17.09.2019  –  Märkische Oderzeitung

Kirche in Zinndorf – Mit Zielmarke erster Advent

Renaissance-Prunkstück aus dem Jahr 1606: Restauratorin Marita Reincke hat an dem prächtigen Altar in der Zinndorfer St.-Annen-Kirche tüchtig zu tun.© Foto: Thomas Berger

Schwindelfrei muss Marita Reincke schon sein in ihrem Beruf. Zwar ist die oberste Ebene des Gerüstes im Innern der Zinndorfer St.-Annen-Kirche seit wenigen Tagen bereits abgebaut, doch hoch hinaus muss die Restauratorin in jedem Fall, wenn es um Auftragswerke wie dieses geht. Denn auch an dem prächtigen Renaissancealtar muss sie an allen Ecken bis ganz hinauf zur Spitze Hand anlegen.

„Es ist ein Kleinod, das hier gerettet wird“, sagt Pfarrer Michael Uecker. Die Bezeichnung mag nicht übertrieben sein, denn in der gesamten Kirchengemeinde Herzfelde-Rehfelde mit all ihren Kirchen gibt es keinen anderen Altar, der diesem historischen Erbstück aus dem Jahr 1606 auch nur ansatzweise das Wasser reichen kann. Da ist es verständlich, dass sich die Gemeinde eben diese Bewahrung auch etwas kosten lässt. Gut 30 000 Euro sind es in diesem Jahr, Phase eins schlug 2018 bereits mit knapp 15 000 Euro zu Buche. Obwohl Uecker und der Gemeindekirchenrat überaus dankbar sind, dass sich der Kirchenkreis in jedem der beiden Jahre mit jeweils 5000 Euro Zuschuss beteiligt – der Großteil der Summen muss selbst aufgebracht werden.

Nachvollziehbar ist die Höhe der Ausgaben aber nicht zuletzt in Anbetracht des Ausmaßes der Arbeit, die Marita Reincke hier zu leisten hat. Abschnitt eins voriges Jahr umfasste bereits die Reinigung und die Behandlung gegen Holzwurmbefall. Der war sozusagen der Auslöser, die Altarsanierung überhaupt anzugehen, erzählt der Pfarrer: „Irgendwann bei einem Gottesdienst hatte ich auf der Altarbibel mal Holzstaub gesehen – und Alarm geschlagen.“ Die Restauratorin bestätigt, dass die winzigen Schädlinge zuvor umfassend im Altar zugange waren. Lediglich dessen Rückseite war zu DDR-Zeiten mal mit Hylotox behandelt worden.

Alte Farbpartien gerettet

Die DDT-Kristalle als Rückstände des giftigen, später verbotenen Holzschutzmittels musste sie nun entfernen. Gleich mit vier Kollegen von oben bis unten zu tun hatte sie zudem mit der Sicherung der alten Farbschichten, die sich stellenweise schon zu lösen begannen. Vorsichtig wurden diese Partien mit Leim hinterspritzt und wieder angedrückt. „Damit nichts verloren geht, denn der Erhalt des Vorhandenen hat immer Vorrang“, erklärt die Fachfrau. Da der Altar sehr verschmutzt und verstaubt war, wurde die Oberfläche komplett feucht gereinigt.

Die ganzen Feinarbeiten, also Ergänzen fehlender Details und Nachtragen von Farbe dort, wo sie verschwunden war, stehen nun dieses Jahr im Fokus der Arbeiten. „Heute Nachmittag kommt noch der Schnitzer und bringt Luther“, sagt Marita Reincke und verweist auf eine Leerstelle auf halber Höhe. Melanchthon gegenüber ist bereits an seinen Platz zurückgekehrt, Luther allerdings fehlten die Beine, die nun nachgeschnitzt werden mussten.

Fast am schönsten ist es für einen Restaurator ja immer, wenn eigentlich gar nicht zu sehen ist, wo er gewirkt und seine Spuren hinterlassen hat. Dieser Grundsatz gilt natürlich ebenso in Zinndorf, wo ohne extra Hinweis eigentlich nicht auffällt, dass auch die beiden Vasen an der Altarspitze neue Bekrönungen erhalten haben. Selbst für den Laien sichtbar ist aber mindestens auf den zweiten Blick, dass es sich bei den unteren beiden der vier Apos­telfiguren nicht um die Originale, sondern um Kopien handelt.

Bei den beiden weiblichen Figuren an den Außenseiten weiter unten, eine blond und eine schwarzhaarig, handelt es sich wiederum um Ecclesia und Synagoge. So viel ist nach den Recherchen noch klar. Ob das Tier an der rechten Gestalt allerdings ein Schaf oder ein Hund sein soll, darüber können selbst der Pfarrer und die Restauratorin nur rätseln – erkennbar oder biblisch klar herleitbar ist das nicht.

Golden glänzt schon wieder das Hauptbild, die Auferstehungsszene. Und in einigen Wochen soll das Gerüst dann auch ganz verschwunden, Marita Reincke fertig sein. „Am ersten Advent haben wir einen besonderen Gottesdienst mit Einführung der neuen Kirchenältesten und Feier zum Abschluss der Arbeiten am Altar“, kündigt Uecker an. Ein völliger Abschied von Marita Reincke wird es wohl nicht werden, denn die Kanzel, ebenfalls aus der Renaissancezeit stammend, soll sich dann zeitnah anschließen. Nicht unerwähnt lassen will der Pfarrer zudem den Förderverein, der schon Konzerte und mehr organisiert hat.

Märkische Oderzeitung, 17.09.2019
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