01.03.2021  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Jühnsdorf: Umfeld der Franzosenlinde soll schöner werden

Mehr als zweihundert Jahre stand die Franzosenlinde, bis sie einem Sturm im Jahr 2002 zum Opfer fiel. Aus ihren Resten ist längst eine neue Linde gewachsen, deren Umfeld nun verschönert werden soll.

Bärbel Wunsch, Vorsitzende des Gemeindekirchenrats Jühnsdorf, wurde während der Arbeiten zur Restaurierung der alten Orgel in der Jühnsdorfer Kirche auf die Franzosenlinde aufmerksam.

Bärbel Wunsch, Vorsitzende des Gemeindekirchenrats Jühnsdorf, wurde während der Arbeiten zur Restaurierung der alten Orgel in der Jühnsdorfer Kirche auf die Franzosenlinde aufmerksam. Quelle: Udo Böhlefeld Anzeige Jühnsdorf

„Hört, ihr Leut und lasst euch sagen: Unsre Glock hat zwölf geschlagen! Zwölf, das ist das Ziel der Zeit. Mensch, bedenk die Ewigkeit!“ So wie die letzte Strophe des überlieferten Nachtwächterliedes muss er wohl gedacht haben. Laut gesungen hat er’s sicherlich nicht, denn der Tagelöhner und Nachtwächter Götze verbrachte im Sommer 1813 drei Tage und Nächte im Innern der großen, teils hohlen Linde nur wenige Meter von der Jühnsdorfer Kirche entfernt. Nicht aus Furcht, heißt es, hatte er sich dieses Versteck gesucht. Er wollte beobachten, was die aus dem Südwesten auf Berlin vorrückenden Truppen Napoleons anrichten würden.

Von der Galerie in der Kirche fiel der Blick der Gemeindekirchenratsvorsitzenden auf den wundersamen Baum.

Von der Galerie in der Kirche fiel der Blick der Gemeindekirchenratsvorsitzenden auf den wundersamen Baum. Quelle: Udo Böhlefeld

Schutz vor der napoleonischen Okkupation

Fast 200 Jahre lang hätte die Linde vorbeikommenden Wanderern, die den idyllischen Platz gleich an der Südseite der Kirchhofsmauer zum Ausruhen nutzten, diese Geschichte erzählen können. Dann machte ein heftiger Sturm dem mächtigen Baum im Jahre 2002 ein Ende. Doch beinahe 20 Jahre später ist die Vorsitzende des Gemeindekirchenrats Bärbel Wunsch über den Märker Plus an die Gemeindevertretung herangetreten. Ihr Wunsch: Die Franzosenlinde in Jühnsdorf, die längst zu neuem Leben erwacht ist, soll eine ordentliche Würdigung bekommen. Aus den Überresten des mehr als 200 Jahre alten Baumes ist längst wieder ein stattlicher Baum gewachsen. Umgeben von jahrhundertealten Baumstammresten und -rinde sowie Feldsteinen und Teilen der alten Friedhofsmauer erzählt die Franzosenlinde dem aufmerksam lauschenden Wanderer möglicherweise auch zukünftig noch die Geschichte, wie Meier Götze ihren Schutz während der Befreiungskriege von der napoleonischen Okkupation suchte.

Bärbel Wunsch ist seit 2013 Vorsitzende des Gemeindekirchenrats in Blankenfelde-Jühnsdorf. Vieles war seitdem zu tun in der kleinen Kirche im Westen des Rangsdorfer Sees. Das große Projekt einer Orgelrestauration machte zahlreiche Umbauten notwendig. Dabei fiel eines Tages ihr Blick von der Galerie durch eines der Kirchfenster auf die Franzosenlinde. So war ihre Neugier geweckt. „Besonders inspiriert wurde ich, da aus den alten Wurzeln und Resten der Franzosenlinde wieder ein neuer Baum wächst und sich in den letzten Jahren schon stattlich entwickelt hat“, berichtete Bärbel Wunsch erst in der vergangenen Woche während einer Sitzung der Gemeindevertretung, in der es in vielerlei Debatten um Bäume ging. Unter anderem um die 150 Jahre alte Friedenseiche im Dorf Glasow.

Ein Schild in Form eines Baumstammes

Die Gemeindekirchenratsvorsitzende wünscht sich, dass „die Linde und ihr Umfeld von Feldsteinen, Unrat und Efeu befreit werden. Ich könnte mir vorstellen, dass der noch vorhandene Teil der alten Linde freigelegt wird und vielleicht der ursprüngliche Umfang der Linde mit einer kniehohen Begrenzung und ein schön gestaltetes Hinweisschild mit Verweis auf die historischen Daten aufgestellt wird.“ Mit dem Dorfschmied Werner Mohrmann-Dressel hat sie auch schon gesprochen, ein Schild in Form eines Baumstammes mit den historischen Daten soll das Ensemble auf und am Kirchfriedhof komplettieren. „Gleich in der Nähe der Linde steht eine schöne Sitzbank mit Tisch, die sehr häufig von Radfahrern und Besuchern zur Rast genutzt wird. Durch die Neugestaltung würde Jühnsdorf ein sehr schönes und geschichtlich interessantes Highlight bekommen“, sagt sie.

Vielleicht erzählt die alte junge Linde dann jahrhundertelang noch von der Geschichte, wie der Tagelöhner aus ihrem Stamm heraus beobachtet hat, was während der drei Tage und Nächte im Jahr 1813 in Jühnsdorf geschah. Bärbel Wunsch hat mit viel Elan und mithilfe des Teltow-Museums recherchiert. Damals, so erzählt sie, haben die Jühnsdorfer ihr Hab und Gut in Kisten und Koffer verpackt und im Erdreich vergraben. Der Schäfer war mit seiner Herde pausenlos unterwegs, um die Spuren davon zu verbergen. Das Geschirr versteckten die Jühnsdorfer vor den Franzosen im Rangsdorfer See, sie selbst verbargen sich in den Sumpflandschaften in Richtung Genshagen, dort, wo heute die Autobahn A10 lang führt.

Neues Geschirr aus Mittenwalde

Am 24. August des Jahres 1813, die siegreiche Abwehrschlacht der Preussen und ihrer Verbündeten bei Großbeeren war geschlagen, fanden sich alle Jühnsdorfer im Laufe des Tages wieder in ihrem Dorf ein. Auch Götze verließ sein Versteck in der Linde. Geräte, Möbel, Türen und Tore wurden wieder ausgegraben und heim geholt. Nur am Rangsdorfer See gab’s eine böse Überraschung. Als die Jühnsdorfer ihr Geschirr aus dem Schilf des Sees bergen wollten, waren ihnen die Rangsdorfer und Bewohner anderer Dörfer schon zuvor gekommen. Die Kaufleute im nahen Mittenwalde soll es gefreut haben, als die Jühnsdorfer in den nächsten Tagen in großer Zahl zum Einkauf zu ihnen kamen.

Rund 3000 Euro, so schätzt die Gemeindekirchenrätin, würde eine entsprechende Herrichtung des lebendigen Denkmales kosten. Die sollen nun aus Mitteln des Bürgerhaushaltes finanziert werden, signalisierte der Finanzausschuss der Gemeindevertretung Blankenfelde-Mahlow. Bärbel Wunsch wünscht sich, dass die feierliche Einweihung am 22. August 2021 stattfinden kann. Das ist der 208. Jahrestag der Belagerung Jühnsdorfs durch die französischen Truppen.

Von Udo Böhlefeld

Märkische Allgemeine Zeitung, 01.03.2021
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