16.08.2020  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Neue Glocken für Alt Ruppin: Der mächtigste Klang am Ruppiner See

Mit einem Festgottesdienst weihten die Alt Ruppiner am Sonntag die vier neue Bronzeglocken ihrer Nikolaikirche ein. Vor einem Jahr hingen sie noch in Hamburg. Die Kirche dort gibt es inzwischen nicht mehr.

Ein beeindruckendes Geläut hat Pfarrer Thomas Klemm-Wollny am Sonntagnachmittag im Pfarrgarten von Alt Ruppin angekündigt: Vier große Bronzeglocken gleichzeitig hat rund um den Ruppiner See keine andere Kirche zu bieten.
Die Alt Ruppiner ist damit einmalig. Entsprechend gespannt warteten die knapp 200 Gäste des Festgottesdienstesam Sonntag auch darauf, das Quartett zum ersten Mal in voller Fülle zu hören. Doch was passierte, war – nichts. Einzeln hatten die vier Glocken zuvor schon geschlagen, zusammen wollte es nicht funktionieren. Die Fernbedienung für die Glockensteuerung versagte. Hausmeister Roland Behnke musste erst vom Pfarrgarten zur Kirche stapfen und dann alle Stufen bis nach oben in den Turm, um dort die Glocken von Hand einzuschalten. Aber dann läuteten sie: mächtig und gewaltig, laut und wirklich eindrucksvoll. Die versammelte Gemeinde war gerührt.

Auch Rainer Schmitz war zufrieden. „Es ist schön zu sehen, dass sich jemand noch so über die Glocken freut“, sagt er. Schmitz ist Inselkantor in Hamburg. Er kommt aus der evangelisch-lutherischen Reiherstieg-Kirchengemeinde in Hamburg-Wilhemsburg, in der die Glocken noch bis vor einem Jahr hingen. Für die Weihe ist Schmitz am Sonntag nach Alt Ruppin gekommen.

Die Gemeinde in Hamburg-Wilhelmsburg hat sich nach langem Ringen entschieden, sich von einer Kirche zu trennen. Die Paul-Gerhard-Kirche aus den 60er Jahren sollte abgerissen werden, um Platz für ein neues Bauvorhaben zu machen. Die Gemeinde schrumpft seit Jahren, für zwei Kirchen war längst kein Geld mehr da. Also hat sie sich entschieden, eines ihrer beiden Gotteshäuser aufzugeben und alles, was noch verwendbar war, weiterzugeben.

Drei Pfarrerinnen und ein Pfarrer gestalteten den Festgottesdienst im Garten des Alt Ruppiner Pfarrhauses. Ann-Katrin Hamsch (Foto), Gabriele Zieme-Diedrich, Evelyn Tomaske-Fellenberg und Thomas Klemm-Wollny sprachen je über eine der vier Glocken.

Drei Pfarrerinnen und ein Pfarrer gestalteten den Festgottesdienst im Garten des Alt Ruppiner Pfarrhauses. Ann-Katrin Hamsch (Foto), Gabriele Zieme-Diedrich, Evelyn Tomaske-Fellenberg und Thomas Klemm-Wollny sprachen je über eine der vier Glocken. Quelle: Reyk Grunow

Gregor Hamsch, der Geschäftsführer der evangelischen Kirchengemeinde in Neuruppin erfuhr zufällig von den Glocken und meldete gleich Interesse an. Die alten Glocken in der Nikolaikirche in Alt Ruppin waren nach nur 60 Jahren derart verschlissen, dass sie womöglich bald stillgelegt worden wären.

Ursprünglich hatte auch die Alt Ruppiner Kirche Glocken aus Bronze. Doch die meisten von ihnen wurden im Krieg eingeschmolzen. Nach 1945 waren nicht genügend Geld und Material vorhanden. Daher bekam die Kirche ein Geläut aus Stahl, noch dazu aus keinem sehr hochwertigen. Die drei Ersatzglocken sind nach 60 Jahren stark verwittert, der Rost hat sehr an ihnen genagt.

Zwei der drei alten Glocken stehen jetzt auf dem Hof des Alt Ruppiner Pfarrhauses. Der Rost ist unübersehbar.

Zwei der drei alten Glocken stehen jetzt auf dem Hof des Alt Ruppiner Pfarrhauses. Der Rost ist unübersehbar.Quelle: Reyk Grunow

Anfang Juli wurden die alten Glocken abgehängt und die neuen bronzenen in den Turm gehievt. Zuvor hatten Zimmerer den Glockenstuhl verstärkt und angepasst, damit das Läutwerk dort auch Platz hat. Fachleute haben in den vergangenen Wochen die Bronzeglocken mit zusätzlichen Gewichten an den Klöppeln so austariert, dass sie beim Läuten den Turm nicht in gefährliche Schwingungen versetzen.

Am Sonntag wurden sie schließlich mit einem Festgottesdienstgeweiht. Das ist mehr als eine Formalie, wie Pfarrer Klemm-Wollnyversicherte. Erst mit der Weihe werden sie nach ihrem Umzug aus Hamburg wieder zu Kirchenglocken.

Zu Instrumenten, die auch dann klingen dürfen, wenn sich Nachbarn über den Lärm ärgern sollten. „Aber dass das je passiert, kann ich mir kaum vorstellen“ sagt Thomas Klemm-Wollny. Zu viert wie am Sonntag sind die Glocken nur an kirchliche Feiertagen zu hören.

Von Reyk Grunow

Märkische Allgemeine Zeitung, 16.08.2020
Zur Kirche
Pfarrkirche St. Nikolai Alt Ruppin im Pressespiegel
Neue Glocken für Alt Ruppin: Der mächtigste Klang am Ruppiner See 16.08.2020 · Märkische Allgemeine Zeitung
Bronze statt Stahl: neue Glocken für Alt Ruppin 07.07.2020 · Märkische Allgemeine Zeitung
Kirche in Alt Ruppin bekommt ihre neuen Glocken 19.06.2020 · Märkische Allgemeine Zeitung
Alt Ruppin bekommt Ersatz für seine rostigen Glocken 22.03.2020 · Märkische Allgemeine Zeitung
Alt Ruppiner Kirche bekommt vier neue Kirchenglocken – wann, ist noch ungewiss 05.12.2019 · Märkische Oderzeitung