30.07.2019  –  Märkische Oderzeitung

Hohenfinow – Abschied vom „Baumeister“

Letzte Abstimmungen: (v. l.) Christoph Brust, Thomas Berg und Ulf-Winfried Radtke. Letzterer wurde am Sonntag feierlich verabschiedet. Die Kirchengemeinden des Sprengels zählen heute knapp 500 Mitglieder.© Foto: Sören Tetzlaff www.barnim-foto.

Viola Petersson/ 30.07.2019, 08:15 UhrHohenfinow (MOZ) Hätte sich sein ursprünglicher Berufswunsch erfüllt, wäre er mit Sicherheit in ganz Deutschland herumgekommen, vielleicht hätte er sogar Konzertsäle im Ausland gefüllt. Denn eigentlich wollte Ulf-Winfried Radtke Pianist werden. Als Pfarrer war sein Aktionsradius deutlich kleiner, maximal 15 Kilometer zwischen Dannenberg und Liepe. Am Sonntag hielt der 65-Jährige seinen Abschiedsgottesdienst. Als „Bühne“ dafür hatte er die Kirche Hohenfinow gewählt. Jenes Gotteshaus, das als Patronatskirche der Familie Bethmann Hollweg in die Geschichte einging und das unter Radtke über etwa fünf Jahre komplett saniert wurde. Kulturhistorisch zweifellos die bedeutendste Kirche in der Region.

Als Pfarrer Radtke 1988 in Falkenberg seinen Dienst antrat, waren nahezu alle Kirchen ein Sanierungsfall. Mit seiner Hartnäckigkeit sei es gelungen, alle sechs Gotteshäuser zu retten und zu erhalten, umriss Christoph Brust, Vorsitzender des Leitungskollegiums des Kirchenkreises Barnim, ein wesentliches Verdienst von Pfarrer Radtke, dessen Sprengel sich im Laufe seiner Amtszeit von zwei auf vier Gemeinden (mit eben sechs Kirchen) vergrößert hat. Aber: Pfarrer Radtke sei es nie nur um die Kirchen an sich gegangen. Im Mittelpunkt haben stets auch das Gemeindeleben, die „lebendigen Steine“ gestanden. Radtke, so würdigte Brust, sei ein wahrer „Baumeister“ der Gemeinde gewesen. Mit seiner „direkten und offenen Art des Aufeinanderzugehens“ sowie Engagement und großer Kontinuität habe er die Menschen gewonnen und etwas aufgebaut, das hoffentlich für die Zukunft trägt. Etwa den „Männerkreis“, der Radtke besonders am Herzen lag.

Der Pastor selbst sprach in seiner letzten Predigt von einer „stürmischen Zeit“, einerseits wegen der anfangs maroden Gotteshäuser, andererseits auch wegen der Ereignisse in der Wendezeit, an denen die Kirche in besonderer Weise teilhatte. Der 65-jährige Kirchenmann erinnerte etwa an die „Bretterbude“ in Cöthen, so desolat sei der Zustand der dortigen Dorfkirche gewesen, oder an die „Menschenkette“, die zum Dachdecken in Falkenberg gebildet wurde. Um sogleich zu betonen: „Aber das Eigentliche ist: Kirche entsteht durch das Wort Gottes.“ Durch die Mitwirkung der Menschen.

Pfarrer Radtke erhielt nicht nur die obligatorische Urkunde der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz zum Ausscheiden aus dem aktiven Dienst, er durfte sich über etliche Abschiedsgeschenke und so manche Überraschung freuen. Der Gemeindekirchenrat etwa hat Radtkes 31-jähriges Wirken im Pfarrsprengel Falkenberg zwischen zwei Buchdeckel gepresst. Die Niederfinower überreichten dem Scheidenden ein Bild von René Cadena. Der Künstler, Ende 2017 verstorben und von Radtke beigesetzt, hatte den Pfarrer noch beim Orgelspiel gezeichnet.

Wer die Nachfolge von Ulf-Winfried Radtke antritt, steht noch nicht fest. Christoph Brust zeigte sich aber zuversichtlich, dass die Stelle zum 1. November besetzt wird. Die Entscheidung liege beim Konsistorium. Es habe zwei Bewerberinnen gegeben. Vorübergehend wird als sogenannter Vakanzverwalter Pfarrer Thomas Berg aus Lunow die kirchlichen „Geschäfte“ führen.

Jetzt endlich Freiraum für Kultur

Ulf-Winfried Radtke und seine Frau Dorothea packen derweil Kisten. Das Ehepaar zieht in Kürze nach Berlin. „Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen. In Berlin wohnen drei unserer vier Kinder“, begründet der 65-Jährige, der sich selbst als „Auslaufmodell“ bezeichnet, den Wechsel. 31 Jahre eine Pfarrstelle, das sei aus heutiger Sicht kaum noch vorstellbar. „Aber ich bin einfach nicht weggekommen“, sagte er nach dem Gottesdienst. Womit er meint: „Ich wurde gebraucht.“ Als Pfarrer und zugleich als Kantor. Da er Musik (und später Theologie) studiert hatte, konnte er Passion und Profession miteinander verbinden. Im Ruhestand wolle er jetzt der Passion mehr Raum geben: Kultur genießen, reisen. Europa sehen. Eben noch ein bisschen herumkommen.

Märkische Oderzeitung, 30.07.2019
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