13.08.2019  –  Märkische Oderzeitung

Ein „Jahrhunderterlebnis“ in Rädigke

Vorbereitung: Pfarrer Matthias Stephan und Kantor Winfried Kuntz sowie zahlreiche Interessierte waren zugegen, als die Glocke in den Kirchturm gehoben wurde.© Foto: B. Kraemer

Bärbel Kraemer / 13.08.2019, 11:48 UhrRädigke  Im Turm der Rädigker Kirche hängen wieder zwei Glocken. Am Dienstag wurde das Geläut vervollständigt. Viele Einwohner und Interessierte hatten sich eingefunden, um dieses „Jahrhunderterlebnis“ hautnah mitzuerleben.

„Für mich fühlt es sich an, als ob ich ein Kind ins Leben entlasse“, sagte Bad Belzigs Kantor Winfried Kuntz. Er hat die Glocke der Rädigker Kirchengemeinde als Dauerleihgabe überlassen. „Weil Glocken für die Ewigkeit gemacht sind.“

Der Hof des Gasthofs Moritz war morgens Treffpunkt für die, die mit eigenen Augen sehen wollten, wie die 200 Kilogramm schwere Bronzeglocke in den Kirchturm eingehoben wird. Umkränzt stand die Glocke zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Moritzschen Hof. Dort erinnerte Pfarrer Matthias Stephan an das Schicksal ihrer Vorgängerin. Der Kirchenglocke, die 1917 zu Kriegszwecken abgegeben werden musste. Seitdem hing im Turm nur noch eine Glocke. Deutschlandweit mussten während des Ersten Weltkrieges mehr als 10.000 Kirchenglocken eingeschmolzen werden. Bis auf den heutigen Tag konnten viele Gemeinden die fehlenden Glocken nicht ersetzen – wie die Rädigker.

In dieser Folge nahm die Gemeinde die Glockenspende des Kantors mit großer Freude und tiefer Dankbarkeit entgegen. Anfang Mai war bereits eine Spendenaktion gestartet worden, um das Einstellen der Glocke mittels Kran, ein Eichenholzjoch, einen Klöppel und die Montage finanzieren zu können.

Pfarrer Matthias Stephan erinnerte bei der Gelegenheit an die vielen kleinen Etappen, die im Vorfeld gemeistert wurden. Dann war es endlich soweit. Die auf einem kleinen Wagen stehende Glocke wurde vom Hof der Gastwirtschaft über den Friedhof zur Kirche gezogen. Angekommen, wurde der Wagen mit seiner kostbaren Fracht vor der Kirche platziert; zeitgleich positionierte sich ein großer Kranwagen, der die Glocke in den Turm heben sollte.

Die bereitstehenden Glockenbauer, die die Glocke später im Turm einbauen sollten, hatten eigens dafür die Schallluken im Turm geöffnet. Bevor der Kranwagen die Glocke gen Kirchturmspitze entschweben ließ, wurde dieselbe noch geweiht und durch den Kantor zum ersten Mal angeschlagen. Ein warmer dunkler Ton verbreitete sich durch das Dorf. Jede Minute, jeder Handgriff, jeder Augenblick wurde von den umstehenden via Smartphone und Kamera für die Ewigkeit festgehalten. Auch der Klang der Glocke wurde aufgezeichnet.

Dann ging alles viel schneller als erwartet. Kinderleicht wirkte die Präzisionsarbeit des Kranfahrers, der die Glocke an die offene Schallluke hievte. Dort wurde sie von den Glockenbauern abgenommen, entschwand hinter den Kirchenmauern und der Kantor erzählte, wie er zu einer Kirchenglocke kam.

Als er 2017 von der Schließung der traditionsreichen Kunst- und Glockengießerei in Lauchhammer erfuhr, machte er sich noch einmal auf den Weg dorthin. 2016 war dort bereits die neue Locktower und im Jahr darauf eine Glocke für die Mörzer Kirche gegossen worden.

Nach diesen schlug auch die Geburtsstunde jener Glocke, die jetzt im Rädigker Kirchturm hängt. „Sie war ursprünglich für eine Kirche in Sachsen vorgesehen“, so der Kantor. Doch nach ihrer Fertigstellung wurde sie nicht abgenommen. Der Glockensachverständige hatte festgestellt, dass die Glocke nicht zu 100 Prozent zum Klang des bereits vorhandenen Geläuts passte. In dieser Folge musste für die Kirche in Sachsen eine neue Glocke gegossen werden. Die nicht abgenommene wurde, obwohl qualitativ vollkommen einwandfrei, zu den so genannten „Restglocken“ in die Werkhalle gestellt. Bis zu Kuntz Besuch vor Ort. Eine zweite, etwas größere Glocke mit dem selben Schicksal, vermittelte er kurzerhand ins Havelland. Die kleinere erwarb er selbst. „Hätte ich ein eigenes Haus oder einen Garten, hätte ich sie bestimmt dort aufgehängt“, sagt er lächelnd. Schon während der Rückfahrt von Lauchhammer, mit der erworbenen Glocke im Auto, machte er sich Gedanken, in welche Dorfkirche sie passen könnte. Nach einem Gespräch mit Pfarrer Matthias Stephan fiel die Wahl auf das Rädigker Gotteshaus.

Am Mittwoch konnte der Einbau der Glocke erfolgreich abgeschlossen werden. Sie hängt jetzt an einem neuen Eichenjoch, hat einen Klöppel und kann in den Läutedienst der „großen Schwester“ einstimmen. Am 1. September werden beide Glocken erstmals gemeinsam läuten.

Hintergrund

Die neue Glocke in der Kirche misst 80 Zentimeter im Durchmesser, ist 200 Kilogramm schwer und aus Bronze. Sie trägt das Wort der Engel aus der Weihnachtsgeschichte „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ zur Glockenzier. Am 1. September, 14.00 Uhr, werden beide Glocken zu einem Gedenkgottesdienst aus Anlass des Beginns des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren rufen.

Märkische Oderzeitung, 13.08.2019
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