23.03.2020  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Neuer Turm in Wahlsdorf schmiegt sich an

In Wahlsdorf überragt weithin sichtbar ein massiver neogotischer Turm das Gotteshaus, das aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts stammt. Mit einem kleinen Rundgang zu seiner Architektur und einem Abstecher in seine Geschichte setzt die MAZ ihre Reihe zu den Dorfkirchen in der Region fort.

Der Wahlsdorfer Kirchturm ist schon aus weiter Ferne zu sehen. Er ist 38 Meter hoch und erst später erbaut worden. Das spätromanische Gotteshausmit dem eingezogenen Chor und der Apsis stammt aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Zugemauert, aber gut zu erkennen, sind zwei Eingänge im Süden. Der östlichere dürfte die Priesterpforte gewesen sein. Im Denkmalbuch steht zwar „vermauertes Rundbogenfenster“, das wäre dann jedoch sehr tief. Zwischen beiden zugemauerten Öffnungen ist der Eingang zur sehr schlichten Patronatsloge erhalten. Die Tür ist wie der Haupteingang im Westen mit prächtigen Beschlägen geschmückt. Der neugotische Turm steht seit 1888. Sein Sockelgeschoss aus Feldsteinen täuscht eine Zugehörigkeit zum mittelalterlichen Bau vor. Sein Aufsatz ist wie der in Petkus aus Backstein und hat auch schmückende Staffelgiebel.

Überstrichener Epitaph

Im Vorraum begrüßt der Psalm „Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit“ die Gäste. Ein Schlussstein an der Decke erinnert an das Wirken des Jüterboger Maurermeisters C. F. Dalichow 1887–1888. Aus dieser Zeit stammt größtenteils die Innenausstattung. Ein Epitaph, laut Denkmalbuch für G. Punack, der 1707 gestorben ist, wurde überstrichen. Der verstorbene Geschichtslehrer Günter Lademann schrieb Junack, der von 1675 bis 1718 Gutsherr gewesen war. Leider ist die Inschrift nicht mehr lesbar.

Lademann hat 24 evangelische Pfarrer seit 1519 für Petkus bis etwa 1994 aufgelistet, als Christian Bochwitz kam, und sich dabei auf die Chronik von Pfarrer Johann Hermann Feller (1851 bis 1872 im Amt) gestützt. Etwa seit 1450 bis 1575 war Wahlsdorf Tochterkirche von Petkus, danach rund zwei Jahrzehnte von Stülpe und seit 1617 bis heute wieder von Petkus. Pfarrer Johann Karl Schlaeger (1873–1890) soll sich mit den Worten vorgestellt haben: „Ich heiße Schlaeger und schlage auch.“ Er hat auf jeden Fall beide Türme in Wahlsdorf gesehen.

Viel Kinder starben in den Kriegsjahren

Ein Pfarrer, Christian Gottlieb Neumann, 1772 in Dahme geboren, trat sein Amt 1803 an und heiratete 1804. Seine ersten fünf Kinder starben, bevor das sechste geboren wurde. Hinzu kamen die Leiden der Kriegsjahre, bei denen der Pfarrer ähnlich wie der in Oehna in einer misslichen Lage war. Seine Parochie gehörte teils zu Preußen, teils zu Sachsen, das Napoleon treu blieb. So wurde sicher auf der einen Seite für die Niederlage Napoleons Truppen und auf der anderen für dessen Sieg gebetet.

Adresse und Ansprechpartner

Die Kirche steht im Zentrum des Dahmer Ortsteils Wahlsdorf.

Pfarrer ist Joachim Boekels. Er ist zu erreichen in der Petkuser Hauptstraße 1, 15837 Baruth/Mark, Ortsteil Petkus, Telefon 03375/50 20 12, E-Mail pfarramt.petkus@kkzf.de

Weitere Informationen unter www.kkzf.de

Der erste Turm ist 1715 erbaut worden, als das Dach der Kirche neu gedeckt worden war. Auch hier war der Jüterboger Meister Martin Schüler zugange. Als 1810 Turm und Dach hätten repariert werden müssen, war das Kirchenkapital verschwunden. Superintendent Schwartzkopf schrieb an die Regierung, dass Gutsbesitzer Schrickel die Kirchensteuern der Wahlsdorfer 1809 beim Eigentümerwechsel an sich genommen hätte, weil dies die Vorgänger Baron von Stutterheim und von Grothauß so gehandhabt hätten. Seit 1739 war dies in Preußen verboten, doch in Sachsen wohl erlaubt, zumal in der Kirche kein Aufbewahrungsort war und die Kirchenvorsteher das Geld nicht zu Hause haben wollten. Prediger Neumann hatte gewarnt, dass es dem Patron „gewöhnlich am Gelde fehlte“, er werde überall von Gläubigern verfolgt. Briefe gingen hin und her, Landrat von Rochow wurde eingeschaltet und allerlei Maßnahmen angeordnet. Das Verfahren endete mit einer Versteigerung, deren Erlös nicht reichte, zumal alle Instanzen Gebühren abzogen. Von 133 Talern kamen 83 nach Wahlsdorf zurück. Erst 1822 wurde der baufällige Turm von einem Jüterboger Zimmermeister erneuert. In der Turmkugel war ein Schreiben, aus dem hervorging, dass er 1780 nebst Kirche ausgebessert worden war. Auch dieser Turm stand nicht lange.

Von den Nachbarorten aus gut zu sehen

Beim großen Umbau der Kirche 1887, als größere Fenster eingesetzt und die Tür ins Schiff zugemauert wurden, war die Entscheidung für den Bau eines massiven Turms gefallen. „Die Vorgänger sollen beide aus Holz gewesen sein“, sagt Roswitha Mönch, die den Küsterdienst leistet. Jetzt ließen die Wahlsdorfer die Pachteinnahmen des Kirchenlandes verbauen und einen Turm errichten, der von den Nachbardörfern aus zu sehen und mit Kupferblech gedeckt war. Nobler als die im Backstein vermauerten Kreuze des Petkuser Turms wurden die Wahlsdorfer Wimperge mit Kreuzen bekrönt sowie die Turmkugel ganz oben. Eine Uhr der Firma Wenke aus Bockenem vervollständigte 1888 den Turm. In dem hängen zwei Glocken. Eine kleine trägt die Umschrift „Jochim Hake * Barbara Flans 1613“ und darunter „Otto Heinrich Hake * Maria Sybilla von Karus 1670“, die große Glocke wurde im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen. 1953 kauften die Wahlsdorfer eine neue Glocke.

Patengemeinde aus Düsseldorf half

Da war der Kirchturm bereits zerschossen. Als die Rote Armee am 20. April 1945 durchs Dorf fuhr, war ihnen der Turm ein willkommenes Ziel. Ob es ein Schuss war oder zwei, darüber variieren die Aussagen. Fest steht, dass der Treffer den Turm arg beschädigte. Der Sturm riss dann die Kupferverkleidung stückweise ab. Kupfer für so große Flächen war nicht aufzutreiben, so wurde zunächst Schiefer beschafft. Die Patengemeinde Düsseldorf vermittelte dann die Lieferung von 150 Quadratmetern Kupferblech und Blattgold für Turmkreuz und Turmuhr. Als dann auch noch eine Rüstung aus Potsdam geborgt und Fahrzeuge aus Betrieben der Region für die Transporte eingesetzt werden konnten, ging es 1966 los. 1976 wurde ein elektrisches Läutwerk eingebaut, 1985 die beheizbare Winterkirche. Der mühevollen Instandsetzung folgte 1994 die nächste, Kirchen- und Turmdach wurden völlig neu gedeckt.

Von Gertraud Behrendt

Märkische Allgemeine Zeitung, 23.03.2020
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