18.08.2020  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Seelsorger aus Niendorf hatte keine Ahnung

In der MAZ-Serie „Dorfkirchen der Region“ stellen wir regelmäßig die Gotteshäuser und deren meist wechselhafte Geschichte vor. Diesmal sind wir zu Besuch in Niendorf.

Könnten die hohen Linden reden, hätten sie viel zur Kirchengeschichte Niendorfsbeizusteuern. Sie stehen am Eingang zum Friedhof mit dem Gotteshaus in der Mitte. Im „Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler“ steht, es sei im Kern aus dem 18. Jahrhundert, 1908 neubarock unter Anbau des quadratischen Turms überformt. Doch der Förderkreis „Alte Kirchen“ veröffentlichte eine andere Variante. Danach wurde die baufällige Fachwerk-Kirche 1908 auf Abriss verkauft und ein Neubau errichtet.

Einweihung am 28. August 1909

Wer den Zuschlag für das Abriss-Material erhalten hat, steht dort nicht. Zitiert wird die lokale Presse ohne Angabe, welche Zeitungen gemeint sind. Dahmes Maurermeister Richard Patyke wurde für den Neubau beauftragt. Kunstmaler Fey aus Friedenau malte das Innere aus, und Tischlermeister Schönicke aus Dahme passte den Altaraufsatz und die Kanzel aus dem Vorgängerbau ins neue Gotteshaus ein. Die Einweihungsfeier erfolgte am 28. August 1909 unter Leitung von Generalsuperintendent Köhler. Eine Sängerin kam eigens aus Berlin. Dass die Bronze-Glocken dazu läuteten, ist anzunehmen. Ob sie auch aus dem Vorgängerbau waren, ist nicht gewiss. Sie mussten im Ersten Weltkrieg abgegeben werden.

Seit 1923 hängen zwei große Glocken aus Stahl im Turm, der zur Freude der Besucher bestiegen werden darf. Auf der größeren Glocke steht: „In harter Zeit nach des Krieges Morden bin ich aus Erz zu Stahl geworden. So hart wie Stahl muss der Glaube werden, dann kommen bessere Zeiten auf Erden!“ Doch das war wohl zu optimistisch. Tafeln erinnern an die Gefallenen der beiden Weltkriege.

Schäden nehmen zu

Auch die Bauschäden vergrößerten sich. Bröckelnder Putz und Risse infolge der Fundament-Setzungen sind nicht zu übersehen. Nässe drang ein und gefährdete auch die Deckenmalereien. Das Dach wurde neu gedeckt, um den Verfall zu stoppen. Dabei wurde der politischen Gemeinde klar, dass sie Eigentümer der Kirche ist. Wie dies genau vonstatten ging, muss noch geklärt werden. Wichtiger war es, die Interessengemeinschaft zu gründen, zu der am Anfang acht Familien gehörten. Sie kümmern sich seither mit ihrem Pfarrer Carsten Rostalsky um alle Formalitäten, Gutachten, Nutzungskonzept, Architekt, Planung und vor allem Spenden. Kirchen-Kino, Konzerte, Kunst in Zusammenarbeit mit den Gästen im Schloss Wiepersdorf, Kaffee und Kuchen waren im Angebot, sind wegen Corona momentan leider eingeschränkt. 

Allerdings schwingen sich genau wegen Corona mehr Leute aufs Rad. Für sie gibt es Hinweise an der nahen Flämingskate und geregelte Öffnungszeiten. Von April bis Oktober kann jeder von Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr das Gotteshaus erkunden und innere Einkehr halten. Am Ausgang wird mit dem Korinther-Vers „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“ um eine Spende gebeten. Für größere Summen ist ein Konto beim Förderkreis eingerichtet. Gut 12.000 Euro sind schon drauf – für ein kleines Dorf beachtlich. Angesichts des Gesamtbedarfs ein Tropfen. Zu sanieren ist so gut wie alles, auch wieder das Dach.

Ansprechpartner und Adressen

Die Kirche steht in der Gemeinde Ihlow im Zentrum des Ortsteils Niendorf.

Pfarrer ist Carsten Rostalsky in Dahme, Geschwister-Scholl-Straße 7, Telefon unter: 035451/476, via E-Mail: carsten.rostalsky@kkzf.de. 

Ansprechpartnerin in Niendorf ist Jana Wiesinger, Telefon 0176/23 39 55 03.

Weitere Infos unter www.kkzf.de und www.dahme.de

Zur Kirchengeschichte ergibt sich aus den Angaben im „Historischen Ortslexikon“ Kreis Jüterbog-Luckenwalde, dass es in Niendorf schon im Mittelalter eine Kirche gab. 1495, 1562, auch 1817 sowie im 19. und 20. Jahrhundert war sie Tochterkirche von Rietdorf und wurde nur im 17. Jahrhundert zeitweilig von Dahme versorgt. Seit 1982 ist Niendorfmit Dahme verbunden. 1562 war ein mit zwei Hufen ausgestatteter Pfarrhof vorhanden. „Dies könnte darauf hindeuten, dass Niendorf in früheren Zeiten sogar eine selbstständige Pfarre gewesen war“, erläutert Marcus Cante vom Landesdenkmalamt. Er ergänzt, „von wann der 1908 ersetzte Fachwerkbau stammte, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Jetzt könnte man das Alter mittels Dendrochronologie ermitteln; aber diese Methode gab es damals noch nicht.“

Fachwerk könnte deutlich älter sein

In den letzten Jahren habe sich gezeigt, dass vermeintlich aus dem 18. Jahrhundert stammende Fachwerkbauten mitunter deutlich älter seien. Eventuell war der 1908 abgerissene Bau nicht die erste Niendorfer Kirche gewesen, sondern hatte vielleicht seinerseits einen noch älteren Vorgänger ersetzt.

Im Visitationsbericht von 1562 ist aufgeführt, was Pfarrer und Küster von Rietdorf mit der Filiale Niendorf an Einkünften zustand. Allerdings überzeugte der Seelsorger Mattheus Moller die Prüfer gar nicht. Er war bereits vier Jahre im Amt, kannte sich jedoch überhaupt nicht aus in der christlichen Lehre. Er hatte zuvor als Schuster und Tagelöhner sein Brot verdient. Nun wusste er nicht, „wes Sohn Christus wäre“ und wurde seines Amtes enthoben. Er bekam eine kurze Galgenfrist. Wie schnell Ersatz gefunden wurde, steht dort nicht.

Einer nach dem anderen

1673 wechselte Theophil Hilner aus Kaltenborn nach Rietdorf. Er hatte wohl mit Michael Welligrandt getauscht, der früher Prior des Klosters zu Steinamanger in Ungarn war und nach seinem Übertritt zum Protestantismus in Rietdorf gewirkt hat, möglicherweise bis 1673. Auch Wolfgang Schefler aus Glauchau blieb wohl nicht lange, er wechselte schon 1678 nach Niedergörsdorf. 1722 ist für Rietdorfs Tochterkirche in Niendorf verbürgt, dass Herzog Christian zu Sachsen-Weißenfels Johann Friedrich Pape schickte, der 1725 zum „völligen Amte gelangte“. Er war am 21. Mai 1690 in Gebersdorf geboren worden, wo sein Vater Friedrich Pape Pfarrer war, hatte in Dahme, Jüterbog, Görlitzund Luckau die Schule besucht und in Wittenberg studiert. Seine Mutter Eva Maria war die Tochter des Dahmer Pfarrers Balthasar Haneman.

Seit wann Niendorfs Gottesdienst mit Orgelklang ergänzt wurde, ist unbekannt. Die jetzige Orgel wurde 1954 instandgesetzt. Bis sie erneut saniert wird, muss erst alles andere fertig sein.

Von Gertraud Behrendt

Märkische Allgemeine Zeitung, 18.08.2020
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