13.10.2020  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Kleinwudicker Kirche wird abgerissen – und in Jerchel wieder aufgebaut

Am Samstag verabschiedeten sich rund 50 Menschen von der 250 Jahren alten, einsturzgefährdeten Waldkapelle in Kleinwudicke. Das Gotteshaus soll nun Stein für Stein abgetragen und in Jerchel wieder aufgebaut werden.


Etwa 40 Jahre ist es her, dass die Kleinwudicker in ihrer Waldkapelle saßen, um gemeinsam zu singen und zu beten. Seit Anfang der 1980er Jahre steht das Gotteshaus ungenutzt auf dem Friedhof am Randes des Dorfes und verfällt zusehends.

Der Turm neigt sich bedrohlich, das Dach ist marode, das 250 Jahre alte Mauerwerk ebenso. Seit einiger Zeit ist die Kirche sogar mit einem Bauzaun umstellt. Ein Schild warnt: „Einsturzgefahr – Betreten verboten!“

Nun steht das fest, das Dorf verliert seine Kirche. Etwa 50 Gäste versammelten sich am Samstag, um Lebewohl zu sagen. Für viele war es ein trauriger Anlass, zugleich gibt es aber auch einen Grund zur Freude. Denn das Gotteshaus soll nicht verschwinden, sondern Stein für Stein abgetragen und in Jerchel wieder aufgebaut werden.

Mit einem Gottesdienst vor der Waldkapelle verabschiedeten sich die Kleinwudicker nach 250 Jahren von ihrem Gotteshaus.

Der Ort auf der anderen Seite der Gemeinde hat seit 1982 keine Kirche mehr, im Gegensatz zu Kleinwudicke gibt es hier aber noch Kirchgänger und die wünschen sich schon lange ein neues Zuhause.

Zugegeben, das Ganze klingt total verrückt, aber inzwischen ist klar, es gibt sogar Fördermittel für diesen außergewöhnlichen Umzug, den sich Felix Menzel, Kleinwudicker und Bürgermeister im Milower Land (SPD) ausgedacht hatte.

Vor etwa vier Monaten präsentierte er die wagemutige Lösung zur Rettung des Hauses und stieß damit natürlich zunächst auf Skepsis. „Ich fand diese Idee am Anfang völlig verrückt und abgefahren. Habe mich aber Schritt für Schritt damit angefreudet und freue mich nun, dass wir diese Kapelle in Jerchel mit neuem Leben füllen und in ein Begegnungszentrum verwandeln“, verkündete Magdalene Wohlfarth, Pfarrerin in Jerchel und den umliegenden Orten, am Samstag.

Zwei Probleme auf einmal gelöst

Gemeinsam mit Menzel, der für Kleinwudicke zuständigen Pfarrerin Katrin Brandt und Rainer Schirrmacher vom Gemeindekirchenrat hatte sie den letzten Gottesdienst in Kleinwudicke unter freiem Himmel vor der Kapelle gestaltet. Dabei erinnerte Brandt noch einmal daran, dass sich die Kleinwudicker über viele Jahren diskutierten, was aus ihrer Kirche werden soll.

Die Meinungen schwankten lange zwischen platt machen und wieder aufbauen. Für Letzteres fehlte der Kirchengemeinde aber das Geld. Auch die Gemeinde Milower Land konnte ein solches Vorhaben nicht finanzieren.

Die Lösung, die nun umgesetzt werden soll, ist eine mutige Alternative, die zwei Probleme auf einmal bewältigt: Das einsturzgefährdete Gebäude in Kleinwudicke verschwindet und Jerchel bekommt endlich wieder eine Kirche.

Projekt wird mit EU-Mitteln gefördert

Wie Wohlfahrt am Samstag ebenfalls verkündete, können 75 Prozent der Gesamtkosten mit Fördermitteln aus dem LEADER Programm der EU finanziert werden. Insgesamt soll der Umzug der Kirche nicht mehr als 400.000 Euro kosten. Die restlichen 25 Prozent bringt die Landeskirche Sachsen-Anhalt auf, zu der Jerchel gehört.

Die Lösung kommt genau zu rechten Zeit, denn erst vor Kurzem hatte der Landkreis Havelland eine Abrissverfügung erteilt, weil der Zustand der Waldkapelle sich bereits bedenklich verschlechtert hatte. Damit geht nach 250 Jahren ein Teil der Kleinwudicker Geschichte zu Ende. Ein Erinnerungsstück an ihre Kirche wollen die Kleinwudicker aber behalten.

Vor der Trauerhalle soll die Glocke der Kapelle in einem kleinen Glockenturm angebracht werden. „Die dafür nötigen Mittel sind bereits im Haushalt 2021 eingestellt“, versprach der Bürgermeister. Damit bleibt den Kleinwudickern zumindest der Klang ihrer Waldkapelle erhalten.

Jerchel soll eine Kulturkirche bekommen

In Jerchel soll die Kapelle derweil um einen modernen Anbau erweitert werden. „Wir wollen keine Kirche im herkömmlichen Sinn schaffen. Stattdessen soll ein offenes Haus entstehen, eine Fahrrad- und Kulturkirche, die wir mit Leben füllen wollen und die für alle Menschen da ist“, beschrieb Magdalene Wohlfarth das Vorhaben.

In Zusammenarbeit mit verschiedenen Projektpartner, die bereits in das Vorhaben eingebunden sind, sollen Lesungen, Musik und Vorträge in der neuen Kulturkirche stattfinden. Dazu gehören unter anderem der Bahnitzer Kunstverein, die Wichern Buchhandlung aus Brandenburg/Havel, die Buckower Landfrauen und freischaffende Künstler.

Auch Yoga-Kurse sind möglich

„Selbst Yoga-Kurse können hier stattfinden, denn im Innern wird das Haus nicht wie eine typische Kirche aussehen“, verspricht Wohlfahrth. Der Nabu hat ebenfalls Interesse angemeldet und würde das Gebäude gern für Bildungsangebote nutzen.

All das kommt auch bei Katrin Brandt gut an. „Ein Haus muss mit Leben gefüllt sein, sonst ist es nur toter Stein. Das ist auch mit einem Kirchenhaus so. Deshalb freue ich mich, dass diese Kirche in Jerchel zu neuem Leben erweckt wird“, so Brandt.

Wann die Kapelle an ihrem neuen Standort eingeweiht werden kann, ist allerdings noch nicht ganz klar. Immerhin ist ein solches Bauvorhaben für alle beteiligten völlig neu und nicht so leicht zu planen. Gut, dass die sowohl die Kleinwudicker als auch die Jercheler im Warten inzwischen geübt sind.

Von Christin Schmidt

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