26.12.2020  –  Lausitzer Rundschau

Wie Bad Liebenwerdas Kirche zur Kulturkirche wurde

Eine Kirche wird nicht von heute auf Morgen auch Kulturkirche. Im Gegenteil: Das ist eine Entwicklung über Jahre. Die evangelische Kirchengemeinde Bad Liebenwerda ist den Weg mit Beharrlichkeit gegangen.

26. Dezember 2020, 16:06 Uhr•Bad Liebenwerda
Von Frank Claus

Dankgottesdienst nach Umbau in der St. Nikolai Kirche Bad Liebenwerda; Foto: vrs

Es war an einem Oktobertag des zurückliegenden Jahres. Kurz vor Mittag. Die Sonne schien durch die Kirchenfenster der evangelischen St. Nikolaikirche in Bad Liebenwerda. Drin stehen drei Männer und eine Frau, halten Pläne in den Händen und diskutieren. Um sie herum sind die Bankreihen im Kirchenschiff mit einer dicken Staubschicht überzogen. Die Kanzel ist abgebaut und steht in zwei Teile auseinandergenommen und sicher geschützt in schwarzer Folie im Chorbereich. Der Altar, nicht unter Denkmalschutz stehend, ist abgebrochen. Das etwa fünf Meter große, schlichte Holzkreuz, das sonst mächtig als Kontrast zu den farbenprächtigen Bleiglasfenstern in der Mitte thronte, liegt flach auf den Bankreihen. Das Taufbecken hat seinen angestammten Platz verlassen.Auch wenn er es nicht betont wissen will: Dr. Markus Voigt ist der Kopf der neuen, erweiterten Kirchennutzung.Auch wenn er es nicht betont wissen will: Dr. Markus Voigt ist der Kopf der neuen, erweiterten Kirchennutzung. © Foto: vrs

Am Nebeneingang verrät die aus Beton gegossene Schräge bereits, wie Besucher künftig die Kirche barrierefrei erreichen können. Dort, wo einst links und rechts vom Mittelgang auch die vorderen Bankreihen auf etwa 15 Zentimeter hohen Holzpodesten montiert waren, klaffen zwei große, schon mit Beton ausgegossene Löcher im Fußboden. Die vorderen Bankreihen sollen herabgesetzt werden, um Besuchern aus hinteren Plätzen künftig bessere Sicht zu gewährleisten.

Die Wurzeln werden immer bleiben

Bad Liebenwerdas St. Nikolaikirche war Baustelle. Großbaustelle. Dr. Markus Voigt, damals noch Vorsitzender des Gemeindekirchenrates, seine Frau, Kantorin Dorothea Voigt, Pfarrer Torben Linke und René Stolpe von der Sparkasse Elbe-Elster sind die vier Personen, die da fachsimpeln. Und plötzlich leuchten die Augen bei Pfarrer Torben Linke. „Dorthin“, sagt er und zeigt auf den Altarbereich, „ wird das Taufbecken gerückt. „Genau dorthin, wo die Sonne den Raum erfüllt.“ Er lächelt. Wer ihn kennt, weiß, wie er das meint. Taufen sind im Kirchenleben immer was „Sonniges“. Umrahmt wird das Taufbecken nicht von starren Bankreihen, sondern beweglichen, individuell verrückbaren Stühlen – der jeweiligen Taufgemeinde angepasst oder für Arbeit in kleineren Gruppen geeignet.

Neue Inhalte und neue Stimmungen

Doch die Veränderungen in der Kirche sind auch baulicher Art, die inhaltliche Erweiterungen zulassen. Das Lichtkonzept wird völlig überarbeitet. Neue Leuchten werden durch die Veränderbarkeit von Helligkeitsstufen neue Stimmungen erzeugen. Der Altarbereich wird umgebaut. Das Podest für die MusikerInnen und SängerInnen muss so stehen, das es nicht störend im Kirchenraum steht, wenn es nicht gebraucht wird. Es muss eingebettet sein in die Architektur der Kirche. Auch eine Leinwand und ein Beamer sind vorgesehen. Das Audiokonzept muss so gestaltet sein, dass es sowohl für kleinere Musikgruppen als auch für große Konzerte nutzbar ist.Und das sind der mit Dämmglas zu schaffende Aufenthaltsraum für Kinder und die kleine Teeküche im entgegengesetzten Bereich am Haupteingang der Kirche. Dorothea Voigt kann es kaum erwarten. „Es wird wunderbar, dass Eltern Kirchenveranstaltungen und Konzerte besuchen können und dabei die Kinder ganz in ihrer Nähe wissen.“ Für die Akteure auf der Bühne der beheizten Kirche ist es ein Traum, künftig neben Toiletten auch noch eine Möglichkeit zu haben, sich mal einen Kaffee oder einen Tee zu kochen. Denn Konzerte werden oft in stundenlangen Proben vorbereitet.Längst ist Bad Liebenwerdas Kirche Kulturkirche. Mehrfach im Jahr ist sie inzwischen bis fast auf den letzten Platz ausgebucht. Mitreißende Gospelabende, die Konzerte der Big Band Bad Liebenwerda, die Auftritte namhafter Knabenchöre, „Classic trifft Musical“ mit Musicalstar Angelika Milster), Gastspiele des Sinfonieorchesters aus der Partnerstadt Lübbecke in Nordrhein-Westfalen und Konzerte im Rahmen des Internationalen Gebrüder-Graun-Wettbewerbes stehen als Beleg dafür. Da kommt René Stolpe wieder ins Spiel. Als er sich an jenem Oktobertag vom Stand der Bauarbeiten informiert, geht es um das nur wenige Wochen später stattfindende Konzert der Augsburger Domsingknaben. Das wiederum fast ausverkauft war.

Ein Jahr später: Geschafft!

Es ist etwas mehr als ein Jahr später. Anfang Dezember. Dankgottesdienst. Markus Voigt erinnert an die Planungs- und Bauphase seit 2018. Und ist sichtlich stolz, dass das Konzept umgesetzt ist, dass eine inhaltliche Erweiterung der Kirchennutzung zulässt. 504 000 Euro sind investiert worden. 299 000 Euro davon sind Fördermittel der Europäischen Union. Landeskirche und Kirchenkreis haben 105 000 Euro beigesteuert. Stolze 70 000 Euro wurden gespendet und etwa 30 000 Euro Eigenmittel sind verwendet worden.Tischlermeister und Orgelbauer Erwin Rohleder bei den letzten Arbeiten an seinem Altar.Tischlermeister und Orgelbauer Erwin Rohleder bei den letzten Arbeiten an seinem Altar. © Foto: vrs

Doch noch fehlt etwas. Der neue Altartisch. Wenige Tage vor dem dritten Advent wird er aufgebaut. Und wie so vieles in der Kirchengemeinde von einem Mitglied selbiger. Erwin Rohleder, Tischlermeister und Orgelbauer, hat ihn entworfen zusammen mit Mitarbeitern des Mitteldeutschen Orgelbau aufgebaut. „Der wird ewig halten“, ist sich Erwin Rohleder sicher. Das verwendete Eichenholz ist unter den Bedingungen in einem trockenen und luftumfluteten Kirchenschiff extrem lange haltbar. Unter dem Altar sind vier ineinander verwobene Kreuze aus oberflächenprofiliertem Robinienholz eingebaut, die das Fundament des Glaubens aus der symbolischen Dornenkrone Christi darstellen sollen. Die roten Rechtecke sollen die optische Verbindung zu den farbigen Glasfenstern herstellen. Er steht davor, betrachtet ihn in aller Ruhe. Mann der großen Worte ist er nicht. Sich auf diese Art eingebracht zu haben, das macht ihn stolz. Wenn man sagen wird: „Der Erwin, der hat den Altar gebaut.“

Lausitzer Rundschau, 26.12.2020
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