschen füreinander und für ihr Dorf engagieren.“ Schließlich verwies er darauf, dass an sinkenden Zahlen gläubiger Kirchenmitglieder nicht allein die Zeit des Stalinismus Schuld trage. Dieser gesellschaftlich von zahlreichen Umständen beeinflusste Prozess ließe sich schließlich auch in Bayern beobachten. Er empfahl die nutzbaren Funktionen von Kirchen – wie schon in einigen Orten erprobt – mit Herbergskirchen, Theater- oder Kinder- und Radfahrerkirchen zu erweitern. Kirchen, erklärte er, müssten sich als Motor der Dorfgemeinschaft verstehen und für alle Menschen zur Mitwirkung offen stehen.

Wie das in der Praxis funktioniert, verdeutlichte Angelika Plett vom Förderkreis Fachwerkkirche Sietzing. Rund 16 Mitglieder ihres Vereins organisierten in Sietzing gemeinsam mit Helfern schon etliche Veranstaltungen vom Café über eine Kinderkirche bis zur Märchenstunde. Die Kirche wird derzeit saniert.

Auch Pfarrer Martin Müller konnte über dörfliches Engagement berichten. Er schilderte die Erfolge bei der Sanierung der Kirche in Dolgelin als großes Gemeinschaftswerk von engagierten Bürgern und Christen mit der Dorfgemeinschaft.

Akteure nicht überfordern

Dem Optimismus in der Runde verpasste schließlich Superintendent Frank Schürer-Behrmann ein paar realistisch gemeinte Leitplanken mit der Bemerkung: „Man darf Dorfgemeinschaften aber auch nicht überfordern.“ Zugleich sprach er sich dafür aus, in Regionen mit sinkenden Bevölkerungszahlen bei Initiativen zum Wiederaufbau von Gotteshäusern die Nachhaltigkeit zu berücksichtigen. Auch Kenneth Anders konstatierte eine sehr differenzierte Entwicklung in den Kommunen. Er kritisierte, dass es für manche Bauvorhaben viele Millionen Euro Förderung gebe, für die Ausprägung eines die errichteten Räumen mit Leben füllenden kulturellen Angebots aber kaum annähernd adäquate Ressourcen bereit ständen. So können manch gute Ideen nicht verwirklicht werden. „Etwas Neues kann nur da entstehen, wo zwei sich finden und mit Mut etwas beginnen und wagen“, resümierte Pfarrer Martin Müller. Gudrun Wendt stellte Pläne zum Wiederaufbau der Kirche Altwriezen-Beauregard vor. Das Projekt soll mit der Errichtung eines Glockenturms starten.

Märkische Oderzeitung, 20.08.2019
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