03.07.2019  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Stüdenitz – Warum Dorfkirchen aussehen, wie sie aussehen

Architekturstudenten aus Berlin befassten sich an Beispielen aus dem Pfarrsprengel Breddin-Barenthin mit der Baugeschichte von Dorfkirchen. Die Ergebnisse werden ab Dienstag in einer Ausstellung in Stüdenitz gezeigt.

Die Kirche in Barenthin begeisterte die Berliner Fachleute auch wegen ihrer Lage im Ort. Quelle: André Reichel

In Rehfeld ist es ein schlichter Fachwerkbau. In Stüdenitz bilden Klinker Zinnen und Türmchen. In Schönermarkwirken Mauern aus Feldsteinen fast festungsartig. Jede Dorfkirche ist eben anders. Das weiß man ja.

Der Frage danach, wo diese Unterschiede herkommen, widmeten sich in den vergangenen Monaten Architektur-Studenten der Beuth Hochschule für Technik Berlin. Beispielhaft nahmen sie dazu die neun Kirchenbauten des Pfarrsprengels Breddin-Barenthin unter die Lupe.

Kirchen bei der Langen Nacht kennengelernt

Die Idee dazu hatte Professorin Petra Kahlfeldt. „Ich unterrichte historische Baukonstruktion“, erklärt die Berliner Architektin. „Die Kirchen im Pfarrsprengel hab ich bei der Langen Nacht der Dorfkirchen kennengelernt. Da ist mir aufgefallen, dass da ganz verschiedene Bauepochen vertreten sind – vom 12. bis zum 20. Jahrhundert. Das sind 800 Jahre Baugeschichte.“

Kirche von Schönermark. Quelle: André Reichel

Ein schönes Betätigungsfeld im Seminar für historische Baukonstruktion, dachte sich die Professorin. 16 angehende Architekten im letzten Semester erhielten den Auftrag, anhand der neun Beispiele die Art des Bauens und die Gründe dafür zu untersuchen.

Kirchenbauspezialist mit im Boot

Die Studenten befassten sich mit Unterlagen aus dem Kyritzer Kirchenarchiv. Sie dokumentierten die Bauwerke vor Ort, stellten vergleichende Betrachtungen zu anderen Kirchenbauten der jeweiligen Epoche an. Mit Andreas Kitschke hatten sie schließlich noch den brandenburgischen Kirchenbauspezialisten schlechthin einen Tag lang an der Hochschule zu Gast, damit er ihnen Rede und Antwort stand.

Die Kirche in Rehfeld. Quelle: Alexander Beckmann

Das Ergebnis all dessen sind großformatige Konstruktionszeichnungen und Architekturmodelle der Kirchen von Breddin, Barenthin, Vehlgast, Damelack, Kötzlin, Rehfeld, Berlitt, Stüdenitz und Schönermark. Sie stehen im Mittelpunkt einer Ausstellung, die ab kommenden Dienstag, 9. Juli, in der Kirche Stüdenitz zu sehen sein wird. Zur Eröffnung um 16 Uhr werden die Beteiligten zudem Kurzvorträge zur Architektur aller neun Kirchen halten.

Bauweisen einzelnen Epochen zugeordnet

Für Petra Kahlfeldt ist die Bauweise stets eng mit der regionalen Geschichte verknüpft. „Die ältesten Kirchen sind immer die Feldsteinkirchen“, erklärt sie. Einheimisches Material und sehr viel Arbeitskraft wurden dafür eingesetzt. „Sowas haben die reicheren Gemeinden gebaut. Die ärmeren setzten eher auf Fachwerk.“ 

Das war billiger zu haben, hielt aber bei weitem nicht so lange. Nachfolgebauten bestanden spätestens ab dem 19. Jahrhundert meist aus Ziegeln. 

So lassen sich die einzelnen Bauweisen grob bestimmten Epochen zuordnen. Im Einzelfall kann das aber auch auf den Holzweg führen.

Breddin war das reichste Dorf

Die Professorin hat natürlich Beispiele parat: „Gerade die Rehfelder ist eine komische Kirche. Sie steht merkwürdig und die nachträglich eingebaute Ostwand besteht aus ungewöhnlichem Mauerwerk.“ Alles wirke irgendwie improvisiert. „Obwohl sie so klein ist, ist in die Rehfelder Kirche sehr viel eingeschlossen“, schätzt die Expertin. Sie vermutet einen Vorgängerbau aus Feldstein. Als der durch Krieg oder ein anderes Unglück zerstört war, entstand auf den Grundmauern der schlichte Fachwerkbau.

Die Untersuchungsergebnisse bestehen unter anderem aus solchen Zeichnungen. Hier die Kirche Damelack.Quelle: Hochschule für Technik Berlin

Breddin steht für eine ganz andere Geschichte: Eine alte steinerne Hallenkirche sei dort im Laufe der Jahrhunderte sehr aufwändig erweitert worden, urteilen die Architekten. „Breddin war ja das reichste Dorf weit und breit. Die Bauern hatten Geld und haben es gespendet, um ihr Gotteshaus nach der Mode auszustatten.“

Turm besteht aus Fachwerk

Überhaupt spielte die Mode eine erhebliche Rolle bei der Gestaltung der Kirchenbauten. Sie waren immer auch Ausdruck des Selbstbewusstseins der Gemeindemitglieder. In Kötzlin, so berichtet Petra Kahlfeldt, gab Familie von Königsmark im 18. Jahrhundert einen massiven, nach Art der Zeit verputzten Kirchenbau in Auftrag.

Der Turm allerdings besteht aus Fachwerk, das nur mit Mauerwerk verkleidet wurde. „Sie haben sich nicht zugetraut, den Turm auch massiv zu bauen“, glaubt Petra Kahlfeldt. Das bescherte der Kötzliner Kirche einen Geburtsfehler: Die Holzkonstruktion hinter den Ziegeln verrottete viel zu schnell.

Ausstellungseröffnung am Dienstag

„Wir waren begeistert von der Schönheit jeder einzelnen Kirche“, berichtet die Professorin. Dazu habe jeweils auch das Umfeld gehört: In Barenthin das einstige Schulhaus und die Pollo-Strecke direkt vor der Kirche oder in Schönermark drumherum das Angerdorf samt Teich. „Das sind prototypische Dorfanlagen, die man da heute noch finden kann“, schwärmt Petra Kahlfeldt. „Der Mensch siedelt und gibt sich eine Form.“

Bei der Ausstellungseröffnung am kommenden Dienstag um 16 Uhr in der Stüdenitzer Kirche können Besucher an all dem teilhaben. Unter anderem werden eigens gestaltete Plakate mit den neun Dorfkirchen im Angebot sein.

Die Ausstellung wird Mitte Juli weiter nach Vehlgast ziehen. Dort steht die Kirche tagsüber offen.

Von Alexander Beckmann

Märkische Allgemeine Zeitung, 03.07.2019
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