10.06.2020  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Eine Kirche zieht um: Kleinwudicker verschenken ihre Kapelle an Jerchel

Es passiert mal wieder Außergewöhnliches im Milower Land. Ein Dorf hat eine Kapelle, die keiner mehr nutzt, das andere zahlreiche Kirchgänger, aber keine Kirche mehr. Was liegt da näher, als das Gebäude einfach umziehen zu lassen?

Die Kleinwudicker Kapelle, die seit Jahrzehnten nicht mehr genutzt werden kann, soll noch in diesem Jahr abgebaut und in Jerchel wieder aufgebaut werden. Zugegeben, das klingt etwas verrückt. Aber das Milower Land ist ja inzwischen bekannt für außergewöhnliche Projekte und damit dürfte klar sein, dass auch dieses Vorhaben, das eine Schnapsidee zu sein scheint, ernst gemeint ist.

Seit 2006 haben die Kleinwudicker immer wieder überlegt, was mit der Kirche auf dem Friedhof passieren soll. Seit Mitte der 1970er Jahren kann das Gotteshaus wegen Einsturzgefahr nicht mehr genutzt werden. Ein Teil der Bürger sprach sich für einen Abriss aus.

Die Kleinwudicker Kirche soll in Jerchel neu aufgebaut werden. Manuela Kästner, Hannelore Proske, Bürgermeister Felix Menzel und Pfarrerin Magdalene Wohlfarth schauen sich den neuen Platz für das Gotteshaus in Jerchel an. Quelle: Christin Schmidt

Die anderen taten sich schwer mit dem Gedanken, die Kirche dem Erdboden gleichzumachen. Für eine Sanierung fehlt der Evangelischen Hoffnungskirchengemeinde im Elb-Havel-Winkel, zu der Kleinwudicke gehört, aber schlichtweg das Geld.

Jercheler Kirche wurde 1982 abgebaut

Ein ganz anderes Problem beschäftigt derweil die Jercheler. Sie haben seit fast 40 Jahren keine Kirche mehr. 1982 wurde das Gotteshaus im Dorf abgebaut. Stehen blieb lediglich der Glockenturm, ein Überbleibsel der 1590 erbauten Fachwerkkirche, das an die Geschichte Jerchels als Pfarrdorf erinnert.

Für Gottesdienste musste die Kirchengemeinde in den letzten Jahren die Räume im ehemaligen Pastorenhaus nutzten. Das soll sich nun ändern.

Denn dort, wo einst die Kirche in Jerchel stand, soll nun die Kleinwudicker Kapelle aufgebaut werden. Die Idee dazu hatte Felix Menzel (SPD), Bürgermeister der Gemeinde Milower Land und selbst Kleinwudicker.

An der Mauer des Feuerwehrhauses in Jerchel ist die alte Dorfkirche abgebildet – ein Fachwerkbau, genau wie die Jercheler Kapelle. Quelle: Christin Schmidt

„Wenn in einem Ort eine Kirche steht, die nicht mehr genutzt werden kann und es zudem kaum Kirchgänger gibt, während in einem anderen Ort seit Jahren der Wunsch nach einem neuen Kirchengebäude besteht, liegt ein solcher Umzug doch nahe. Wir retten damit ein Bauwerk, um es anderer Stelle wieder aufzubauen“, erklärt Menzel mit einem Lächeln.

Von dieser wagemutigen Idee konnte er auch die Mitglieder des Ortsbeirats in Großwudicke überzeugen. Der für Kleinwudicke zuständigen Pfarrerin Katrin Brand gefällt dieser Lösungsansatz ebenfalls.

Und ganz begeistert davon ist Pfarrerin Magdalene Wohlfarth. Sie ist für das zum Evangelischen Kirchenkreises Elbe-Fläming gehörende Kirchspiel Nitzahn zuständig, zu dem neben Jerchel auch die Orte Nitzahn, Bahnitz, Möthlitz und Knoblauch gehören.

Jerchel bekommt eine Fahrrad- und Kulturkirche

„Mit diesem Projekt geht ein langgehegter Wunsch der Kirchengemeinde in Erfüllung. Wir wollen hier aber keine Kirche im herkömmlichen Sinn schaffen. Stattdessen soll ein offenes Haus entstehen, eine Fahrrad- und Kulturkirche, die wir mit Leben füllen wollen und die für alle Menschen da ist“, beschreibt Magdalene Wohlfarth das Vorhaben.

Zehn Kooperationspartner, die bereit sind, mit der Kirche zusammenzuarbeiten, konnten sie und ihre Mitstreiter bereits überzeugen. Dazu gehören unter anderem der Bahnitzer Kunstverein, die Wichern Buchhandlung aus Brandenburg/Havel, die zu Lesungen einladen möchte, die Buckower Landfrauen sowie ein Fotograf, der eine Ausstellung in dem Haus plant.

„Selbst Yoga-Kurse können hier stattfinden, denn im Innern wird das Haus nicht wie eine typische Kirche aussehen“, verspricht Wohlfahrth. Der Nabu hat ebenfalls Interesse angemeldet und würde das Gebäude gern für Bildungsangebote nutzen.

Eine neue Einkehrmöglichkeit für Radtouristen

Nicht zuletzt ist auch der Tourismusverband Havelland sehr interessiert an dem Vorhaben. Denn die Kulturkirche wird sich in unmittelbarer Nähe zum Havelradweg befinden und dürfte deshalb viele Radtouristen anlocken.

„Bis zu 100 Radler kommen im Sommer durch unseren Ort. Viele machen auf dieser Wiese, auf der bald die Kirche stehen soll, Halt. Aber eine richtige Einkehrmöglichkeit fehlte bisher. Das soll sich mit unserer neuen Kulturkirche ändern“, erklärt Hannelore Proske vom Gemeindekirchenrat.

Die gebürtige Jerchelerin macht sich seit Jahren stark für ein neues Zuhause für die Gemeinde. „Denn ohne Kirche fehlt dem Dorf das Herz“, sagt Proske.

Rückbau bis 30. September

Die für den Rückbau nötige Verfügung des Landkreises Havelland liegt bereits vor und ist bis zum 30. September gültig. Bis dahin muss die Kapelle in Kleinwudicke abgebaut sein. Wie teuer das Ganze wird ist derweil noch nicht klar. „Der Umzug der Kirche dürfte aber weniger als 400.000 Euro kosten“, schätzt Pfarrerin Wohlfarth.

Diese Summe soll unter anderem mit Fördermitteln aufgebracht werden. Zudem wird die Landeskirche Magdeburg, zu der Jerchel gehört, das Vorhaben mitfinanzieren. „Dafür werden wir auch Eigenmittel aus dem Verkauf des Pfarrhauses nutzen“, erklärt die Pfarrerin.

Kleinwudicker wollen ihre Glocke behalten

Geplant ist ein funktionaler Anbau mit einer kleiner Küche und Sanitäranlage. Im Haus selbst soll es keine festen Sitzbänke geben.

Statt eines starren sakralen Inneren soll ein offener Raum entstehen, der flexibel für Ausstellungen, Lesungen oder Konzerte genutzt werden kann. Läuft alles nach Plan, könnte die Kleinwudicker Kapelle schon im nächsten Jahr an ihrem neuen Platz stehen.

Nur eine Bedingung haben die Kleinwudicker gestellt. Sie wollen ihre Kirchenglocke behalten. Damit hat das Dorf dann zwar keine Kirche mehr, aber immerhin bleibt die Glocke den Bürgern erhalten. Und die Jercheler haben ja ohnehin noch ihren alten Glockenturm, der nach wie vor regelmäßig läutet.

Von Christin Schmidt

Märkische Allgemeine Zeitung, 10.06.2020