06.08.2019  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Nach 102 Jahren: Kirchturm in Rädigke hat wieder eine zweite Glocke

Nach 102 Jahren kann in der Rädigker Kirche endlich wieder eine zweite Glocke läuten. Große Spenden machen das möglich. Am Dienstag wurde die neue kleine Glocke aufwendig in den Turm bugsiert.

Eine neue und damit nun wieder zweite Glocke ist in der Kirche zu Rädigke in den Turm gehoben worden.Quelle: Thomas Wachs

Die Große hat jetzt endlich wieder eine kleine Schwester. Nach mehr als 100 Jahren sollen in der Kirche zu Rädigke am 1. September erstmals wieder zwei Glocken zum Gottesdienst rufen.

Möglich wird dies durch eifrige Spenden der Dorfbewohner sowie des Bad Belziger Kantors, Winfried Kuntz. Der Orgelexperte und Glockenkenner hat ein kleine Glocke als Dauerleihgabe aus seinem Privatbesitz gestiftet für die Rädigker Gemeinde. Am Dienstagmorgen ist die 200 Kilogramm schwere Bronzeglocke mit Hilfe eines Spezialkranes an ihren neuen Bestimmungsort gehoben worden.

Gut 4500 Euro brachten die Dorfbewohner und die Kirchengemeinde auf für alle nötigen Handwerksarbeiten rund um die neue Glocke sowie für den Spezialkran. In ähnlicher Höhe liegen die Ausgaben, die Winfried Kuntz privat tätigte. „Im Vergleich zu einer Küche, die nur ein paar Jahre hält, ist so eine Glocke doch eine Investition für die Ewigkeit“, sagt der Kantor pragmatisch zu seinem Engagement.

Die neue Glocke ist per Spezialkran in den Kirchturm zu Rädigke gehoben worden. Quelle: Thomas Wachs

Als in der fünftletzten Glockenschmiede Deutschlands kürzlich der Betrieb für immer eingestellt worden war, blieb dort in Lauchhammereine Glocke übrig. „Sie war ursprünglich für eine Kirche in Sachsenbestimmt, aber nie abgeholt worden, weil sie nicht hundertprozentige zum Klang der vorhandenen Glocke in Sachsen passte “, erzählt Kuntz. Kurzerhand kaufte er die kleine Bronzeglocke mit einem Durchmesser von 80 Zentimetern der Firma ab.

Glocken fehlen in vielen Kirchen noch

„Wir finden schon eine Verwendung dafür“, war er sich sicher. Immer fehlen auch in vielen Kirchen der Fläming-Region noch immer Glocken, die noch nicht wieder ersetzt werden konnten, nachdem sie im Ersten oder Zweiten Weltkrieg ausgebaut worden waren. „In ganz Europa verschwanden so damals an die 40.000 Glocken“, erklärt Experte Winfried Kuntz.

Die neue Glocke der Kirche zu Rädigke ist von Pfarrer Matthias Stephan geweiht worden. Quelle: Thomas Wachs

„Leerstellen gibt es bis heute beispielsweise noch in Werbig, Benken, Lübnitz oder auch Kuhlowitz“, sagt der Kantor aus Bad Belzig. So war es auch in Rädigke. Dort waren beide Glocken im Kriegsjahr 1917 vom Turm geholt worden, um sie für Rüstungszwecke einzuschmelzen. 1922 kam eine große zurück. Die war 1903 gegossen worden und stammt aus Appolda.

Historischer Tag mit Freudentränen

„Die Abgabe der Glocken geschah damals sicher unter Tränen ihrer Vorfahren“, sagt der Rädigker Pfarrer Matthias Stephan am Dienstagmorgen bei seiner Andacht auf dem Hof des Gasthauses Moritzan die Dorfbewohner gewandt. „Nun bringen wir sie an einem historischen Tag zurück unter Freudentränen“, so Stephan.

Viele Anwohner waren gekommen, um die neue Glocke mit dem Ton „Klein D2“ hinüber zum Kirchhof zu geleiten. Kräftig ziehen mussten Sebastian Moritz und Jürgen Räbiger vom Gemeindekirchenrat, um den kleinen Wagen mit der schweren Last hinauf und über den Friedhof zur Kirche zu bugsieren.

Die neue und damit nun wieder zweite Glocke der Kirche zu Rädigke ist von Kantor Winfried Kuntz privat gestiftet worden. Quelle: Thomas Wachs

Nach der Weihe durch Pfarrer Matthias Stephan und einer ersten Klangprobe durch den Glockenstifter Winfried Kuntz, schwebte die neuen Glocke am Haken eines großen Kranes hinauf zum Turm. Dort holten sie Sven Hirche und seine Kollegen von der Glockenläute- und Elektroanlagen GmbH aus Heidenau durch eine Luke an den neuen Bestimmungsort. Nun müssen nur noch die Aufhängung an einem neuen Eichenjoch und der Klöppel montiert werden, für den ersten Einsatz.

Erster Klang am 1. September

„Am 1. September, dem Gedenktag des Beginns des 2. Weltkrieges vor 80 Jahren, werden dann um 14 Uhr die Menschen zum ersten Mal seit 102 Jahren von beiden Glocken zum Gedenkgottesdienst gerufen“, kündigt Pfarrer Matthias Stephan an. Besonders gespannt darauf ist auch Winfried Kuntz: „Ich hoffe, die kleine Schwester harmoniert im Ton mit der großen Glocke.“

Viele Dorfbewohner verfolgten das bewegende Ereignis am Dienstag auf dem Friedhof zu Rädigke. So auch Wolfgang Köppe. Immerhin war der 84-Jährige gut 40 Jahre lang Vorsitzender des Gemeindekirchenrates. „Ich bin hier 1934 direkt im Dorf geboren, in der Kirche getauft und getraut worden“, erzählt der Rädigker. Dass seine Kirche nun wieder zwei Glocken hat, „bewegt mich sehr“, sagt der Senior.

Maßarbeit per Funksteuerung

Dafür leistete Dirk Ermel vom Michendorfer Krandienst Maßarbeit. Wenngleich die 200 Kilogramm schwere Glocken am Haken seines für bis zu 60 Tonnen ausgelegten Krans eher ein Leichtgewicht war, erwies sich der Einsatz als spannend. Dirigiert wurde der Kranfahrer per Funk von Sven Hirche.

„Immerhin war alles 34 Meter weg und durch Bäume hindurch nur schwer zu sehen“, erzählt Dirk Ermel. Auf 40 Meter Höhe hatte er seinen Ausleger ausgefahren. Nach einigen konzentrierten Minuten war der Auftrag erledigt und die neue Glocke sicher im Turm angekommen.

„Es war ein Werk nicht nur der Kirchengemeinde sondern des gesamten Dorfes“, sagt Matthias Stephan. „Ohne die Leihgabe von Winfried Kuntz wäre alles aber so schnell nicht möglich gewesen“, so der Pfarrer.

Märkische Allgemeine Zeitung, 06.08.2019
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