07.08.2020  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Wenig Prunk, aber viel Leben: Die Nieder Neuendorfer lieben ihre Dorfkirche seit Jahrhunderten

Die Dorfkirche Nieder Neuendorf wurde in einer Zeit erbaut, als Nieder Neuendorf noch wesentlich bedeutsamer war als das Fischerdorf Hennigsdorf. Der Pfarrer kam mit der Fähre aus Heiligensee übers Wasser. Die MAZ schaut in ihrer Serie „Unterm Kirchendach“ hinter die Kulissen.

Sie ist ganz klar eines der kleinsten Gotteshäuser im Evangelischen Kirchenkreis Berlin Nord-Ost. „Ein Prunkbau war die Kirche nie“, weiß Barbara Eger. Seit 2008 ist sie Pfarrerin in Nieder Neuendorf, hat sich viel mit der Geschichte des sakralen Gebäudes beschäftigt und auch die umfangreiche Innensanierung begleitet. Erbaut wurde die Kirche vermutlich im 13. Jahrhundert, als Nieder Neuendorf, ein reiches Bauerndorf, noch wesentlich bedeutender war als das FischerdorfHennigsdorf, das erst mit der Ansiedlung des Eisenbahnwerks AEG Anfang des 20. Jahrhunderts zu wachsen begann. Bis 1920, zur Gründung von Groß-Berlin, gehörte Nieder Neuendorf noch zur Kirchengemeinde Heiligensee. Der Pfarrer aus Heiligensee kam mit der Fähre oder mit einem Kahn übers Wasser nach Nieder Neuendorf. Mit dem Pferdewagen muss es dann hin und wieder noch weiter bis nach Hennigsdorf gegangen sein. Das Pfarrhaus neben der Kirche war früher eine Schule. Später wurde im Erdgeschoss der Gemeindesaal eingerichtet, das Obergeschoss wurde zur Wohnstätte für den Pfarrer und seine Familie – bis heute.

Ein Blick aufs Modell und ins Innere der Dorfkirche Nieder Neuendorf. Quelle: Wiebke Wollek

Zunächst war die Kirche eine kleine Kapelle mit Wehrturm. Daran erinnern noch heute die Mauern, deren beeindruckende Stärke von 1,20 Meter besonders gut am Eingang zu sehen ist. Mehrmals wurde das Bauwerk erweitert. Nach der Wende befand sich die Kirche in einem schlechten Zustand. Die Heiligenseer Gemeinde hatte Farbe für den Innenanstrich gespendet. Doch diese hatte einen Latexanteil, der sich, wie sich später herausstellte, bei hohen Temperaturen verflüssigte. Zwar ist die Kirche in der Regel innen eher kühl. Doch bei Weihnachtsgottesdiensten, wo alle dicht an dicht in Mänteln sitzen und außerdem die Heizung läuft, steigt auch die Innentemperatur. „Es war manchmal soweit, dass die Farbe an der Seite herunterlief“, erinnert sich Barbara Eger.

Mehrere Glocken stammen noch aus dem Jahr 1919. Quelle: Wiebke Wollek

2007 begann die letzte große Außensanierung. Der Turm bekam neues Gebälk, das Dach wurde neu gedeckt. Danach sollte die Innensanierungin Angriff genommen werden. Nach langen Planungen war es 2016 soweit. Die Pfarrerin musste viele Entscheidungen treffen, nahm bei klirrender Kälte und hoher Luftfeuchte in der Kirche an so gut wie jeder Baubesprechung teil. Besonders in Erinnerung blieb ihr der Moment, als bei der Restauration Teile eines alten Schornsteins im Gemäuer entdeckt wurden. Dass es in den 1960er-Jahren an dieser Stelle einen Ofen gegeben hatte, beweis der Fund einer alten Rechnung. Bevor das Loch in der Wand wieder zugemauert wurde, steckte sie eine aktuelle Tageszeitung, eine CD und eine teure Flasche Wein hinein. Wer weiß, wann diese Zeitdokumente das nächste Mal zum Vorschein kommen.

Der Turm ist vor einigen Jahren saniert worden. Quelle: Wiebke Wollek

Mit dem Ergebnis der Innensanierung ist die Pfarrerin heute ziemlich zufrieden. „Jetzt passt das Gesamtbild“, sagt sie. Die Kirche wurde nach dem Vorbild von 1919 restauriert. Dafür wurden alte Farbschichten entfernt, Verzierungen rekonstruiert. Die Wandfarbe glich vorher eher einem Rosa, die Bänke waren weiß. Nun dominieren natürlich Farben, die Wände wirken heute beige. Ein wahrer Blickfang ist das blaue Fenster hinter dem Alter. Ein echtes Fenster soll es dort nie gegeben haben. Der Blick ins Blaue lässt verschiedene Deutungen zu. BarbaraEgers Vorgänger Siegfried Haff sprach einmal vom Blick in den Himmel. Die Innensanierung war ein großer Kraftakt für die Gemeinde, auch finanziell: 150 000 Euro mussten aufgewendet werden. Weil sich ein einziges Staubkörnchen in der Orgel festgesetzt hatte, musste diese sogar zweimal neu gestimmt werden. Das Körnchen verursachte bei einem Ton ein kleines Pfeifen oder Heulen.

An der Orgel werden die christlichen Lieder begleitet. Quelle: Wiebke Wollek

Der Pfarrerin ist es wichtig, dass die Kirche nicht nur schön aussieht, sondern vor allem auch mit Leben gefüllt wird. Taufen, Trauungen und auch Trauerfeiern gehören dazu. Die Konfirmation wurde wegen der Corona-Pandemie auf nächstes Jahr verschoben, dann wird sogar der jüngere Jahrgang vor den älteren Konfirmanden dran sein. „Erst hatten wir überlegt, alles in den Herbst zu verlegen. Doch da wusste ja auch niemand, ob die Feiern dann möglich sein werden“, sagt Barbara Eger. Trauungen hat es dieses Jahr allerdings schon gegeben, auch in der Corona-Zeit, im kleinen Familienkreis und mit Abstand. Auch die nächsten Taufen sind bereits geplant. Bei Gottesdiensten musste häufig immer wieder umgeplant werden.

Die Dorfkirche Nieder Neuendorf vom Garten aus fotografiert. Quelle: Wiebke Wollek

Was viele nicht wissen: Nieder Neuendorf liegt am Pilgerweg nach Bad Wilsnack. Pilgerer haben deshalb auch die Möglichkeit, im Gebäude hinter dem Pfarrhaus zu übernachten. Außerdem treffen sich dort regelmäßig Gruppen und Gesprächskreise. Zuletzt wurde die Krabbelgruppe wieder neu belebt, weil eine der Mütter die Initiative übernommen hat. Bis zu 15 Kinder sind bei den Treffen dabei, die im Sommer mit Abstand zwischen den Eltern draußen stattfinden.

Von Wiebke Wollek

Märkische Allgemeine Zeitung, 07.08.2020
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