11.12.2019  –  Märkische Oderzeitung

Immenser Kulturschaden nach Kirchenbrand für Eberswalde

Zerstörung von kostbarem Inventar: das Innere der Eberswalder Maria-Magdelenen-Kirche nach dem Brand.© Foto: Thomas Burckhardt/MOZ

 Vor einer Woche zerstörte ein Feuer einen Teil der Inneneinrichutng in der Maria-Magdalenen-Kirche in Eberswalde. Es werde zu wenig getan, um solche Brände zu verhindern, betont die Kirchen-Expertin Barbara Schock-Werner im Gespräch mit Jana Reimann-Grohs.

Kunsthistorikerin und Denkmalpflegerin: Barbara Schock-Werner© Foto: Bettina Flitner

Frau Schock-Werner, wie schwer sind Kirchenbrände zu löschen?

Die Schwierigkeit liegt in der Art der Gebäude. Kirchen sind meist höher als normale Wohnhäuser, die Feuerwehr braucht lange Leitern. Und im Inneren stehen oft kostbare Gegenstände wie Altäre oder das Chorgestühl. Selbst wenn sie nicht direkt im Brandherd sind, werden sie durch Ruß und Löschwasser beschädigt. Es könnten aber Asbest-Folien oder -tücher darüber gebreitet werden, um sie schon vor der Löschung zu schützen.

Wie vereinbar sind Brandmelder mit dem Denkmalschutz?

Sie müssen ja nicht direkt über dem Altar hängen oder verdübelt werden. In Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege gibt es bestimmt Lösungen. Ein Sirenengeräusch nutzt aber nichts, wenn niemand da ist, der das Warnsignal hören könnte. Die Brandmelder sollten also eine Funkverbindung zur Feuerwehr haben. Das Problem liegt eher darin, dass sie im katholischen Bereich häufig durch Kerzen oder Weihrauch ausgelöst werden, obwohl es gar nicht brennt.

Welche Vorsorgemaßnahmen können ergriffen werden?

Kerzen könnten auch einen richtigen Brand auslösen und müssen gelöscht werden, wenn die Kirche abgeschlossen wird. Ein weiteres Sicherheitsmoment wäre, durch eine zentrale Elektroanlage die Stromanlage frei zu schalten. Jede Kirche sollte ihre veralteten Elektroleitungen und die Blitzschutzanlage auf modernem Stand haben. Sehr häufig ist die Brandursache Kurzschluss. In Landshut ist die Burg abgebrannt, weil die Putzfrau ihren Tauchsieder hat stecken lassen; in vielen Beichtstühlen hatten sich Geistliche einen Ofen hingestellt, der durchbrannte. Eine gute Organisation und moderne Technik verhindern das. Vandalismus oder Racheakte mit Brandsetzern sind natürlich nicht auszuschließen.

Welche Austauschmöglichkeiten gibt es für Kirchenvertreter?

Auf großer Ebene gibt es die Vereinigung der europäischen Dombaumeister mit 14 Mitgliedsländern. Da war ich zu Amtszeiten die Vorsitzende. Einmal im Jahr werden Probleme und Lösungsmöglichkeiten ausgetauscht. Brandschutz ist auch ein Thema. Zu den kleineren Pfarrkirchen ist es aber noch ein großer Sprung. Die evangelischen Landeskirchen oder die Bistümer müssten die regionale Ebene im Auge haben.

Wäre in Zukunft überregionale Hilfe zur Vorsorge denkbar?

Das ist dringend notwendig zu installieren. Ich möchte mit dem Staatsministerium für Kultur und Medien und der Nationalstiftung Denkmalschutz eine Ebene für alle Kultur- und Kirchenbautenverantwortlichen anregen, in der über modernen Brandschutz informiert wird. Kirchen haben wie Bibliotheken oder Opern alle das gleiche Problem: Häufig ist der Wasserschaden größer als der Feuerschaden. In Notre Dame nehmen die Kollegen an, dass es zehn Jahre dauern wird, bis das Gebäude wieder trocken ist. Wir sollten gemeinsam über Löschwasser-Alternativen nachdenken. Sauerstoffentzug könnte die Flammen sehr rasch ohne Wasserschaden zum Ersticken bringen.

Braucht es erst größere Brandschäden wie in Notre Dame, um etwas zu verändern?

Katastrophen machen immer erst auf Sicherheitslücken aufmerksam. Das gilt auch für Kirchenbrände. In kleineren Pfarrkirchen ist das Geld vielleicht nicht üppig vorhanden. Dann wird lieber in neue Fenster oder einen Anstrich investiert. Das sollte für die Landeskirchen ein Signal sein, sich gemeinsam mit den Küstern und Pfarrern zu überlegen, ob genug Sicherheitsmaßnahmen ergriffen wurden. Die Eberswalder Stadtkirche ist natürlich kleiner, aber im Grunde sieht es nach dem Brand genauso aus wie in Notre Dame: verkohlte, abgestürzte Holzbalken, die auf dem Boden liegen, und verschmutzte, verrußte Wände. Überall Asche auf dem Boden, vielleicht auch Fensterschäden. Das ist zwar etwas kleiner als in Paris, aber der Brand- und Kulturschaden ist dennoch immens hoch.

Märkische Oderzeitung, 11.12.2019
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