21.07.2020  –  Märkische Oderzeitung

„Krieg und Frieden“ – Die Spuren von 1945 in Brandenburg

Prenzlau nach dem Krieg © Foto: Hist. Stadtarchiv Prenzlau/Frank Gaudlitz/Kulturland Brandenburg
Aus Ruinen auferstanden: Prenzlaus Marienkirche 1945 und 2020. © Foto: Frank Gaudlitz

Christina Tilmann / 21.07.2020, 04:45 Uhr – Aktualisiert 21.07.2020, 06:15 Potsdam (MOZ) Wie viel Erinnerung wird überliefert in den Familien, und welche? Manja Präkels, die mit ihrem Buch „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ zur hellsichtigen Chronistin der Nachwendezeit wurde, erinnert sich an sonntägliche Kaffeetafeln zuhause. Sie, das Kind, fragt. „Opa, wo bist du eigentlich im Krieg gewesen?“ Starres Entsetzen bei Eltern, Onkels, Tanten. Es ist der Bericht eines übergroßen Schweigens. Schweigen über den Krieg, über die Russen, über Juden, über das, was gerade einmal eine Generation zurück liegt. Nur Omi erzählt gern Schreckensgeschichten. Und Opa feiert 2019 im Kreis der Kinder, Enkel und Urenkel seinen 90. Geburtstag.

Wie nah oder fern die Erinnerung an Krieg und Kriegsgeschehen in Brandenburg heute ist – das ist das Thema der diesjährigen Jahreskampagne von Kulturland Brandenburg. Einiges an geplanten Ausstellungen ist durch die Corona-Pandemie verschoben und verändert worden. Auch der Begleitband, der eigentlich im Mai hätte erscheinen sollen, liegt erst jetzt vor.

Doch wenn aus diesem Jahr etwas bewahrt werden sollte, dann auf jeden Fall dieses Buch. Einerseits ist es ein Bildband: Der Potsdamer Fotograf Frank Gaudlitz hat Kriegsveteranen in Brandenburg fotografiert, heute alles Herren in ihren Neunzigern, die wach, aber auch skeptisch in die Kamera blicken, und sie zum Teil mit Fotos aus ihrer Jugend, als Soldaten, und mit Zitaten aus ihren Erzählungen konfrontiert. Er hat Fundstücke aus den Waldlagern der Roten Armee dokumentiert. Und Bildern der kriegszerstörten Brandenburger Städte Potsdam, Frankfurt (Oder), Cottbus, Fürstenwalde oder Schwedt Ansichten von heute entgegengestellt, die zeigen, wie die Wunden noch heute klaffen.

Doch mindestens so spannend sind die Textbeiträge: Norbert Frei schildert die unmittelbare Nachkriegszeit im Sommer 1945, Aleida Assmann macht sich Gedanken darüber, wie eine Kriegsgesellschaft den Weg in den Frieden findet, Herausgeber Christian Müller-Lorenz von Kulturland Brandenburg schließt sich Esther Bejaranos Forderung nach einem 8. Mai als gesamtdeutschen Feiertag an.

Enkelgeneration stellt Fragen

Doch es ist die Enkelgeneration wie Manja Präkels, die jetzt die Fragen stellt und die Erinnerungen bearbeitet. Katinka Meyer untersucht in ihrem spannenden Beitrag den Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg in ostdeutschen Familien, zwischen offizieller Doktrin und privat überlieferter Erinnerung. Was es heißt, mit solchen Widersprüchen zu leben, wird auch bei Andreas Weigelt deutlich, der sich an Kindheitsbegegnungen mit Russen in Lieberose erinnert, an Erzählungen seines Vaters aus der Kriegsgefangenschaft und das öffentliche Erinnern an das KZ Außenlager Jamnitz, später sowjetisches Speziallager. Wie sich Gedenken in Stadtplanung einschreibt, untersucht Michael Zajonz am Beispiel Potsdam, und Knut Elstermann bricht eine Lanze für das antifaschistische Filmerbe der Defa. So viele Spuren. Und bald niemand mehr, der noch erzählen kann.

„Krieg und Frieden. 1945 und die Folgen in Brandenburg“, hrg. von Brandenburgische Gesellschaft für Kultur und Geschichte, Kulturland Brandenburg, L & H Verlag, 180 S., 20 Euro

Märkische Oderzeitung, 21.07.2020
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