28.04.2020  –  Lausitzer Rundschau

Stadtkirche St. Marien – Sanierung der Herzberger Orgel beginnt

Unter die Freude über den Beginn der Restaurierung des Instruments in St. Marien mischt sich bei Kantorin Solveig Lichtenstein Frust über die Absage von Konzerten und Projekten. Auch Beethovens Neunte im Juni in Herzberg steht auf der Kippe.

28. April 2020, 09:21 Uhr•Herzberg
Von Birgit Rudow

Mitarbeiter der Orgelwerkstatt Scheffler in Sieversdorf bei Frankfurt/Oder haben am Montag damit begonnen, den Spieltisch der Herzberger Orgel zu sichern.
Klavierkonzert zu vier Händen – mit Solveig und Christopher Lichtenstein.

Darauf haben nicht nur die Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde gewartet, sondern auch viele nichtgläubige Herzbergerinnen und Herzberger. Am Montag dieser Woche hat die Restaurierung der Rühlmannorgel in der Stadtkirche St. Marien begonnen.

Das Instrument, das der Orgelbauer Wilhelm Rühlmann 1896 gebaut hat, klingt schon lange nicht mehr, wie es eigentlich klingen sollte. Sein Alter und die klimatischen Bedingungen haben ihm zugesetzt. Betroffen sind vor allem die Windanlage und die Pneumatik. Die Bälge aus Leder sind porös und undicht. Ebenso das Leder an den Zwischenventilen.

Trockene Sommer haben Schäden verstärkt

„Diese Schäden sind schon länger da, aber die Trockenheit der vergangenen beiden Sommer haben sie noch verstärkt und weitere Probleme verursacht“, sagt die Kantorin der Kirchengemeinde Solveig Lichtenstein. Das Angebot für die Sanierung lag 2018 bei etwa 90 000 Euro. Da dürften also noch einige Euro hinzukommen.

Der Kirchenkreis und die Landeskirche geben Geld für die Restaurierung. Beim Landkreis, bei der Sparkassenstiftung und bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz sind Fördermittel beantragt. „Wir haben auch schon Zusagen für Fördermittel erhalten“, sagt Solveig Lichtenstein. Einen nicht unerheblichen Teil muss die Herzberger Kirchengemeinde aber selbst aufbringen.

Spieltisch muss ausgebaut werden

Die Orgelwerkstatt Scheffler in Sieversdorf bei Frankfurt (Oder) wird die Rekonstruktion vornehmen. Am Montag sind Mitarbeiter dazu in Herzberg eingetroffen. Als erstes soll der Spieltisch ausgebaut und in die Werkstatt der Firma nach Sieversdorf gebracht werden.

„Allein, den Tisch die Treppe hinunterzutragen, wird eine Herausforderung“, meint die Kantorin. Parallel zu den Arbeiten in der Werkstatt beginnen in der Kirche die Maßnahmen am Balg.

Am 3. Oktober soll die restaurierte Orgel mit einem Konzert wieder eingeweiht werden. Ob daraus wegen der Coronakrise etwas wird, lasse sich jetzt noch nicht sagen, so Solveig Lichtenstein. „Wir hoffen, dass das bis dahin möglich ist und wir auch den festlichen Gottesdienst zur Orgeleinweihung am 4. Oktober feiern können“, sagt sie.

Der Kantorin fehlt die Musik

Seit Wochen ist es äußerst still in der Kirche. Keine Konzerte, keine Mittwochsorgelmusik. Nur manchmal waren Orgelklänge zu hören, wenn die Kantorin an dem Instrument geübt hat.

„Zum Üben habe ich in der jetzigen Situation genügend Zeit. Das kommt sonst im Alltag immer zu kurz. Aber jetzt steht mir auch die Orgel nicht mehr zur Verfügung. Da muss ich zu Hause üben“, sagt sie.

Solveig Lichtenstein nutzt die Zeit auch, um Stücke vorzubereiten und die Notenbestände der Gemeinde durchzuschauen und zu ordnen. „Ich hoffe ja, dass wir mit dem Chor bald wieder proben können“, meint sie.

Die Kirchenmusikerin macht keinen Hehl daraus, wie sehr ihr die Musik und die Arbeit in diesen Wochen fehlen. Viele schöne Projekte hatten sie und ihre Mitstreiter in Vorbereitung. Es tut ihr allgemein auch unendlich leid um die vielen Konzerte und Veranstaltungen zum Beethoven-Jubiläum in Deutschland, die jetzt nicht stattfinden können.

Beethoven-Projekte in Herzberg in Gefahr

Auch in Herzberg sind zwei Beethoven-Projekte vorgesehen. So wollten Schülerinnen und Schüler des Melanchthon-Gymnasiums am Reformationstag ihr Stück „Beethoven konkret“ aufführen, das sie gemeinsam mit dem Berliner Musikpädagogen und Komponisten Christoph Reuter erarbeiten wollten. Dafür ist im Juni ein Projekttag an der Schule vorgesehen. Dass daraus etwas wird, ist aus jetziger Sicht ziemlich unwahrscheinlich.

Riesengroß war auch schon die Vorfreude auf den 7. Juni. Die Neue Philharmonie Berlin sollte an dem Sonntag in der Stadtkirche St. Marien in Herzberg Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie mit Solisten und Chor aufführen.

Unwägbarkeiten wegen Coronakrise

„Ob solch ein großes Konzert mit vielen Mitwirkenden und viel Publikum Anfang Juni stattfinden kann, ist aktuell reine Spekulation. Der Dirigent weiß das ebenso wenig wie wir“, sagt Solveig Lichtenstein. Und selbst wenn das Konzert kurzfristig genehmigt würde, seien weder das Orchester noch der Chor ausreichend darauf vorbereitet, befürchtet die Kantorin.

„Wir müssen abwarten, was die Musiker dazu sagen“, meint sie. Außerdem könnte zwar in der geräumigen Kirche unter den Zuhörern eine erforderliche Abstandsregelung eingehalten werden. Bei einem großen Orchester und beim Chor sei das schon schwieriger, so Solveig Lichtenstein.

Einige Konzerte, die die Kirchengemeinde vorgesehen hatte, konnten in den zurückliegenden Wochen nicht stattfinden und es werden wohl noch ein paar hinzukommen. Damit sind auch Möglichkeiten weggebrochen, um weitere Spenden für die Orgelsanierung zu bitten. Noch schlimmer aber treffe der Ausfall der Kollekte bei Gottesdiensten den Haushalt der Kirchengemeinde, meint Solveig Lichtenstein. „Wir wären schon froh, wenn normale Gottesdienste und kleine Konzerte als erste Schritte wieder möglich wären“, sagt sie.

Eine ganz besondere Orgel

Die Orgel in der Herzberger Stadtkirche St. Marien wurde 1896 vom Zörbiger Orgelbaumeister Wilhelm Rühlmann (1842 – 1922) erbaut und vom Herzberger Sanitätsrat Dr. Franz gestiftet. Sie ist eine der größten dreimanualigen noch erhaltenen Rühlmannorgeln, die nicht umgebaut wurden. Wilhelm Rühlmann war einer der ersten deutschen Orgelbauer, die die pneumatische Traktur anwandte. Er war Gründungsmitglied des „Vereins Deutscher Orgelbauer“. (Wikipedia)

Wer für die Sanierung der Herzberger Orgel Geld spenden möchte, kann das gern durch eine Überweisung auf folgendes Konto tun:

Evangelischer Kirchenkreis Bad Liebenwerda, Kirchenkassen Herzberg, IBAN: DE21 1805 1000 3300 1030 95, Verwendungszweck: Orgel Herzberg

Lausitzer Rundschau, 28.04.2020
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