14.09.2020  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Mahnung: Kirche soll die Dörfer nicht aufgeben

Eine Strukturreform wird in den Evangelischen Gemeinden erörtert. Diesmal in Bad Belzig. Die Sorge vor weiterem Bedeutungsverlust scheint größer als der Leidensdruck durch zunehmende Anforderungen.

Die Poststellen, Gasthöfe und Verkaufsstellen in den Dörfern sind längst dicht. Geblieben sind Feuerwehrgerätehäuser und Kirchen mit ihren Türmen. „Diese letzten Leuchttürme müssen erhalten bleiben“, mahnt Helmut Theo Herbert. „Wenn der ländliche Raum weiter aufgegeben wird, werden andere (politische) Kräfte das Feld besetzen“, ist sich der Lühsdorfer Ortsvorsteher gewiss.

Seinen Appell richtete er als Mitglied des Kreiskirchenrates Mittelmark Brandenburg an die etwa 60 Teilnehmer eines Diskurses mit Pröpstin Christina-Maria Bammel. Mit Rechtsanwältin der Landeskirche, Heike Koster, und Superintendent Siegfried Thomas Wischhaben sie am Freitagabend in der Marienkirche Bad Belzig die Vor- und Nachteile einer Reform der Struktur der Kirchengemeinden erörtert.

Immer weniger Christen

Gemeint ist dabei ihr Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts mit zunehmendem Verwaltungsaufwand. Denn dass die Kirche in jedem Dorf präsent bleiben soll, wird von allen Beteiligten betont. Doch es gibt Zweifel.

Der Diskurs erfolgt zum einen die rückläufige Mitgliederzahl. Zwischen 2018 und 2019 ist sie von 940.000 auf 914.000 gesunken. Mehr Beerdigungen und Austritte bei weniger Taufen schlagen in der Statistik zu Buche. Zum anderen sind es immer mehr Anforderungen, die an Kirchengemeinden gestellt werden: neueste Entwicklungen im Datenschutz beispielsweise. Rechtsfragen, Baumanagement, Träger- und Arbeitgeberpflichten schränken mancherorts vor allem die beruflich Beschäftigten ein. Sie sehnen sich Entlastung herbei, um sich der Seelsorge und Verkündung widmen zu können.

300 Mitglieder scheinen passende Größe

Stefan Hartmann, Pfarrer aus Päwesin, beschreibt das unter anderem so. Aber noch weiß niemand, welche Größenordnung am besten gewählt werden sollte. Laut Christina-Maria Bammel schon in einem Prozess gewachsen, aber doch noch willkürlich wird gerade die Mindestzahl von 300 Gliedern erörtert. „Ausdrücklich geht es nicht darum, kleinteilige Gemeindearbeit vor Ort zu zerschlagen“, betont sie. Im Hohen Fläming sind allerdings Größenordnungen unter 100 nicht selten.

Mit etwa 50 Interessierten wurden die Perspektiven für die kleinen Evangelischen Gemeinden im Hohen Fläming ausgelotet.

Mit etwa 50 Interessierten wurden die Perspektiven für die kleinen Evangelischen Gemeinden im Hohen Fläming ausgelotet. Quelle: René Gaffron

Lokale Budgetverantwortung könnte ihnen bleiben, sieht Superintendent Thomas Wisch einen wesentlichen Unterschied zur Bedeutung im Vergleich mit den Ortsbeiräten in den kommunalen Gemeinden. Vielmehr sollten bestimmte Entscheidungen beispielsweise zu Verpachtungen oder Beschaffungen auf eine buchstäblich neue Ebene delegiert werden, damit nicht mehr jeder für alles verantwortlich zeichnen müsste. Fruchtbringende Kooperation lautet der häufig verwendete Begriff in der Runde.

Pfarrer befürchtet Verlust von Ehrenamtlichen 

Daniel Geißler, Pfarrer in Niemegk, bleibt trotzdem skeptisch. In zwei Hand voll kleinster Kirchengemeinden ist er tätig und befürchtet, dass ihm bei der Fusion eine Vielzahl der verlässlichen Ehrenamtlichen von Bord gehen würde. So aber sei jeder in seinen überschaubaren Rahmen tätig.

Dass die Ziele der Reform noch nicht so richtig klar sind, wird beklagt. Die Treuenbrietzener Pfarrerin Susanne Weichenhahn jedenfalls zeigt sich bereit, Erfahrungen von anderen mit ihren sogenannten Gesamtgemeinden zu sammeln. Die Kirchenspitze jedenfalls verspricht die Fortführung des Dialogs. 

Von René Gaffron

Märkische Allgemeine Zeitung, 14.09.2020
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