12.10.2020  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Kirchen ohne Gemeinde: Gotteshäusern droht der Verfall

Die Herbst-Kirchbaufahrt des Kirchenkreises Prignitz führte nach Mesendorf, Groß Woltersdorf, Boddin und Kuhbier. Die Zukunft von einigen dieser Gotteshäuser ist mehr als ungewiss, da sich vor Ort niemand um ihren Erhalt kümmert.

Die Tür geht einfach nicht auf. Das Schloss klemmt, und beim besten Willen ist nichts zu machen. Silvana Schmidt, die sich daran schon seit einiger Zeit versucht hat, holt jetzt Entroster und einen Kuhfuß. Doch das Schloss bleibt hartnäckig. Nun versucht sich auch Kirchenkreis-Baubeauftragter Heiko Jaap mit dem Schlüssel – ohne Erfolg. Erst Klaus-Dieter Graf aus Perleberg gelingt es eine Viertelstunde später, die Tür endlich zu öffnen.

Thema: Kirchen ohne Gemeinde

Die Mesendorfer Kirche ist wohl das Paradebeispiel für das Schicksal von sich selbst überlassenen Gotteshäusern, denen die engagierte Betreuung fehlt – zumindest denen am Samstag bereisten. Eingeladen dazu hatte der Bauausschuss des Kirchenkreises Prignitz, und die Fahrt sollte sich dem Thema „Kirchen ohne Gemeinden“ widmen. Denn: Es gibt Kirchen, die offenbar nicht mehr gebraucht werden. Aber warum?

Auch Baubeauftragter Heiko Jaap versucht sich im Öffnen. Erst nach einer Viertelstunde gibt die Tür nach.

Auch Baubeauftragter Heiko Jaap versucht sich im Öffnen. Erst nach einer Viertelstunde gibt die Tür nach. Quelle: Kerstin Beck

Wie die Gegebenheiten in Mesendorf – dessen äußerlich etwas desolat erscheinende Kirche das letzte Mal vor drei Jahren geöffnet worden war – sind, ist von Silvana Schmidt, und später auch von ihrer Mutter, Elke Schmidt, die beide keine Kirchenmitglieder sind, zu erfahren: „Wir wollten ja einen Verein gründen, aber daraus wurde nichts, weil die Leute Angst davor haben, das alles selbst bezahlen zu müssen.“

Ja, einen Heimatverein gäbe es, „aber der will mit der Kirche nichts zu tun haben“. Außerdem gäbe es auch keine Kirchenmitglieder mehr; die letzten seien gestorben oder aus der Kirche ausgetreten. Und der Nachbarort, zu dem die Gemeinde seit längerer Zeit kirchlich gehört? – „Die wollen auch nichts mit uns zu tun haben!“

Das Innere der Kirche wirkt trotz des Äußeren einladend, doch Silvana und Elke Schmidt (links) sind resigniert: „Niemand will mit der Kirche was zu tun haben - das wird hier nichts.“

Das Innere der Kirche wirkt trotz des Äußeren einladend, doch Silvana und Elke Schmidt (links) sind resigniert: „Niemand will mit der Kirche was zu tun haben – das wird hier nichts.“ Quelle: Kerstin Beck

Und auf die Frage hin, ob man nicht mit Konzerten oder einer Ausstellung auf das Gebäude auf sich aufmerksam machen könne, kommt die Antwort: „Ja, haben wir auch schon probiert, aber es kommt ja keiner“. Und dann erklären beiden Frauen resigniert: „Das wird hier nichts!“

Ähnlich sieht es in Groß Woltersdorf aus, dessen Gotteshaus – zumindest von außen – noch sehr gut aussieht, aber deren Inneres die rohen Lehm-Füllungen das Fachwerkgebäudes zeigt. „Hier sollte noch zu DDR-Zeiten saniert werden, aber es ist nichts passiert“, erzählt Klaus Giesel, der zwar Kirchenältester unter noch zehn Mitgliedern ist, aber allein nichts ausrichten kann.

Boddiner Kirche zeigt sich gut erhalten

Doch zumindest gibt es hier das CJD im Ort. „Und die machen hier manchmal etwas in der Kirche.“ Doch damit ist nicht das Handanlegen gemeint, sondern interne Veranstaltungen. Immerhin mäht der Rentner den Rasen vor der Kirche und pflegt die Bäume davor. „Ja, und im letzten Jahr sollte es hier ein ganz großes Biker-Treffen mit Leuten aus Berlin geben, da sind aber nur ein paar gekommen.“

Die Boddiner Kirche präsentiert sich gut erhalten. Aber das Innere wirkt leblos. „Hier haben ABM-Kräfte nach der Wende die ganze Kirche ausgeweißt“, erzählt Christine Rosin-Bruhns, die hier getauft wurde. Seit wann es hier keinen Gottesdienst gibt, die längst in Buchholz abgehalten werden, vermag die Boddinerin nicht zu sagen. Und die Malereien, warum sind die übertüncht worden? – „Darum hat sich hier damals kein Mensch gekümmert.“

Auch die Kirche in Kuhbier wirkt etwas verlassen, doch hier gibt es wenigstens einen „guten Geist

Auch die Kirche in Kuhbier wirkt etwas verlassen, doch hier gibt es wenigstens einen „guten Geist“: die im ehemaligen Pfarrhaus lebende Designerin und Gründerin des Modemuseums Meyenburg Josefine von Krepl (Mitte). Quelle: Kerstin Beck

Die Kirche in Kuhbier, welches kirchlich längst zu Kuhstorf gehört, bestätigt – aber diesmal auf positive Weise – das in den drei vorangegangenen Gotteshäusern Erlebte. Hier treffen die Gäste auf Josefine von Krepl, die seit zwölf Jahren im einstigen Pfarrhaus, das sie in eine idyllische Oase verwandelt hat, lebt. „Damals sah ich mir erst einmal die Kirche an und sagte mir: Da musst Du was machen. Als erstes habe ich mit einem großen Industriestaubsauger alles sauber gemacht und dann die schöne Stein-Verzierung im Fußboden gesehen.“

Spenden bei Konzerten gesammelt

Als nächstes ging die Gründerin des Meyenburger Modemuseums die nicht funktionierende Orgel an. Durch Konzerte, „und da stand ich immer mit einem Spendenkorb hinten“, gelang es, 6000 Euro zu sammeln. Und da die neuen Pfeifen noch nicht drin sind, habe ich Künstler aus Berlin darum gebeten, welche in Trompe-l’œil-Manier zu malen.“ Wer es nicht weiß, sieht nur „echte“ Pfeifen. Und da ist dann noch die Kanzel, „die in den 60er Jahren grau übermalt wurde. Wer das gemacht hat, der müsste heute dafür noch eingesperrt werden.“

Dazu hat die Modedesignerin – die übrigens kein Kirchenmitglied ist – junge Leute aus der Heiligengraber „Bauhütte“ engagiert. „Die legen jedes Jahr ein bisschen frei, und ich koche dann für sie eine Suppe und lade sie ins Pfarrhaus ein.“

Ansprechpartner vor Ort sind wichtig

Und hier konnte Heiko Jaap das, was er bereits in den vorigen Kirchen gesagt hatte, nur noch wiederholen: „Helfen können wir, aber es müssen Leute und damit Ansprechpartner vor Ort sein. Und es gibt auch Fördermittel und geförderte Projekte, aber das geht nur, wenn ein Förderverein dazu einen Antrag stellt.“

Auf der Heimfahrt gibt es von drei älteren Damen aus Perleberg das Fazit: „Es ist ja schade um die schönen alten Kirchen, aber was solls – die Leute sind ja nicht mehr da!“

Von Kerstin Beck

Märkische Allgemeine Zeitung, 12.10.2020
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