25.01.2020  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Golzow – Früherer Grabschänder gibt geraubten Schädel zurück

Eine Szene wie aus dem Film: Ein unbekannter Mann klingelt am Golzower Pfarrhaus und hat einen Karton dabei. Darin liegt ein Schädel, vermutlich von Friedrich-Wilhelm von Rochow, dessen Sarg in der Golzower Gruft in den 80-er Jahren geschändet worden war.

Eine Szene wie aus einem Gruselfilm mit einem Schädel in einem Karton hat sich im Golzower Pfarrhausabgespielt. Doch sie endete für beide dabei anwesenden Männer mit großer Erleichterung.

Ein Unbekannter hat sich an den Seelsorger und angehenden Pfarrer Oliver Notzke von der Evangelischen Pfarrgemeinde Golzow-Planebruch gewandt. Dieser hatte öffentlich dazu aufgerufen, Grabbeigaben und Skelettteile zurückzugeben, die bei mehreren Grabschändungen der Rochow-Gruft unter der Golzower Kirche geraubt worden war.

Leichenschändung als Mutprobe

Einer derjenigen, die bei den Grabplünderungen in den 80er Jahren dabei gewesen war, tauchte nun im Pfarrhaus auf, unter dem Arm einen Karton. Darin lag der Schädel vermutlich des Kirchenstifters Friedrich Wilhelm von Rochow. Er starb 1759.

Golzows angehender Pfarrer Oliver Notzke in der Pernitzer Kirche. Quelle: Marion von Imhoff

„Der Mann wollte anonym bleiben, was sich ihm versprach“, berichtet Notzke der MAZ. Der Unbekannte hatte die Gruft als Jugendlicher betreten für eine Mutprobe und den Kopf eines der Toten vom Skelett abgetrennt. Rund 30 Jahre lang versteckte der Mann, der nicht aus Golzow stammen soll, den Schädel auf einem Dachboden. „Einmal schon hat er wohl versucht, den Schädel zurückzugeben, das aber ist irgendwie gescheitert“, sagt Notzke. „Ich habe mit ihm ohne Verurteilung gesprochen und wir führten ein interessantes Gespräch.“

Grabschänder machte Fotos

Der frühere Grabschänder konnte sogar zur weiteren Erforschung der Gruft beitragen, weil er bei seiner Tat damals Fotos gemacht hatte, die er nun dem Seelsorger ebenfalls überreichte. So konnten die Forscher den Zustand der Gruft in den 80er Jahren rekonstruieren.

„Der Mann war sehr erleichtert. Es war für ihn wie eine Amnestie“, berichtet Notzke. „Es ist ihm ein Stück Seelenlast genommen.“

Sanierung kostet 110.000 Euro

Die Sanierung der Golzower Gruft derer von Rochow indes schreitet voran und soll im Mai abgeschlossen sein. Die historische Grabstätte mit 28 wertvollen Särge aus dem 17. bis 19. Jahrhundert wird derzeit für 110.000 Euro saniert. Wegen des Winters ruhen die Arbeiten zwar gerade, werden aber im März erneut aufgenommen. „Es soll wieder eine würdige Totenruhe sichergestellt werden. Die Grabschändungen waren schon heftig“, so Oliver Notzke.

Rund die Hälfte der Fördermittel stammt vom Denkmalschutz-Sonderprogramm des Bundes. Unterstützt wird die Sanierung auch vom Landesdenkmalamt und der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises Potsdam-Mittelmark.

Die Holzsärge sind bereits saniert, bei jenen aus Metall stehen diese Arbeiten noch aus. Auch die Gestaltung der Gruft ist noch im Werden. Ein Tischler fertigt derzeit ein stabiles Regal für die Särge.

Besichtigung nach Himmelfahrt

Zu besichtigen sein wird die Gruft zwei Mal jährlich. 2020 wird das voraussichtlich am Sonntag nach Himmelfahrt, also am 24. Mai, sein zur festlichen Fertigstellung der Gruft und zum Tag des offenen Denkmals am 13. September. Denn Bedingung für die Fördermittelbewilligung war, dass die Gruft, zu der eine Treppe hinabführt, auch hin und wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

Die Golzower Kirche. Dort ist eine Gruft der Familie von Rochow. Quelle: Marion von Imhoff

Zwei auf Gruftforschung spezialisierte Experten aus Lübeck begleiten die Arbeiten wissenschaftlich, die Kunsthistorikerin Regina Ströbl und ihr Mann Andreas, der Archäologe ist.

Kaum vorstellbar ist, wie Unbekannte vermutlich auch in den 60er und 70er Jahren in dem historischen Raum randalierten und die Särge plünderten. Grauenvolle Szenen müssen sich abgespielt haben und kaum zu ertragen in der Vorstellung der Angehörigen. „Die Särge, darunter auch viele Kindersärge, wurden geöffnet und man hat nach Schätzen gesucht“, berichtet Notzke. Teile der Skelette lagen verstreut auf dem Boden.

Offiziersstiefel sind verschwunden

Wertvolle alte Offiziers-Lederstiefel des Daniel von Rochow, geboren 1684, sind ebenfalls verschwunden. 1939 waren sie bei einer Graböffnung, bei der ein Angehöriger dabei war, noch da. „Jetzt sind sie weg“, sagt Oliver Notzke. „Es sind kuriose Geschichten, die sich da zugetragen haben“, sagt Notzke.

Sarg des Daniel von Rochow. Quelle: Forschungsstelle Gruft

Sarg des Daniel von Rochow. Quelle: Forschungsstelle Gruft

Märkische Allgemeine Zeitung, 25.01.2020
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