19.11.2019  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Spendenaktion für Dorfkirche Groß Jehser

Patrizierfamilien wie die von Minkwitz oder die von Schwantes haben die barocke Feldsteinkirche im Landkreis Oberspreewald-Lausitz zu dem gemacht, was sie ist. Jetzt sind die Epitaphen ein Opfer des Holzfraßes.

Der Engel auf dem Epitaph, der Grabinschrift der Familie von Minkwitz, lächelt zuversichtlich. Man muss aber nicht besonders genau hinschauen, um zu erkennen, dass das bleiche gelockte Köpfchen von Holzwürmern zerfressen ist. Wie Pickel überziehen die Löcher das Gesicht. Insgesamt 239 solcher Kunstwerke, darunter auch eine mit Pinienzapfen und Weinlaubsäulchen verzierte Kanzel, verzeichnet eine neue Datenbank der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz für die Dorfkirche Groß Jehser (Oberspreewald-Lausitz).

Zeugnisse der Bestattungskultur

Der frühere Leiter des Bauamts der Evangelischen Kirche, Matthias Hoffmann-Tauschwitz, ist sicher, dass 90 Prozent der in der Kirche hängenden, aufgestellten und in den Patronatslogen gelagerten Kunstwerke dringenden Sanierungsbedarf haben. Die im 15. Jahrhundert erbaute und um 1700 erneuerte Feldsteinkirche mit barocker Erscheinung und zahlreichen Zeugnissen der Gedächtnis- und Bestattungskultur ist Ziel der diesjährigen Spendenkampagne „Vergessene Kunstwerke“ des Kulturministeriums, des Landesdenkmalamts und des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg.

„Eines unsere schönen wichtigen Projekte“, nennt Kulturministerin Martina Münch (SPD) die alljährliche Spendenaktion. 2009 noch unter dem Titel „Menschen helfen Engeln“ begonnen, findet die Kampagne bereits zum elften Mal statt. „Wir wollen mit der Spendenaktiondeutlich machen, dass wir ganz maßgeblich auf zusätzliches Engagement angewiesen sind“, sagt Münch. „Die zahlreichen Kirchen, Kapellen, Klöster und Pfarrhäuser sind Teil unserer Kulturgeschichte und stiften für viele Menschen – auch unabhängig vom eigenen religiösen Bekenntnis – Identität.“

Fünf Millionen Euro für märkische Kirchen

Dabei hält sich das Land gar nicht so zurück.Allein in diesem Jahr wurden fünf Millionen Euro für die Sanierung märkischer Kirchen ausgegeben. Die Denkmalhilfe ist um 1,5 Millionen Euro erhöht worden. Das Geld reicht aber immer noch nicht. Mindestens 80 Prozent der in den 300 Stadtkirchen sowie 1500 Dorfkirchen und Klosteranlagen verborgenen Kunstschätze sind nach Schätzung des Landeskonservators Thomas Drachenberg immer noch sanierungsbedürftig. Immerhin: Anders als in Berlin konnte die Substanz der Gebäude selbst erhalten werden: „Wir mussten keine Kirche abreißen.“

Die Ausstattung des 1908 sanierten und mit einem neuen Orgelprospekt versehenen Saalbaus in Groß Jehser selbst nennt Drachenberg nicht nur vorzüglich in ihrem Kunstwert, sondern auch vorzüglich im Geschmack. Jetzt müssten die unzähligen Gegenstände vor dem Holzwurm und dem weiteren Materialverlust bewahrt werden, abblätternde Farbe solle wieder ergänzt werden. Es werde eine Arbeit für auf verschiedene Gewerke spezialisierte Restauratoren sein.

100000 Euro wären für Groß Jehser nötig

Für die Rettung etwa des aus den 1660er-Jahren stammenden Wappenepitaphs der Familie von Schwante veranschlagt Drachenberg10 000 Euro Kosten, der Epitaph der Familie Minkwitz von Ende des 17. Jahrhunderts werde sogar 20 000 Euro kosten. Wollte man alle Gegenstände der Kirche sanieren, käme man wohl auf 100 000 Euro, schätzt er.

Für Bernd Janowski, Geschäftsführer des Förderkreises „Alte Kirchen Berlin-Brandenburg“, muss es gar nicht so viel sein. Wenn schon so viel Geld wie vergangenes Jahr bei der Aktion für die Dorfkirche in Barenthin (Prignitz) zusammen käme, sei das höchst erfreulich. 2018 hat die Aktion 17 750 Euro gesammelt. „18 000 Euro Grundfinanzierung sind zusammen mit den Fördermitteln schon gesichert“, sagt Janowski.

Auch sozialgeschichtlich von Bedeutung

Für den früheren EKBO-Bauamtsleiter Matthias Hoffmann-Tauschwitzist die Rettung der Güter nicht nur kunstgeschichtlich, sondern auch sozialgeschichtlich von hohem Wert. Die Logen für die Familienoberhäupter spiegelten die soziale Struktur der damaligen Zeit wieder. „Ohne die Patrizierfamilien wären die Kirchen nicht so wie sie sind.“ Familien wie die Minkwitz oder die Schwantes seien feinsinnige Kunstmäzene und Gestalter des Gemeinwesens gewesen, die Kirche von Groß Jehser in ihrer Gestaltung und Ausstattung selbst ein Dokument gemeinschaftsbildender Strukturen.

Laut Bernd Janowski hat die Aktion in zehn Jahren vieles erreicht. 165000 Euro seien eingeworben worden. Allein für die Restaurierung von 25 Taufengeln, einem Markenzeichen brandenburgischer Dorfkirchen, wurden 75 000 Euro bereitgestellt. Ein Beispiel für die Wirkung solcher Spendenaktionen ist der 2010 sanierte Taufengel der Dorfkirche Wismar (Uckermark). Er war so beschädigt gewesen, dass er nicht mehr aufgehängt werden konnte. Jetzt bildet er nicht nur stimmungsvolles Zentrum von Kindstaufen, er leuchtet auch in so intensivem Blau und Ocker, dass die die Freude damaliger Rokokokünstler an bühnenhafter Inszenierungen wieder erlebbar wird.

info: Spendenkonto „Vergessene Kunstwerke“ an Förderkreis Alte Kirchen Berlin Brandenburg e. V., IBAN: DE94 520604100003911390, BIC: GENODEF1EK1, Stichwort „Groß Jehser“

Von Rüdiger Braun

Märkische Allgemeine Zeitung, 19.11.2019
Zur Kirche
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