08.08.2019  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Kirchenältester baut Kreuz vom Kirchturm in Langenlipsdorf ab

Die Maurermeister Wolfgang und Maik Liesigk haben am Mittwoch das defekte Kreuz vom Langenlipsdorfer Kirchturm abgebaut. Darunter fanden sie eine Kupferhülse mit interessanten Dokumenten aus dem Jahr 1975.

Wolfgang Liesigk (r., daneben sein Sohn Maik) schraubt im zweiten Anlauf die über der Kirchturmspitze gestülpte Hülse des Kreuzes ab. Quelle: Hartmut F. Reck

Von so einem Gerät konnten die Dach- und Schieferdeckermeister Rudolf Hietel aus Jüterbog und Peter Vater aus Bochow damals nur träumen, als sie am 6. September 1975 das neue Kreuz auf die Turmspitze der Langenlipsdorfer Kirche wuchteten. Es war etwa einen Zentner schwer und die Arbeiten erfolgten unter abenteuerlichen Umständen mit Hilfe einer Gondel und einer am Turm angebundenen Leiter. Da hatten es die beiden Maurermeister Wolfgang und Maik Liesigk am Mittwochmorgen mit einer Hebebühne doch deutlich leichter, um nach 44 Jahren das inzwischen verrottete Kreuz wieder abzubauen.

Demontage in zwei Anläufen

Für die Demontage des kompletten Kirchturmaufsatzes brauchten Vater und Sohn Liesigk zwei Anläufe. So ließ sich das Kreuz nicht von der Hülse abschrauben, die über die der Turmspitze gestülpt war. Also wurde es kurzerhand abgeflext und beim zweiten Mal die Hülse vom Kirchturm abmontiert.

Und dann war die Spannung groß. Jedem, der in der Region etwas mit Kirchtürmen zu tun hat, ist der Dachdecker Rudolf Hietel ein Begriff. Seine Spezialität war es, in den Urkundenkapseln, die er unter den Kreuzen verstaute, nicht nur zeitgenössische Dokumente und DDR-Mark-Münzen zu verstauen, sondern auch systemkritische Schilderungen über die damals herrschenden Verhältnisse. Die Stasi brauchte er nicht zu fürchten. Wer von „Horch und Guck“ würde sich schon auf eine Kirchturmspitze wagen?

Kreisbauamt gab keine Baukapazitäten frei

Ein solcher Brief von Hietel lag auch diesmal in der kupfernen Kapsel. Jedoch wird dort nur darüber berichtet, dass nach einem orkanartigen Sturm im Herbst 1972 das Kreisbauamt für Kirchtürme keine oder kaum Baukapazitäten freigegeben hatte.

So „ist ein starker Nachholbedarf an Turm-Instandsetzungen vorhanden“, schrieb Hietel mit Schreibmaschine fein säuberlich auf seinen Firmenbriefbogen und berichtet von Reparaturen und Neueindeckungen an den Kirchtürmen von Danna, Märkisch Wilmersdorf, Bochow, Dennewitz, Kloster Zinna, Eckmannsdorf, Christinendorf, Jühnsdorf, Grabow, Frankenförde, Petkus, Ließen und so weiter.

Für Langenlipsdorf wollte Hietel aufgrund der Überlastung keine Zusage machen. Aber Pfarrer Bräkow aus Bochow drängte ihn wohl, dass er Peter Vater beim Aufsetzen des neuen Kreuzes half. Vater hatte bei Hietel gelernt und bereits im Juni 1975 das vom Sturm beschädigte Kreuz heruntergeholt.

Der schwarze Peter kletterte auf den Kirchturm

„Ich weiß noch genau“, sagte am Mittwoch Klaus Friedrich, der genau neben der Kirche wohnt, „wie der schwarze Peter auf den Turm gestiegen ist.“ Schwarzer Peter war der Spitzname von Peter Vater.

Auch Manfred Möhle konnte sich noch gut erinnern: „Ich hab’ das Kreuz ja geschmiedet“, sagt der 70-Jährige. Er war damals Geselle bei Schmiedemeister Arnold Schröder in Gräfendorf. „Die Kugel unter dem alten Kreuz hatte mehrere Schusslöcher vom Zweiten Weltkrieg.“

Kein Geld für die Vergoldung der Kugel

Eine neue Kugel wurde 1975 zwar gefertigt, aber: „Es war kein Geld da für die Vergoldung.“ Das berichtete der Kirchenälteste Wolfgang Liesigk. So wurde sie 44 Jahre lang hinter dem Altar deponiert. „Seit einem Jahr sammeln wir Spenden“, sagte Liesigk. Er ist zuversichtlich, dass spätestens in einem Jahr das reparierte Kreuz samt der bis dahin vergoldeten Kugel wieder auf die Kirchturmspitze kommt.

Auch Monika Poser vom Gemeindekirchenrat warf einen Blick auf den Inhalt der Kapsel. Sie kündigte an, dass der Christopherus-Chor aus Borgisdorf am Freitag, dem 30. August, um 19 Uhr in der Langenlipsdorfer Kirche ein Benefizkonzert mit der neuen Flötengruppe gibt.

Von Hartmut F. Reck

Märkische Allgemeine Zeitung, 08.08.2019
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