05.04.2021  –  Märkische Oderzeitung

Konzepte gesucht für baufällige Kirchen in Brandenburg

Knapp 1400 Dorfkirchen gibt es in Brandenburg. Viele von ihnen sind Jahrhunderte alt und stark sanierungsbedürftig. Die Gemeinden stellt es vor enorme Anstrengungen, ihre ortsprägenden Sakralbauten wieder in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Doch was kommt nach der Sanierung?

05. April 2021, 05:00 Uhr•Wriezen/Greiffenberg
Von Michael Heider

Pfarrer Christian Moritz in der zerstörten Marienkirche in Wriezen. Auch mehr als 75 Jahre nach Ende der Kampfhandlungen ist es hier noch trist.
Pfarrer Christian Moritz in der zerstörten Marienkirche in Wriezen. Auch mehr als 75 Jahre nach Ende der Kampfhandlungen ist es hier noch trist.
© Foto: Michael Heider

Es ist Mittagsstunde in Wriezen und die Glocke der Marienkirche setzt sich in Bewegung. Ausgehend vom weiß verputzten Turm mit seiner Barockfassade breitet sich ihr heller Schlagton über roten Backstein und moosbesetzte Feldsteine aus, die wie architektonische Sedimentschichten offen zutage liegen. Er dringt ins deckenlose Langhaus ein, wird von porösen Wänden hinter meterhoher Arkaden reflektiert und verliert sich in schallendem Echo im fensterlosen Halbrund der Apsis.Die Leere dieses Ortes hat etwas seltsam Erhabenes. Zur Ruine geworden ist der Bau in den finalen Wochen des Zweiten Weltkriegs, als Wriezen von der Roten Armee überrollt wurde und die Marienkirche bis auf die Grundmauern abbrannte. An die einstige Innenausstattung erinnern nur noch rostige Metallhaken, die einsam aus dem nackten Backstein ragen. Selbst die Glocke fiel den Kampfhandlungen zum Opfer – das heutige Geläut war ursprünglich über einer polnischen Gemeinde zu hören.

Seine Gottesdienste hält Pfarrer Christian Moritz im südlichen Chorschiff ab. 1952 wurde hier eine Behelfskirche mit neuem Altar, Kanzel und Orgel eingerichtet. „Man hatte damals schon geplant, die gesamte Kirche wieder instand zu setzen. Mit der Zeit ist aber diese Notkirche zur Gemeindekirche geworden“, sagt der 59-Jährige. Erst nach der Wende begannen weiterreichende Sanierungsmaßnahmen. Der Turm wurde neugestaltet, die stark rissige Apsis schützt mittlerweile wieder ein Holzdach und frisch geziegelte Querbögen bewahren die Ruine vor dem Kollaps.

Wiederaufbau in Wriezen

Wenn alles gut geht, finden die seit Anfang der 1990er andauernden Bemühungen um den Wiederaufbau nächstes Jahr ihren von vielen Wriezenern lang ersehnten Abschluss. Das EU-Förderprogramm, mit dessen Hilfe er unter anderem finanziert wird, sieht einen praktischen Bauschluss bis Herbst 2022 vor. Knapp vier Millionen Euro werden dann in der „Kathedrale des Oderbruchs“ verbaut sein.Der Blick von Christian Moritz wandert die wuchtigen Backsteinpfeiler entlang nach oben. „Ich habe hier noch einiges vor“, sagt der gebürtige Berliner, der hier 1990 seine Pfarrstelle antrat. Neben Gottesdiensten denkt er an Konzerte, Lesungen und Ausstellungen. Auch eine Nutzung als Lernort mit regionaler Strahlkraft, in dem Musikunterricht und Sprachkurse angeboten werden, könne er sich vorstellen.Ins Boot holen möchte er dabei auch nichtkirchliche Partner – er muss es wohl auch. Allein zwischen 2007 und 2019 sank die Zahl der Gemeindemitglieder in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz um gut 20 Prozent auf 914.260. Tendenz: weiter fallend. Das macht sich auch in Wriezen und Umgebung bemerkbar. „Als Kirchengemeinde alleine können wir das Gebäude nicht mehr bespielen“, gibt der Pfarrer zu verstehen.

Landflucht und Säkularisierung

Den Erhalt teils Jahrhunderte alter Bausubstanz zu gewährleisten und gleichzeitig eine zukunftsträchtige Nutzung sicherzustellen – für viele Gemeinden in Brandenburg, in denen sich eine der gut 1400 Dorfkirchen des Landes befindet, stellt dies mittlerweile einen schmerzvollen Spagat dar. Die lauter werdende Begleitmusik bildet ein Chor aus Landflucht, fortschreitender Säkularisierung und Geldmangel.Zu beobachten ist dies auch im knapp 50 Kilometer entfernten Greiffenberg. „Viele Kirchen sind einfach nicht mehr ausschließlich durch die Kirchengemeinden zu tragen. Das wird eine zunehmend gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagt Jens Radtke mit Blick auf die dortige Stadtkirche. Eine Ruine ist sie zwar nicht. Den Ausführungen des Baubeauftragten des evangelischen Kirchenkreises Uckermark zufolge hat allerdings nicht mehr viel gefehlt.

Schon länger war bekannt, dass der seit einem Blitzeinschlag im Jahr 1800 immer wieder notdürftig mit Eisenverbindungen geflickte Kirchturm sanierungsbedürftig war. Auch Baumaßnahmen waren bereits geplant. Doch das Ausmaß des Echten Hausschwammbefalls war weitaus gravierender als zunächst angenommen. „Viele der Hölzer und Balken waren so stark beschädigt, dass sie kaum noch vorhanden waren“, erinnert sich Radtke. Die Statik des Turms war akut gefährdet. Nicht einmal eine Notsicherung hätte mehr ausgereicht.Die veranschlagten Sanierungskosten verdoppelten sich mit einem Schlag auf 870.000 Euro. Der Verkauf des Pfarrhofs am Fuße des Kirchenhügels, ohne den die Reparaturen nicht finanzierbar wären, war da längst eingepreist. „Jetzt kämpfen wir darum, dass wir überhaupt eine Finanzierung zustande bekommen“, betont der Baubeauftragte. „Ich weiß nicht mehr, wie viele Förderanträge wir schon gestellt haben.“

Fördermittel reichen selten

Zwar gebe es durchaus Möglichkeiten, an Fördermittel aus der Denkmalpflege oder Notsicherungsprogrammen zu kommen, meint der Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, Bernd Janowski. „Aber es ist schwieriger geworden.“ Die Antragsverfahren seien häufig enorm aufwendig. Gleiches gelte für die Abrechnung. „Hinzu kommt, dass verschiedene Förderlinien miteinander nicht kompatibel sind.“ Gemeinden und lokalen Vereinen, die sich für den Erhalt ihrer Dorfkirche einsetzen, bietet der Förderkreis daher Unterstützung und Beratung an. Seit seiner Gründung vor 30 Jahren war er so bereits an gut 400 Sanierungsprojekten beteiligt.Auch in Greiffenberg hilft er bei der Finanzierung, genau wie der Kirchenkreis, die Landeskirche, die Partnergemeinde in Essen und die Stadt Angermünde. Auch Spenden erhielt die Gemeinde. Trotzdem ist noch nicht einmal abzusehen, wann der Kirchturm wieder vom Baugerüst befreit werden kann. Vom ebenfalls sanierungsbedürftigen Kirchenschiff ist da noch gar nicht die Rede. Die Hoffnungen liegen derzeit deshalb auf dem zuständigen Bundestagsabgeordneten Jens Koeppen (CDU). An ihn wandte sich die Kirchengemeinde für Unterstützung bei der Förderung mit Bundesmitteln. „Wenn wir die bekommen, dann können wir es schaffen, ansonsten wird es schwierig“, ist sich Jens Radtke sicher.

Nutzung als Kulturhaus

Um die Stadtkirche nach Abschluss der Arbeiten wieder mit Leben zu füllen, soll auch sie für kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen geöffnet werden. Das Nutzungskonzept sieht dafür die Einrichtung einer beheizten Winterkirche unter der Empore vor. „Wir können uns auch vorstellen, eine Musikkirche draus zu machen“, sagt der stellvertretende Vorsitzende des Gemeindekirchenrats, Uwe Thürnagel. So würde auch die seltene Röder-Orgel, die derzeit in Prenzlau zwischenlagert, wieder häufiger gespielt werden.Das Angebot möchte auch Bernd Janowski in Anspruch nehmen. Er lebt nur wenige Kilometer entfernt. Dass es die Dorfkirchen trotz schwindender Kirchengemeinden auch künftig braucht, davon ist er überzeugt.  Eine Wiederbelebung, etwa in kultureller Hinsicht, könne sich auf das gesamte Lebensgefühl eines Ortes auswirken, meint er. „Die Kirche ist nicht nur der architektonisch sichtbare Mittelpunkt eines Dorfes“, erklärt der 63-Jährige. Oft genug sei es nicht nur das älteste, sondern auch das letzte öffentliche Gebäude. „Für viele sind sie wie Heimat, das gilt auch für kirchenferne Menschen.“ Das merke man spätestens beim Engagement um ihren Erhalt.

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