19.05.2020  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Jüterbog – Wo Christus in den Himmel fährt

Der Himmelfahrtsgottesdienst ist immer etwas ganz besonderes in der Nikolaikirche. Hier entschwebt die Figur des Heilands durch ein Loch im Kirchengewölbe. Auch der neue Bischof will sich das ansehen.

Einmal im Jahr hat er seinen großen Auftritt: der Himmelfahrts-Jesus in der Nikolaikirche in Jüterbog. Einmal im Jahr, eben zu Christi Himmelfahrt, wird diese Figur an einem Seil langsam hochgezogen und verschwindet durch das Himmelfahrtsloch in der Mitte des Gewölbes. So wird seit mindestens 500 Jahren das biblische Ereignis der Himmelfahrt Jesu Christi plastisch dargestellt, um nicht zu sagen: nachgestellt. So, wie es früher im späten Mittelalter, aus dem die Figur stammt, vielerorts noch üblich war, den Gläubigen, von denen viele nicht lesen konnten, die biblische Geschichte nahezubringen, so wird dieser ursprünglich katholische Brauch von der evangelischen Nikolaigemeinde bis heute gepflegt.

Inzwischen ein seltener Brauch

Dieser Brauch ist selbst in der katholischen Kirche immer mehr in Vergessenheit geraten und wird nur noch in wenigen Gotteshäusern Bayerns, Österreichs und Südtirols begangen. Somit dürften die Himmelfahrtsdarstellung in Jüterbog nicht nur äußerst selten, sondern zumindest für Brandenburg einmalig sein. „Zu Himmelfahrt herrscht hier immer eine ganz besondere Atmosphäre“, berichtet Pfarrer Tileman Wiarda, der diese Form des Himmelfahrtsgottesdienstes im vergangenen Jahr selbst zum ersten Mal erlebt hat. „Das hängt natürlich mit dem Hochziehen der Jesusfigur zusammen“, sagt er.

Die Jesusfigur wird immer zu Christi Himmelfahrt aus dem Archiv geholt und durch ein Loch im Gewölbe nach oben gezogen. Quelle: Hartmut F. Reck

Dabei müsse darauf geachtet werden, dass die Figur möglichst ruckfrei und gleichmäßig zur Decke schwebt. Dafür sind Frank Peschel vom Gemeindekirchenrat und die Theologiestudentin Christiane Zscherpel zuständig, die oben über dem Himmelfahrtsloch die Kurbel bedienen, mit der sie die Figur hochziehen. Und wenn der Heiland dann durch das Loch in der Decke verschwunden ist, regnet es von dort noch Rosenblätter. „Es gibt Gemeindeglieder“, weiß der Pfarrer, „die jedes Mal ein Rosenblatt aufsammeln und diese Erinnerungen seit Jahrzehnten aufbewahren.“

Noch strenge Corona-Einschränkungen

Insofern sei er heilfroh, dass am Himmelfahrtstag wieder ein Gottesdienst stattfinden kann. Leider herrschen immer noch die strengen Einschränkungen mit höchstens 50 Teilnehmern, was nicht nur innerhalb des Kirchengebäudes gelte, sondern auch für außerhalb, wie Wiarda erfahren musste. Schon vergangenen Sonntag mussten Gottesdienstbesucher abgewiesen werden, weil die 50 erlaubten Plätze voll waren. Und wer draußen blieb, konnte den Gottesdienst nicht verfolgen, weil die extra dafür installierte Tonanlage (MAZ berichtete) nicht funktionierte.

Übertragung auf Leinwand an Kirchenmauer

Das soll ab Donnerstag wieder anders sein. Der Gottesdienst soll sogar live ab 10 Uhr auf einer Leinwand an der Kirchenmauer nun auch bildlich übertragen werden. Und damit jeder der Christusfigur an diesem Tag ansichtig wird, werde man sie zu Beginn des Gottesdienstes in einer Prozession um die Nikolaikirche herumtragen. Um mehr Menschen die Teilnahme zu ermöglichen, hat Wiarda einen Antrag auf Ausnahmegenehmigung an die Kreisverwaltung gestellt, wenigstens 50 Gottesdienstbesucher drinnen und 50 draußen zu gestatten.

Bischof Christian Stäblein kommt auch

Mit dabei sein wird übrigens auch der neue Bischof von Berlin, Brandenburg und der schlesischen Niederlausitz, Christian Stäblein. Der hat sich am Dienstag bei Pfarrer Wiarda angekündigt. Die Predigt lässt sich der Ortspfarrer zwar nicht nehmen, aber wenn sein Chef schon mal da ist, freue er sich darüber, dass der Bischof dann an diesem Feiertag die Lesung hält und die Fürbitte sowie den Segen spricht.

Jesus verschwand in einer Wolke

Ob er auch daran glaube, dass Jesus wie von einer Rakete angetrieben im Himmel verschwunden sei, beantwortet Pfarrer Wiarda mit einem Lächeln. „Wenn Gott das so gewollt hat, hätte er das auch so machen können“, dessen ist sich Wiarda sicher. Er räumt aber ein, dass die Darstellung der Himmelfahrt „sehr plastisch“ sei. Wiarda beruft sich lieber auf die Bibel, wo steht, dass eine Wolke kam. „Und als die weg war, war auch Jesus weg“, der seitdem im Himmel „zur Rechten Gottes“ über Himmel und Erde gebietet.

Tetzelkasten war wahrscheinlich Jesus-Sarg

„Sehr plastisch“ sei wohl früher auch die Grablegung Christi am Karfreitag dargestellt worden. Davon zeugt eine weitere Jesusfigur, die hinter dem Altar liegt. Es ist der Grablege-Jesus. Dieser wurde, so vermutet Wiarda, früher in den so genannten Tetzelkasten gelegt, der gar keiner sei, sondern vielmehr ein Sarg. Denn als Geldtruhe für den Ablasshändler sei der Kasten viel zu groß und zu schwer. Dagegen passe der Grablege-Jesus dort genau hinein.

Von Hartmut F. Reck

Märkische Allgemeine Zeitung , 19.05.2020
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