26.01.2019  –  Lausitzer Rundschau

Königinnen sind ausgetrocknet : Gießkannen für trockene Kirchen

Christian Scheffler von der Orgelwerkstatt Scheffler GmbH Sieversdorf während der Wartung im Innern der 140 Jahre alten Sauerorgel in der St. Gertrauden-Kirche Frankfurt/Oder Foto dpa: Patrick Bleus

von Jeanette Bederke 
26. Januar 2019, 05:00 Uhr

Pfarrer Joram Luttenberger staunte erst einmal, als sein Organist ihm in der Vorweihnachtszeit erzählte, mit der Orgel in der Dorfkirche Biegen (Oder-Spree) würde etwas nicht stimmen – im wahrsten Sinne des Wortes. Dass die Misstöne etwas mit der monatelangen Trockenheit zu tun hatten, darauf wäre der Kirchenmann von allein nicht gekommen. „Pfeifenstock und Windlade dieser Sauer-Orgel aus den 1930er Jahren waren undicht geworden. Da hatten wir echt zu tun, das wieder hinzubekommen“, sagt Orgelbaumeister Christian Scheffler von der gleichnamigen Firma aus Sieversdorf (Oder-Spree).

Dass die anhaltende Trockenheit an vielen Instrumenten das Holz verformte, kann auch sein Berufskollege Martin Schulz, Geschäftsführer der Orgelbaufirma Sauer aus Müllrose (Oder-Spree) bestätigen. Als Beispiel nennt er die größte Orgel Brandenburgs im Fürstenwalder Dom (Oder-Spree). „Das Instrument war zwar noch spielbar, aber es gab Verstimmungen im Gebälk“, beschreibt Schulz das Problem. Einmal im Jahr werde das Instrument durchgecheckt, bis zur nächsten Durchsicht muss Domkantor Georg Popp mit den für den Laien kaum auffälligen Misstönen erst einmal leben, wie er sagt. 

„Das war und ist nicht nur in Brandenburg ein Problem, sondern deutschlandweit“, erzählt der Frankfurter Orgelsachverständige Martin Schulze. In den Sommermonaten legt er als Fahrrad-Kantor jeweils rund 15 000 Kilometer meter zurück und spielt auf etwa 100 Orgeln entlang seines Weges. In der vergangenen Saison hatte er so einige Konzerte ausfallen lassen müssen, weil die Kircheninstrumente nicht spielbar waren, erzählt der 52-Jährige. „Wenn sich das Holz der Orgeln aufgrund der Trockenheit zusammenzieht, landet die Luft nicht mehr dort, wo sie hin soll. Das ist wie bei einem Menschen mit Lungenriss“, erläutert er. Normalerweise speichern Kirchen durchaus Feuchtigkeit, sagt Orgelbaumeister Scheffler. Doch die extreme Wärme des Sommers habe die Wände rasch ausgetrocknet. „Wenn die Luftfeuchtigkeit von normal 60 auf oftmals nur noch 20 Prozent sinkt, wird die Orgel kleiner. Leder- und Filzteile können das bis zu einem gewissen Grad ausgleichen“, erklärt der Fachmann.

Bei alten Instrumenten sei das Leder jedoch hart geworden und nicht mehr elastisch, der Filz verschlissen. Die Luftverbindungen würden undicht und die Orgel beginne zu zischen, die Holzpfeifen würden klappern. Ganz einfach zu beheben seien solche Schäden nicht, sagt der Orgelbaumeister. „Zunächst einmal musst Du die Ursache finden, dann eventuell Teile austauschen, Regulierschrauben nachziehen, an die Du manchmal nur schwer herankommst.“ 

Bereits im vergangenen Sommer wurden die Orgelspezialisten vielerorts um Hilfe gebeten, erzählt Scheffler. „Was ich da teilweise nachreguliert habe, kann ich jetzt erneut bearbeiten – weil das Holz eben arbeitet und einzelne Töne schon wieder hängen bleiben.“ Das Ende der Fahnenstange sei noch längst nicht erreicht, ergänzt Juniorchef Konrad Scheffler. „Es gibt unter den 1600 Brandenburger Orgeln noch einige Heuler oder gerissene Holzteile. Spätfolgen treten jetzt erst auf.“

Die Schefflers hoffen aber, dass die Feuchtigkeit des aktuell nassen Winters vielerorts ausgleichend wirkt und sie nicht mehr nachhelfen müssen. „Feuchtigkeit ist das A und O. Entweder stellt man Luftbefeuchter in den Kirchen auf oder man wässert Kirchenboden oder Empore per Gießkanne“, erklärt Konrad Scheffler. In der Schinkelkirche Neuhardenberg (Märkisch-Oderland) seien beispielsweise die Konfirmanden zum regelmäßigen Gießen verpflichtet worden.

Die Anregung mit den Gießkannen will Pfarrer Luttenberger gern aufgreifen. Immerhin sei die Methode billiger, als in der Kirche ständig stromfressende Luftbefeuchter laufen zu lassen, meint er. „Unser Dilemma ist, dass unsere Kirchenorgeln viel weniger gespielt werden als früher, weil wir einfach deutlich weniger Gottesdienste haben. Deshalb fallen eventuelle Schäden erst sehr spät auf“, meint er fast entschuldigend. 

Früher hätten sich Kantoren um die Orgeln gekümmert, erläutert der 64-jährige Christian Scheffler. Da es diese kaum noch gebe, müsse nun die Kirchengemeinde aktiv werden. Denn: „Die beste Orgelpflege ist eine regelmäßige Nutzung. Sonst gibt es spätestens zu Ostern ein böses Erwachen.“ – Quelle: https://www.prignitzer.de/22396622 ©2019

Lausitzer Rundschau, 26.01.2019
https://www.prignitzer.de/22396622
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