01.06.2020  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Gemeinde Ludwigsfelde sucht lange ihre Selbstständigkeit und ein Gotteshaus

Vor 65 Jahren wurde die evangelische Kirche St. Michael geweiht. Ihr Bau in Ludwigsfelde barg manches unkalkulierbare Risiko. Das Jubiläum wird mit einer Ausstellung gewürdigt und zahlreichen Kirchen-Geschichten.

Die Beschränkungen der Corona-Pandemie bewirkten, dass ein wichtiges Ereignis in Ludwigsfelde kaum ins Bewusstsein der Region drang: Die evangelische Kirche St. Michael beging im Mai das 65. Jubiläum ihrer Weihe. Für ein Kirchengebäude ist das ungewöhnlich, weil solcherart Neubauten in der DDR die Ausnahme waren. So können die evangelischen Christen der Autobauer-Stadt nicht mit herausragendem Kircheninventar, antiker Orgel oder historisch wertvollem Altar glänzen, doch auch hier ist bei näherem Betrachten Erstaunliches zu berichten.

Von einem Platz zum anderen

„Es gibt wohl nur wenige Kirchen, deren Bauplatz so oft umgezogen ist wie der von St. Michael. Er ist buchstäblich in der ganzen Stadt rumgekommen“, sagt Hans-Christoph Rieth, der gemeinsam mit Helga Wunderlich und Martina Rieth eine kleine Ausstellung in Vorbereitung des Jubiläums gestaltet hat.

Hans-Christoph Rieth hat auch eine Karte der Bauplätze angefertigt. Quelle: Andrea von Fournier

Sie alle sind froh, dass sie bereits im Oktober 2019 mit Ideen starteten, gefolgt von umfangreichen Recherchen, die vor allem Hans-Christoph Rieth in kommunale und kirchliche Archive auf Stadt- und Landesebene führten. Im Februar habe er den letzten Besuch absolviert, „gerade rechtzeitig vor Schließung öffentlicher Stellen für den Besucherverkehr“.

Ausstellung im Gemeindehaus

Auf großen Tafeln, die im hell-luftigen Gemeindehaus neben der Kirche auf Staffeleien aufgestellt sind, können sich Besucher über die Entwicklung der Kirchengemeinde, über Vorbereitung und Bau des Gotteshauses und die Partnergemeinde Grenzach informieren. Viele Menschen nehmen sich nach dem sonntäglichen Gottesdienstbesuch die Zeit dafür, doch es kommen auch Interessierte zu den Bürozeiten oder vereinbaren individuelle Termine, mit oder ohne erklärende Führung. Die Schau ist übersichtlich, sinnvoll gegliedert und aussagefähig. „Vom Suchen“, „Vom Werden“ und „Vom Erhalten“ titelten die Ausstellungsmacher und beleuchten mit jeder Überschrift verschiedene Bereiche.

Die Gemeinde schloss ihren Vertrag mit einem Architekten des Kreisbaubetriebes Zossen ab.
Die Gemeinde schloss ihren Vertrag mit einem Architekten des Kreisbaubetriebes Zossen ab. Quelle: Andrea von Fournier

So meint das „Suchen“ einerseits die Suche nach einem Kirchen-Bauplatz, viel früher jedoch bereits die Suche nach der eigenen Identität. Denn Ludwigsfelde als Dorf hatte in den 1920er Jahren wenige Einwohner und wurde bis Anfang der 1970er Jahre kirchlich aus Löwenbruch „regiert“. Pfarrer Schaudienst verrichtete von dort alle nötigen Amtshandlungen und die Seelsorge.

Stadt wächst und mit ihr die Zahl der Gläubigen

Anfang der 1930er Jahre stand die Suche nach Bauplätzen für das Flugzeugmotorenwerk Genshagen an, das die Bauern bereitwillig verkauften. Eine zügige und umfassende Entwicklung Ludwigsfeldes folgte. Dazu gehörte auch die Ausweisung eines Kirchenbauplatzes an der Arthur-Ladwig-Straße nahe der westlichen Ringstraße. Die Nazis verhindern den Bau nach Aussage eines damals Verantwortlichen, denn Kirche passte nicht zur herrschenden Ideologie.

1939 hat Ludwigsfelde eine zehnmal so große Kirchengemeinde wie Löwenbruch. Eine kommunale Friedhofskapelle entsteht und die evangelischen Christen bitten den Bürgermeister, dort Gottesdienste halten dürften. Der stimmt zu und die Superintendentur in Zossen schickt einen Vikar zur Unterstützung von Pfarrer Schaudienst. Von 1940 bis 1943 und nach dem Krieg ab 1947 ist der Geistliche Gerhard Lea als „Pfarrer von Löwenbruch in Ludwigsfelde“ tätig. 1948 entsteht eine selbstständige Kirchengemeinde Ludwigsfelde mit eigenem Kirchenbuch, Taufregister und Kirchenältesten, weiterhin pfarramtlich verbunden mit Löwenbruch.

Bis der tatsächliche Bauplatz gefunden war, verging eine Zeit – staatliche Stellen mischten sich immer wieder ein. Quelle: Andrea von Fournier

Die Stadt weist nun einen Bauplatz am heutigen Aktivpark zu, den die Autobahnmeisterei umgehend „kassiert“ – für einen Autobahnzubringer. Ein Grundstück an der Rathausstraße/Potsdamer Straße wird avisiert und wieder fallen gelassen: Planungen für ein sozialistisches Zentrum dulden keine Kirche im Fokus. Die Kirchengemeinde kauft dann verschiedene Grundstücke und tauscht sie – anders war es damals rechtlich nicht möglich – mit der Stadt gegen das heutige Grundstück im Margeritenweg.

Grundstein wird 1953 gelegt

1953 erfolgte die Grundsteinlegung, am 8. Mai 1955 die Schlüsselübergabe durch Kirchenbaurat Winfried Wendland. Dass das Bauen Risiken und manche „Lachnummer“ barg, kann man in der Ausstellung lesen: Ohne die 95 Kilo Nägel, die vom Westberliner Konsistorium in den Osten geschleppt wurden, wäre es nicht gegangen. Das Geschenk der Zinkdachrinne, das die westliche Kirche übergeben wollte, lehnte der Rat des Kreises ab: Es gäbe nach Prüfung durch Fachleute keinen Vorteil zu PVC. Die Hartfaserplatte, auf der Künstler Gerhard Olbrich das dreiflüglige Altarbild schuf, musste erst vom Konsistorium freigegeben werden. Das Bild war 1955 der einzige Schmuck.

Damit in Apolda 1958 eine Glocke gegossen werden konnte, sammelte man 175 Kilo Schrott, darunter eine kaputte Glocke aus Siethen und eine aus Mecklenburg. 1974 kann die völlig selbstständige Gemeinde ihre Orgel einbauen lassen, auf der noch heute Kantorin Kathrin Hallmann musiziert. Ehemann Bernd Dechant versieht den Pfarrdienst für etwa 1.600 Christen, 4.000 waren es noch zur Grundsteinlegung. Nun wird er unterstützt von Pfarrerin Miriam Wojakowska.

Von Andrea von Fournier

Märkische Allgemeine Zeitung, 01.06.2020