27.05.2020  –  Märkische Oderzeitung

Geheimnisse des Brandenburger Doms – Wie ein Grabstein zur Türschwelle wurde

Dieser Säulenabschluss wurde kurzerhand umgebdreht und zur Basis gemacht. © Foto: Domstiftsarchiv

Dr. Rüdiger von Schnurbein / 27.05.2020, 04:15 Uhr Brandenburg Die Dominsel ist ein wunderschönes Stück Brandenburg, der Dom ein herausragendes Bauwerk – entstanden ab dem 11. Oktober 1165 (Grundsteinlegung) auf geschichtsträchtigem Boden. Die Havelinsel war Standort für eine slawische Niederungsburg und sie wurde zur „Wiege der Mark Brandenburg“. Denn: „Hier gründete König Otto I. im Jahr 948 das Bistum Brandenburg“, ist auf www.dom-brandenburg.de nachzulesen. Die Gründungsurkunde wird im Dom aufbewahrt, wie so viele Schätze. „Die qualitätsvollen Kunstwerke stammen aus allen Epochen vom Mittelalter bis ins 20. Jh.“, heißt es auf der Internetseite des Domes, der nach der Corona-Schließzeit seit 3. Mai wieder für Gottesdienste, Besichtigungen, Fürbitten und stille Momente geöffnet ist (Mo-Sa 11-17 Uhr, So 12-17 Uhr). BRAWO hat die „Schatzkiste Dom“ längst geöffnet und stellt ein Jahr lang jede Woche einen Schatz vor. Um Vorfreude auf einen nächsten Besuch zu schüren sowie auch den Stolz der BrandenburgerInnen.

Teil VIII: Umgedreht und flachgelegt

Was das Baumaterial angeht, so hat die Natur das Havelland nicht sehr reichlich beschenkt. Sicherlich – man findet viele Feldsteine, aus denen man Mauern errichten kann – die frühen Feldsteinkirchen berichten davon. Auch die Petrikapelle bestand einst aus solchen Brocken. Man kann sie noch heute in der Nordfassade der kleinen Kirche sehen. Allerdings war es schon recht mühsam, diesen harten Stein in Form zu bringen oder gar mit feinen Bildern zu schmücken. Anders verhält es sich mit Sandstein, der sich hervorragend zur Bildhauerei eignet. Dieser steht allerdings nicht in der Gegend an. Die Grabsteine und Kapitelle im Dom stammen naturwissenschaftlichen Untersuchungen zufolge meist aus Bernburg an der Saale. Sie mussten also über Saale, Elbe und Havel aufwendig eingeführt werden und waren teure, begehrte Objekte. Wiederverwendung war angesagt!

Die wunderbaren romanischen Kapitelle (Kapitell = oberer Abschluss einer Säule) in der Krypta sind so ein Fall. Sie zählen zur schönsten Bauplastik, die in der Mark zu finden ist. Ob sie aber wirklich in den Dom gehört – wir wissen es nicht genau. Vielleicht stammen sie aus der Mutterkirche der Mark und sind im Zuge von Umbaumaßnahmen schließlich in der Krypta verbaut worden. Vielleicht kommen sie auch aus einer anderen Kirche und sind als Spolien (Bauteile/-reste aus anderen Bauwerken) nach Brandenburg gekommen. Fest steht, dass man sie in Nachnutzung als Kapitelle in der Krypta eingesetzt hat. Wer einmal zwischen das Doppelkapitell fasst, spürt, dass sie von allen vier Seiten behauen sind. Zwei einzelne wurden zu einem Doppelkapitell zusammengefügt. So entsteht der sinnlose Eindruck, das Mischwesen aus Fisch, Pferd und Mensch würde gegen einen Weinstock kämpfen.

Wer die Krypta verlässt und sich rechts hält, erreicht das nördliche Querhaus. Auf dem Weg zur Bunten Kapelle unterschreitet man die gotische Galerie. Ein Blick auf die Säulen offenbart eine weitere Wiederverwendung: Ein Kapitell wurde kurzerhand umgedreht und zur Basis gemacht.

Sehr bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein Fund, der im Jahr 2008 gelang: Bei den Sanierungen in der Petrikapelle entdeckte man, dass die Schwelle im Südportal früher einmal ein Grabstein gewesen war. Der Quader trägt auf der Vorderseite ein Kreuz, das auf einem Flechtbandornament steht. Dieses Bild geht auf die Darstellung des Kreuzes Christi auf dem Berg Golgatha zurück und erinnert an die Erlösung durch den Tod Christi am Kreuz. Stilistisch wird der Stein auf die Mitte des 12. Jh. Datiert, also die Zeit, als unter Albrecht dem Bären und Bischof Wilmar der christliche Neuanfang in Brandenburg gelang. Mancher träumt sogar, dass es sich um den Grabstein des letzten Hevellerfürsten Pribislav handeln könnte, der 1150 gestorben und schriftlichen Quellen zufolge in seiner Kirche auf der Burg Brandenburg beigesetzt worden ist. Nachweisen lässt sich das nicht. Doch entdeckte man bei denselben Ausgrabungen auch Fundamente einer kleinen Kirche, eines Vorgängerbaus der heutigen Petrikapelle. Träumen ist erlaubt.

Später hat man den Grabstein flachgelegt, umgedreht und als Schwelle verwendet. Mit der Zeit ist er ziemlich ausgetreten und weist eigenartige napfartige Vertiefungen auf. Diese stammen von Gläubigen, die aus der Schwelle des Kirchenportals Steinmehl herauskratzten und als eine Art Reliquie mitnahmen.Hier geht es also nicht nur um die materielle Wiederverendung. Auch im religiösen Sinn ist umgenutzt worden: Der Grabstein wurde profanisiert und als Schwelle genutzt. Später hat man ihn wieder sakralisiert, in dem man ihn als Quelle für religiöse Andenken verwendete.

Der Werdegang dieses Steins ist bemerkenswert. Weitaus bedeutender ist aber seine Datierung. Dieser Grabstein aus der Mitte des 12. Jh. gehört zu den frühesten Nachweisen einer christlichen Bestattung im Land Brandenburg.

Märkische Oderzeitung, 27.05.2020
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