13.05.2020  –  Märkische Oderzeitung

Neuendorfer Kirch-Baustelle – Millionen von Holzwürmern leisteten ganze Arbeit

Neuendorfer Gotteshaus: Pause auf der Baustelle. © Foto: B. Kraemer

Bärbel Kraemer / 13.05.2020, 10:00 Uhr Neuendorf Statt auf dem Kirchendach zu liegen, stehen die neuen Dachziegel für die Neuendorfer Kirche eingehaust in schützender Folie auf dem Dorfanger. Die Kirche selbst ist eingerüstet, der Turm bereits saniert. Auf seiner Spitze glänzt seit knapp vier Wochen die aufgearbeitete Turmzier. Auf den ersten Blick scheint für den Fortgang der Sanierung alles Startklar. Doch der Schein trügt.

Über der Baustelle liegt, wie Pfarrer Helmut Kautz sagt, eine Art „Corona Schockstarre“. Wohl sind die Bauarbeiter der ausführenden Gewerke wohlauf, doch fortfahren mit den Arbeiten kann man derzeit nicht.

Kirchenrat Dirk Brauer erklärt, dass der Zustand der Deckenbalken schlechter ist, als bei Baubeginn gedacht. Millionen von Holzwürmen haben im Lauf der Jahrzehnte „ganze Arbeit“ an ihnen geleistet und den Baustop quasi auf dem Gewissen. Konkret ist der Zustand der Balkenlagen so schlecht, dass einige bereits dabei sind, zu Staub zu verfallen. „Und in Staub kann man keine Nägel schlagen“, ergänzt Pfarrer Helmut Kautz.

Die alte Tonnendecke, die 1838 eingezogen worden war, hatte die Schäden am Gebälk kaschiert. Jetzt, wo sie entfernt ist, kam die ganze Problematik ans Tageslicht. Damals, in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts, war das Kirchenschiff nach Westen verlängert, eine Patronatsloge eingebaut und das Dach verändert worden. Um das Tonnengewölbe einziehen zu können, hatte mal zugleich alte Querbalken entfernt. Mit statischen Folgen. Die Dachlast drückt die Wände seitdem langsam aber stetig auseinander. Jetzt, wo die Tonnendecke entfernt ist, stellte sich heraus, dass nicht nur die fehlenden Balken das Kirchengebäude in Schieflage brachten, sondern auch der Zustand des Gebälks.

„Seit der Barockzeit hat jede Generation, die an der Kirche in Neuendorf Hand angelegt hat, gepfuscht“, sagt der Pfarrer und ergänzt, dass der Fortgang der Arbeiten nunmehr „neu gedacht“ werden muss.

Bis das Kirchdach mit den neuen roten Ziegeln eingedeckt werden kann, wird also noch einige Zeit vergehen. Zeit, in der über das – wie weiter – diskutiert werden muss. Die nächste Baubesprechung ist bereits anberaumt und schon jetzt ist klar, dass die ursprünglich eingeplanten Kosten für die Sanierung des Gotteshauses in Höhe von rund 380.000 Euro nicht mehr reichen.

Aufgebraucht ist mittlerweile auch das Bauholz, dass die Neuendorfer Kirchengemeinde im Winter 2017 in ihrem Kirchenwald erntete. Konkret am 21. Dezember 2017, nach dem Mondkalender. Aus den Stämmen der 100 Jahre alten Kiefern wurden damals Balken und Bohlen geschnitten. Sie wurden bereits im sanierten Turm und in der Dachkonstruktion verbaut. „Für die komplette Sanierung reicht dieses Holz aber nicht mehr“, berichtet der Pfarrer.

Der in Neuendorf lebende Zimmermann Eike Siedschlag hatte damals genau erklärt, was es mit der Holzernte nach dem Mondkalender auf sich hat. So habe Holz, dass an diesem Datum geerntet wird, eine besondere Qualität. Mondholz „schwindet nicht“, sagte er. Was soviel bedeutet, als dass sich sein Volumen nicht verringert. Ferner wird dem Holz eine besondere Widerstandsfähigkeit gegenüber Schädlingsbefall und eine große Härte nachgesagt. Beste Voraussetzungen, damit die Kirche nach abgeschlossener Sanierung auch in kommenden Jahrhunderten Mittelpunkt des Dorfes bleibt.

Ist die Restaurierung gemeistert, wird die Neuendorfer Kirche als „Eselpilgerlichtkirche“ zum inne halten einladen. Zum Thema „Esel in der Bibel“ gestaltet, soll sie zur Andacht anregen und Ausgangspunkt für Eselpilgerwanderungen sein.

Märkische Oderzeitung, 13.05.2020
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