27.11.2020  –  Märkische Oderzeitung

Wer möchte seinen Namen auf einer Pfeife der Orgel in Gottberg eingravieren lassen?

Das Instrument des Orgelbauers Albert Hollenbach aus Neuruppin ist in die Jahre gekommen. Das wird teuer für die Kirche Gottberg.

27. November 2020, 07:00 Uhr•Gottberg
Von Ulrike Gawande

Die 1902 vom Neuruppiner Orgelbaumeister Albert Hollenbach erbaute Orgel in der Dorfkirche muss überholt werden.

Grau liegt die Felsstein-Dorfkirche in Gottberg am Novembermorgen da, als durch den Nebel ein dunkler Orgelton erklingt. Er erinnert fast ein wenig an das Nebelhorn eines Schiffes.

Orgel von Albert Hollenbach in Gottberg wird restauriert

Doch der tiefe Ton kommt nicht von der Orgel in der Kirche. Stattdessen steht vor der Kirchentür der junge Orgelbauer-Lehrling Conrad Blechschmidt aus Leipzig und reinigt mit Druckluft die ausgebauten Holzpfeifen der Orgel. Im Januar hat der Ausbau der rund 800 Pfeifen und damit die Restaurierung des 1902 von Orgelbauer Albert Hollenbach errichteten Instrumentes begonnen, das sich bis dato noch nahezu im Originalzustand befand. Lediglich ein elektrischer Blasebalg war zu DDR-Zeiten eingebaut worden. Der ist inzwischen von einer Spezialfirma erneuert worden. Auch der Spieltisch mit der zweimanualigen Klaviatur ist bereits durch die Fachleute der Sieversdorfer Orgelbaufirma Scheffler überholt worden.

Die 1902 vom Neuruppiner Orgelbaumeister Albert Hollenbach erbaute Orgel in der Dorfkirche muss überholt werden.

85.000 Euro investiert die Gesamtkirchengemeinde Temnitz

„Die Klaviatur war stark zerschlissen und hatte Feuchtigkeit gezogen“, berichtet Orgelbauer Tobias Schramm aus Thomsdorf. Deshalb hat er sämtliche Tastenbelege ersetzt und die Belederung der Führungen überholt, damit die Tasten beim Spielen nicht mehr klappern. „Die Mechanik der Orgel ist bis auf die starke Verschmutzung in Ordnung“, so Schramm. Joachim Pritzkow, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates der Gesamtgemeinde Temnitz, kann sich nicht erinnern, dass das Instrument in den letzten Jahrzehnten überhaupt einmal gereinigt wurde. Das wird jetzt umso gründlicher nachgeholt. Rund 85.000 Euro kostet die Generalüberholung des Instruments des Neuruppiner Orgelbauers Hollenbach, der in diesem Jahr seinen 170. Geburtstag gefeiert hätte. Geboren wurde er nicht weit entfernt von Gottberg, in Blankenberg bei Wusterhausen.Bekannter Orgelbauer lebte als Kind in Wildberg

WILDBERGVorsichtig zieht währenddessen in der Novemberkälte Conrad Blechschmidt den sogenannten Spund oder auch Deckel aus der Holzpfeife. Er kontrolliert, ob das Ziegenleder, das den Spund umgibt, gerissen oder sonst irgendwie beschädigt ist. Durch das Ziegenleder kann der Deckel die Holzpfeife luftdicht verschließen, wodurch ein tieferer Ton erzeugt wird, was sonst nur durch doppelt so lange Pfeifen zu erreichen wäre, erklärt der Neuruppin Kantor Matthias Noack. Auch bei den sogenannten Kröpfpfeifen, das sind abgeknickte Pfeifen, wurden die Knickstellen mit Leder umwickelt, damit keine Luft entweichen kann. Auch dieses ist im Laufe der Jahre mürbe und rissig geworden und muss deshalb durch frisch aufgeleimtes Ziegenleder erneuert werden. Das sind die Arbeiten auf die sich der junge Orgelbauer-Lehrling derzeit besonders freut, denn er kann sie nach Einbruch der Dunkelheit in der warmen Winterkirche erledigen.

Zum Erntefest 2021 sollen die Arbeiten in Gottberg abgeschlossen sein

Aber auch Elektriker und Maler aus der Region werden in den kommenden Wochen auf der Orgelempore im Einsatz sein, berichtet Joachim Pritzkow. Elektrik und Beleuchtung müssen erneuert werden. Außerdem sollen die Wände gestrichen und Ritzen abgedichtet werden, durch die immer wieder Dreck in die Orgel fällt. Bis zum Erntedankfest 2021 sollen alle Arbeiten abgeschlossen sein, und die Königin der Instrumente wieder in ihrer romantisch geprägten Stimmenvielfalt erklingen.

Nur bis Ostern 2021 haben die Menschen Zeit, die eine Orgelpatenschaft für eine der sichtbaren 33 Prospektpfeifen übernehmen wollen. Denn nur bis zu diesem Zeitpunkt ist das Anbringen einer Gravur mit dem Namen des Spenders auf den neuen Zinnpfeifen möglich. Die bisherigen bestanden aus minderwertigem Zink. Eingesetzt hatte man sie im Ersten Weltkrieg, weil man Hollenbachs hochwertigen Originalstücke aus Zinn für die Rüstungsindustrie benötigte.

Patenschaften kosten je nach Pfeifengröße zwischen 150 und 1000 Euro

Zwischen 150 und 1000 Euro kostet je nach Größe der Pfeifen eine solche Orgelpatenschaft, für die es auch einen Patenbrief und eine Spendenbescheinigung gibt. Joachim Pritzkow ist überzeugt, dass sich unter den Gottbergern viele großzügige Spender finden werden. „Eine Patenschaft ist auch ein schönes Geschenk zu Weihnachten, zur Geburt, zur Taufe oder zur Hochzeit“, lädt Kantor Matthias Noack ein. „Orgelpaten bleiben unvergessen, denn die Orgel ist ein langlebiges Instrument.“ Mehrere hundert Jahre kann eine Orgel überdauern, so dass sich auch noch Kinder und Kindeskinder an der Spende erfreuen können, so der Kantor.

Viele große Hollenbach-Orgeln stehen in Skandinavien

Außerdem sei das Instrument auch ein besonderes, erklärt er. „Größere Orgeln lieferte Hollenbach vor allem in den skandinavischen Raum.“ In den Dörfern der Region stünden jedoch eher kleine Hollenbach-Orgeln. Das zweimanualige Instrument in Gottberg bildet da eine Ausnahme. „Derartige Instrumente gibt es nur wenige. Die Gottberger haben sich damals den Mercedes unter den Orgeln geleistet“, verrät Matthias Noack. Er würde sich daher freuen, wenn dieser „feine Edelstein in der Kette der brandenburgischen Orgellandschaft wieder zu seiner ursprünglichen Klangschönheit erweckt würde“. Neben den Patenschaften für die Pfeifen sind deshalb auch alle anderen Spenden willkommen. Alle Unterstützer der Orgel sollen auf einer Tafel in der Nähe des Instruments verewigt werden.

Ein abwechslungsreiche Arbeit als Orgelbauer

Bis dahin nimmt sich der angehende Orgelbauer Conrad Blechschmidt, der eigentlich Tischler werden wollte, die nächste Holzpfeife vor und kontrolliert sie auf Risse oder einen möglichen Holzwurmbefall. „Die Restaurierung alter Instrumente ist faszinierend und die Arbeit mit den verschiedenen Materialien ist abwechslungsreich.“

Märkische Oderzeitung, 27.11.2020
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