07.08.2020  –  Märkische Oderzeitung

Entwidmung der Kirchen-Baracke von Wolletz

Schlicht und haltbar: Der Baubetrieb der Staatssicherheit hat 1970 dieses Kirchen-Gebäude in wenigen Tagen errichtet. Es entstand anstelle einer zuvor abgerissenen Fachwerkkirche.© Foto: Oliver Schwers/MOZ
Die letzte Predigt: Prädikant Manuel (l.) und sein Vater Manfred Stübecke nehmen die Entwidmung der Wolletzer Kirchenbaracke vor.© Foto: Oliver Schwers

Oliver Schwers/ 07.08.2020, 17:11 UhrWolletz (MOZ) Einen Architekturpreis hätte die kleine schlichte Baracke des VEB Dynamo-Bau wohl nie bekommen. Dennoch diente das einst in wenigen Tagen aufgestellte Gebäude genau 50 Jahre lang als Kirchenraum in Wolletz. Dass ausgerechnet die Baufirma der Staatssicherheit ein solches Gotteshaus errichtete, dürfte wohl einmalig in der deutschen Geschichte sein. Es lag wohl an einem der bekanntesten Mitbewohner des Dorfes. Stasi-Chef Erich Mielke kehrte gern in seinem nur wenige Meter entfernten Jagdschloss ein. Und so kam es, dass nach Abriss der baufälligen Fachwerkkirche im Jahre 1965 ein Ersatzbau an gleicher Stelle auf dem Friedhof entstand.

Ungewöhnliches Gotteshaus

Doch der ist nun auch hinüber. Der Gemeindekirchenrat hat vor ein paar Wochen beschlossen, das ungewöhnliche Gotteshaus gänzlich aufzugeben und zurückzubauen. Eine Sanierung lohnt nicht. Viele Gottesdienste haben ohnehin nicht mehr stattgefunden. Die Gardinen stammen noch aus der Gründerzeit. Die Elektrik gibt ihren Geist auf. Im Inneren finden höchstens 30 Menschen Platz. Doch auch wenn es nur eine Baracke ist, handelt es sich um ein geweihtes Gotteshaus. Ein Ort, an dem Taufen und Trauungen stattfanden, wo gebetet wurde, wo kirchliche Feste stattfanden.

Und so kommt an diesem sonnigen Nachmittag eine Gruppe von 22 Menschen auf dem Kirchhof zusammen, um Adieu zu sagen und dem kleinen Bau noch einmal Danke zu sagen für die lange Zeit. Für eine solche Entwidmung hat die evangelische Kirche ein genau vorgeschriebenes Ritual. Denn auch wenn es eben keiner der sonst für die Uckermark typischen massiven Feldsteinbauten aus dem 13. Jahrhundert ist, erfolgt der Abschied in Würde. Sogar die große Marienkirche in Angermünde lässt zur gleichen Stunde die Glocken läuten.

Gemeinsam mit seinen Eltern (beide Pfarrer) nimmt Prädikant Manfred Stübecke den seltenen Akt der Entwidmung vor. Und alle drei bekennen, dass sie noch nie in ihrem Leben einen solchen Anlass wahrnehmen mussten. Die Kirche trennt sich ungern von einem Gotteshaus, und sei es auch ein so ungewöhnliches wie in Wolletz.

Die kleine Gemeinde – unter ihnen Gäste, Einwohner, die Ortsvorsteherin – singt ein letztes Mal (wegen Corona nur ungeschränkt), hört Predigt und ein Stück aus der Apostelgeschichte, bevor das Kreuz, die Bibel und der Abendmahlskelch aus dem nun aufgegebenen Kirchenraum feierlich hinausgetragen werden. Torsten Schünemann vom Kirchenbüro Angermünde hat extra zwei Kerzen für diesen Anlass gefertigt. Sie sollen weiterbrennen.

Neues Zentrum in Planung

Nach dem Abriss wird der dann freie Platz, auf dem noch die Fundamente der Vorgängerkirche zu sehen sind, in würdiger Form gestaltet. Für Gottesdienste steht ein Raum im Ort zur Verfügung. „Es wird weitergehen in Wolletz“, verspricht Manuel Stübecke. „Und zwar auf eine neue Art und Weise.“

Die Kirche und die Stadt Angermünde planen gemeinsam mit einer ortsansässigen Unternehmerfamilie ein interkonfessionelles Zentrum. So bleibt also auch nach zwei Entwidmungen und zwei Abrissen in der Geschichte die Kirche doch noch im Dorf.

Die Kollekte an diesem Tag geht an die Kirchenbaustiftung: Sie fördert die Sanierung alter Gotteshäuser.

Märkische Oderzeitung, 07.08.2020