11.05.2020  –  Evangelischer Pressedienst

„Immer wieder Otto“

Dom in Brandenburg an der Havel
epd-bild/Gordon Welters

Wegen der Corona-Krise stand die Ausstellung auf der Kippe. Doch inzwischen dürfen Museen in Brandenburg wieder öffnen. Der Dom zu Brandenburg an der Havel kann nun wie geplant ab Mitte Mai seine neue Ausstellung zur Gedenkkultur zeigen.

Brandenburg an der Havel (epd). Kostbare Gewänder aus dem Mittelalter, moderne Glaskunst und ein Porträt des Kommunisten Friedrich Engels: Zum 75. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus nimmt sich der Brandenburger Dom das Thema der politischen Gedenkkultur vor. Die neue Ausstellung „Umdenken“ wird ab 15. Mai gezeigt. Ausgangspunkt ist die nach Ende des Zweiten Weltkriegs in der Domkrypta eingerichtete Gedenkstätte für die NS-Opfer aus der evangelischen Bekennenden Kirche.

Das neue Domkapitel, das Leitungsgremium des Doms, habe bereits 1946 mit den Planungen für die Gedenkstätte begonnen, erzählt Museumsleiter Rüdiger von Schnurbein. Für die Krypta sei ein moderner Passionszyklus aus fünf Glaskunstwerken geschaffen worden, der jedoch bei der großen Domsanierung 1965 wieder herausgenommen worden sei. „Wir stellen das jetzt wieder her“, sagt der Museumsleiter. Für die Ausstellung wurden Reproduktionen angefertigt.

„Die Originale sind bei uns im Depot und ziemlich ramponiert“, erzählt Schnurbein. Teile davon sollen zusätzlich zu den Reproduktionen in der Ausstellung gezeigt werden. Insgesamt werden dort rund 100 Exponate präsentiert, die mehrere Jahrhunderte Geschichte umspannen. Im Mittelpunkt steht über die Zeiten hinweg der Gründer des Bistums Brandenburg, der spätere Kaiser Otto der Große, der im Jahr 949 die Gründungsurkunde ausstellte.

„Immer wieder Otto“ heißt es deshalb in einem Abschnitt der Ausstellung. „Zu allen Epochen hat man den für politische Ziele vereinnahmt“, erzählt Schnurbein: Vom brandenburgischen Bischof Wilmar im zwölften Jahrhundert über die preußischen Könige Friedrich Wilhelm III. und IV. bis hin zu Bischof Albrecht Schönherr, der in der DDR Vorsitzender des Bundes der evangelischen Kirchen war.

„Alle haben sich auf Otto berufen“, betont der Museumsleiter. Friedrich Wilhelm IV. habe das Bistumsjubiläum 1849 nach der niedergeschlagenen Märzrevolution als Sieg der Monarchie über die Demokratie gefeiert, als gottgewollte Herrschaft des Königs wie seinerzeit schon bei Otto I., der einen Sieg über die Slawen errungen hatte und die Christianisierung vorantrieb. 1948 sei ein neues Ordenskreuz für die geistlichen Domherren geschaffen worden, erzählt Schnurbein: „Da hat man sich auch auf Otto berufen.“

Ein zentrales Thema der Ausstellung ist die politische Instrumentalisierung des Totengedenkens in der Kirche. Die einst von den Hohenzollern gestiftete Schwanenordenkasel, ein jahrhundertealtes geistliches Gewand, versinnbildlicht das als Exponat. „Das ist unser Prunkstück“, sagt der Museumsleiter: „Das Teuerste vom Teuren, das man damals haben konnte.“

Die neuen Landesherren hätten in Brandenburg zu Beginn ihrer Herrschaft im 15. Jahrhundert ein „ausgesprochenes Imageproblem“ gehabt, weil sie von außen kamen, erzählt Schnurbein. Um den brandenburgischen Adel an sich zu binden, sei dann der Schwanenorden gegründet worden. Bei jedem Totengedenken habe der Priester danach die Kasel getragen und so auch an deren Stifter erinnert. „Das war ein ganz wichtiger Punkt des mittelalterlichen Herrscher-Erinnerungskults“, betont der Museumsleiter.

Auch das Gedenken am Dom an die Opfer verschiedener Kriege greift die Ausstellung auf. Behandelt werde unter anderem der Wandel vom „Beginn des staatlichen Heldengedenkens in Preußen“ bis hin zum Schuldgedenken nach dem Zweiten Weltkrieg, für das ein 1980 in der DDR geschaffenes Denkmal stehe, betont Schnurbein. Die Umdeutung und der Sturz von Denkmälern sowie Konflikte über angemessenes Gedenken sind weitere Themen.

Als in der DDR im Friedgarten des Doms ein Ernst-Thälmann-Denkmal aufgestellt werden sollte, habe es Streit darüber gegeben, an welche NS-Opfer dort erinnert werden dürfe, erzählt Schnurbein: „Jede Epoche hat ihre eigenen Denkmäler und schmeißt die vorherigen raus.“ In der Domklausur, die in der DDR auch von einer staatlichen Oberschule genutzt wurde, habe ein Gemälde von Friedrich dem Großen einem Bild von Friedrich Engels weichen müssen.

„Der eine Friedrich wurde durch den anderen Friedrich ersetzt“, fasst der Museumsleiter den Austausch der Bilder zusammen: „In der Ausstellung stellen wir die Gemälde einander gegenüber, sodass sie sich dann wie Cowboys im Duell auf der Dorfstraße begegnen.“ Von Yvonne Jennerjahn (epd)

Evangelischer Pressedienst, 11.05.2020
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