03.06.2020  –  Lausitzer Rundschau

Was die Claretiner im Mühlberger Kloster hielt

Vertreter von neun Ordensgemeinschaften hatten sich vor 20 Jahren das verfallene Kloster in Mühlberg angesehen. Auch der Orden der Claretiner erschrank. Warum sie doch blieben und wie sich die Anlange verändert hat – ein Rück- und Ausblick.

03. Juni 2020, 16:08 Uhr•Mühlberg
Von Manfred Feller

Seit 20 Jahren ist der Orden der Claretiner im Kloster Marienstern Mühlberg. Zu diesem Jubiläum überreicht Andreas Könitz, Koordinator in der Pfarrei St. Franziskus, einen Blumengruß an die Patres Alois Andelfinger, Helmut Leonhard und Misiya Sebastian (v.l.).
An irgendeiner Steller im und am Kloster in Mühlberg wird fast immer gebaut.
Auf der Rückseite des Gebäudes, in dem Besucher übernachten, erstreckt sich der ehemalige Klostergarten. Er soll revitalisiert werden – irgendwann.
Die letzten Nonnen aus dem Kloster Mühlberg zogen im Jahr 1559 in das Kloster Heiligkreuz bei Meißen. Heute ist das nie fertiggestellte Ensemble eine Ruine mit einem einladendem Klostergarten samt Bewirtung und gilt als ein lohnendes Ausflugsziel.

Noch vor zwei Jahrzehnten ist das zu großen Teilen verfallene Klosterensemble in Mühlberg ein Ort zum Weglaufen gewesen. Heute ist es fast schon ein Pilgerort für Neugierige aus ganz Deutschland, aber vor allem für jene, die Ruhe und innere Einkehr suchen. Die Tagesbesucher nicht mitgezählt, kamen im vorigen Jahr etwa 4000 Gäste nur wegen des Klosters Marienstern in das Elbestädtchen. Es wurden 2600 Übernachtungen gezählt.

Claretiner-Orden hat in Mühlberg Pionierarbeit geleistet

Davon konnte Pater Ansgar Schmidt nur träumen, als er im Jahre 2000 die 800-jährige Klosteranlage betrat. „Er war bis 2013 hier und leistete mächtige Pionierarbeit“, erinnert Pater Alois Andelfinder cmf (Cordis Mariae Filii/Söhne des Herzens Mariens), der ihm im März jenen Jahres folgte. Als Leiter des geistlichen Zentrums hat er dessen Mission fortgesetzt und steckt noch voller Pläne.Während der DDR-Zeit waren die Klostergebäude in kommunaler Hand, zuletzt ab 1981 auch die Kirche, und wurden sehr unterschiedlich genutzt. Aus dem Refektorium waren Ställe gemacht worden. In anderen Gebäuden befanden sich Büros, Kindergarten, Bibliothek und Archiv.

Der Verfall nahm bedrohliche Ausmaße an. Nach der politischen Wende wurden Räume leer gezogen. Der bauliche Zustand wurde noch schlimmer. Das schreckte den katholischen Pfarrer Hans-Rudi Thiersch und den ersten Bischof der Diözese Magdeburg, Leo Nowak, nicht davon ab, Ordensleute zur Wiederbelebung des Klosters zu suchen. „Hier, am Rande der Diözese, sollte ein geistliches Zentrum entstehen“, blickt Pater Alois auf die Zeit vor ihm in Mühlberg zurück. Damals ahnte er nicht im Entferntesten, dass sein Weg genau dorthin führen wird. „Da muss ich ja nicht hin“, sagte er, als er noch im Provinzialrat tätig war.

Startschwierigkeiten: Keiner wollte nach Mühlberg

Vertreter von neun Ordensgemeinschaften hätten sich schließlich nach und nach die verfallene Klosteranlage in Mühlberg angesehen. „Doch wegen des Zustandes haben sie alle die Flucht ergriffen“, kann sich Pater Alois das Schmunzeln nicht ganz verkneifen. Dann kamen Gesandte des noch jungen Ordens der Claretiner (erst 1849 vom heiligen Antonius Maria Claret gegründet) und erschraken ebenfalls. „Aber wir haben die Eigenschaft, dorthin zu gehen, wo Arbeit ist“, stellt Pater Alois fest. Die Ordensbrüder machten sich tatsächlich auf den Weg. „Ohne die Claretiner und ihr klares Nutzungsziel wären das heute noch Ruinen“, ist sich der Pater sicher und schiebt nach: „Ein Kloster ohne geistliche Bewohner ist ein toter Kasten.“

Historie trifft Moderne: Der Kreuzgang im Kloster Marienstern.

Doch nur mit Gebeten und warmen Worten war die gewaltige Aufgabe in der zwar nicht mausearmen, aber auch nicht reichen Kleinstadt Mühlberg mit Einwohnerschwund und wenig wirtschaftlichem Hinterland nicht zu meistern. Mühlberg habe nicht einmal den Eigenanteil aufbringen können, um Fördermittel akquirieren zu können. „So wurde ein Vertrag gemacht, dass jeweils die Kirche von Magdeburg, das Bonifatiuswerk und die Ordensgemeinschaft der Claretiner aus ihrer Kasse 400 000 Euro der Stadt zukommen lassen, damit sie die Fördergelder bekommt“, beschreibt Pater Alois den damals einzig gangbaren Weg. Auf diese Weise flossen 1,2 Millionen Euro, mit denen wichtige Gemäuer vor dem Verfall gerettet werden konnten und Neues aufgebaut wurde. Die katholische Kirche und der Orden hatten damit ihre Miete im Voraus bezahlt.

Mühlberger Klosteranlage baulich geschlossen

Das Geschaffene kann sich sehen lassen. Das Äbtissinnenhaus wurde saniert. Das Refektorium erhielt ein neues Dach. Neu errichtet wurde das Dormitorium, das Gästehaus. Der Kreuzgang ist mit modernen Elementen wieder aufgebaut worden. „So ist es wieder eine geschlossene Klosteranlage. Für diese Sanierung gab es dann im Jahr 2014 den zweiten Preis bei einer Konkurrenz von 362 Projekten“, zeigt sich Pater Alois zufrieden mit der Arbeit aller Beteiligten. Doch es ging weiter. Die Klosterkirche wirke heute aufgeräumter und werde immer mehr zu einem Raum der Andacht, des Gebetes, der Stille sowie der geistigen und geistlichen Erholung.

Beeindruckend, aber noch nicht abschließend saniert: die Klosterkirche zu Mühlberg.

Zwischenzeitlich hatte ein Tornado für Rückschläge gesorgt. Aktuelle Pläne sind der barrierefreie Zugang zum Kreuzgang, ein Aufzug zu Speisesaal und Seminarräumen sowie der Ausbau des Rinderstalls zu Rezeption, Klosterladen, Konferenzraum und Sanitäranlagen.Schließlich soll noch mehr Leben als bisher in das Kloster Marienstern einziehen. Erinnert sei nur an die herausragende Ausstellung „Der Krippenweg“ mit etwa 3500 Besuchern.

Corona habe Veranstaltungen, Seminare, Kurse, Besinnungstage, Klosterurlaub, Gästeübernachtungen (inzwischen 17 Zimmer mit 29 Betten) und anderes mehr verhindert. Dies habe zu Einnahmeverlusten und sogar zu Kurzarbeit für fünf Angestellte geführt. „Jeder Schaden hat seinen Nutzen“, sieht Pater Alois trotz allem das Positive und den Neustart nach dem Fall schon vieler Corona-Beschränkungen. Sein Wunsch: Die Mühlberger mögen gern mehr Anteil am Leben im Kloster nehmen.

In diesem einst als Rinderstall genutzten und stark verfallenen Gebäude sollen eines Tages ein Klosterladen und Sanitärräume für Touristen entstehen.

Mit den Angestellten ist es eine kleine Mannschaft, die den „Betrieb“ aufrecht erhält. Der aktuelle Konvent im Kloster Mühlberg befindet sich im vierten Jahr. Zu diesem gehören neben Pater Alois als Leiter des geistlichen Zentrums zwei weitere Claretinerpatres. Der 83-jährige Pater Helmut Leonhard ist seit sechs Jahren in Mühlberg. „Jesus hat mir persönlich gesagt, dass das der Platz für meinen Ruhestand ist. Ich bin gern hier“, sagt der aus Wien stammende Atomphysiker. Der Wendepunkt in seinem Leben sei ein Glaubenskurs der Claretiner gewesen. Seitdem weiß er: „Das Gebet hat mehr Kraft als die Atombombe.“

Aus Indien nach Mühlberg

Dritter der kleinen Gemeinschaft ist Pater Misiya Sebastian. Der 36-Jährige stammt aus Süd-Indien, lebt seit 2015 in Deutschland und Mühlberg sei seine erste Station. Alois Andelfinger ist mit 63 Jahren der jüngste aus Deutschland stammende Pater des Ordens der Claretiner hierzulande. Es fehle der Nachwuchs, den auch das Kloster Mühlberg eines nicht all zu fernen Tages brauchen wird. Pater Alois sieht seine Mission in dem Elbestädtchen allerdings noch nicht erfüllt: „Was du tust, das tue ganz. In der Halbheit liegt kein Glanz.“

Geschichte des Klosters Mühlberg

Das Kloster Marienstern in Mühlberg ist im Jahr 1228 gegründet worden. Darin lebten und arbeiteten Zisterzienserinnen, zeitweise waren es bis zu 60 Nonnen. Der Klosterbesitz wuchs und erreichte im Mittelalter seinen Höhepunkt. Im Zuge der Reformation wurde das Kloster 1539 aufgelöst. Die letzten Nonnen verließen Mühlberg in Richtung des Klosters Heiligkreuz bei Meißen. Es folgten Jahrhunderte ohne geistliche Bewohner. Die Besitztümer wechselten in weltliche Hände. Im Mai des Jahres 2000 sind Patres der Ordensgemeinschaft der Claretiner eingezogen. Katholische und evangelische Gemeinde erfüllen heute das Kloster als Ökumenisches Geistliches Zentrum mit Leben.

Lausitzer Rundschau, 03.06.2020
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