Kunst großer Meister in Wagenitz

Über die druckgraphische Vorlage des Kruzifixes auf dem Gemälde der Familie von Bredow

Nach der Zerstörung von Ort und Kirche im Dreißigjährigen Krieg wurde 1664 durch Hans Christoph von Bredow in Wagenitz (Havelland) eine neue Kirche erbaut. Um 1743 wurde diese Kirche entscheidend erweitert und mit einem Kanzelaltar versehen. Gemälde am Altar wurden zu dieser Zeit nicht mehr angebracht, sodass dieser schmucklos blieb. Ein heute an der Ostwand aufgehängtes Kruzifix dürfte noch aus der Vorgängerkirche stammen. Das könnte die 1527 errichtete Fachwerkkirche gewesen sein. Eine Glocke im 1753 errichteten Turm der Kirche ist noch spätmittelalterlich. Die aus der Zeit zwischen 1691 und 1849 stammenden 26 Holzsärge konnten aufwendig restauriert werden und stehen in der Gruft unter dem Ostteil der Dorfkirche. 1885 erhielt die Kirche eine Orgel von Friedrich Hermann Lütkemüller aus Wittstock, die jedoch nicht mehr spielbar ist. Nach der Kirchenrestaurierung in den letzten Jahren wurde an der Kanzel wieder ein Bild mit dem Brot und Wein segnenden Christus angebracht, das eine vergrößerte Kopie des 1850 vom britischen Kupferstecher Daniel John Pound (1820-1894) geschaffenen Blattes in Schabkunsttechnik ist. Das Gemälde für den Stich schuf der italienische Maler Carlo Dolci (1616–86) aus Florenz um 1670 (Inschrift: „C.Dolce pinx. – D.J.Pound sc.“). Das Original hängt in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden (Gal.-Nr. 510).

Gemälde der Familie von Bredow in Öl auf Leinwand in der Dorfkirche Wagenitz, 280 x 395 cm

Über der Bredow`schen Gruft an der Ostwand der Kirche – rechts neben dem Kanzelaltar – hängt ein großformatiges gerahmtes Familiengemälde. Möglicherweise ist dieses erst nach der Vergrößerung der Kirche in der Mitte des 18. Jahrhunderts in diese gekommen und ist seitdem der Blickfang im Kirchenraum. Die Malerei ist heute stark verschmutzt, enthält Flecken und Verfärbungen, kleinere Teile lockern sich. Dieser besorgniserregende Zustand hat dazu geführt, dass in diesem Jahr 2025/26 für das 280 mal 395 cm große Gemälde die Spendenaktion „Vergessene Kunstwerke brauchen Hilfe“ läuft. Diese gemeinsame Aktion von Brandenburgischem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischem Landesmuseum, der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und dem Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V. wird mit Hilfe großzügiger Spenden dazu beitragen, dass das Ölgemälde baldmöglichst restauriert wird und damit noch lange erhalten bleibt.

Das auf dem oberen Rahmenteil mit 1667 datierte Familiengemälde in Öl auf Leinwand ist ein Werk eines unbekannten Malers. Es gehört damit in die Zeit unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Krieg, in der in Deutschland nur sehr wenige sakrale Gemälde und Gegenstände der Kirchenausstattung entstanden sind. Während der Maler die zwölf auf schachbrettartigem Fußboden und unter roten Deckenbehängen stehenden Familienmitglieder in voller Körpergröße, das Familienwappen, die umfangreiche Beschriftung und die Rahmengestaltung mit dem Text der Verse 25 und 26 des 73. Psalms selbst entworfen und gemalt hat, verwendete er für die Darstellung des bildzentralen Kruzifixes eine druckgraphische Vorlage. Diese musste ermittelt werden, da wie bei allen anderen sakralen Kopiegemälden im 17. Jahrhundert die genutzte Vorlagengraphik vom Maler traditionsgemäß nicht angegeben ist.

Im Fall des Bildes vom gekreuzigten Christus auf dem Familiengemälde in Wagenitz handelt es sich um einen Ausschnitt aus dem Kupferstich der Kreuzigung Christi vom flämischen Kupferstecher Raphael Sadeler (1560/61–1628/32), den dieser im Jahr 1690 nach einer Idee von Jodocus van Winghe (1542/44–1603) gestochen hat. Raphael Sadeler hat diesen Kupferstich selbst verlegt (Inschrift: „Iodocus a winghe inuent 1590 – Raphael Sadeler fe et excu“). Dieser Stich ist 411 x 280 mm groß und existiert heute nur noch in wenigen Exemplaren, unter anderem im Rijksmuseum Amsterdam (RP-P-OB-7529), in der Biblioteca Nacional de Espana (bdh0000023596), im Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig (RSadeler d. Ä. WB 2.24) und in Kunstsammlungen der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg (Mp. SAD 3). In Wolfegg wird auch eine gleichseitige Kopie dieses Blattes vom unbekannten Kupferstechers Aegidio Neouellano aufbewahrt, die Peter Overradt (1596–1632) in Köln verlegt hat. Diese Kopie dürfte keine Verbreitung erreicht und so auch nicht die Vorlage für das Wagenitzer Bild gestellt haben.

Auf dem Kupferstich hängt Christus am Kreuz. Darunter stehen Maria und Johannes mit Nimbus, die zu Christus aufblicken. Am Kreuzesstamm sitzt Maria Magdalena mit einer Salbbüchse. Eine andere Frau betet knieend zu Christus aufgerichtet. Ein Soldat mit einem Schwert reicht Christus mit einem Ysopstab den Schwamm mit Essig, da er seinen Durst geäußert hatte. Im Hintergrund sind noch weitere Personen auf dem Hügel Golgatha sowie vor einem Berg die Stadt Jerusalem zu sehen. Der im Vordergrund liegende Schädel ist Symbol der Hinrichtungsstelle vor den Toren der Stadt. Ein Baumstumpf und wenige Pflanzen weisen auf die Ödnis der Landschaft und damit die Todesstunde Christi am Kreuz.

Vom Maler wurde nur der am Kreuz hängende Christus als Ausdruck der Frömmigkeit der Familie von Bredow für das Großgemälde kopiert. Die verkrampfte Haltung der Hände, das geneigte Haupt mit der Dornenkrone, die mit einem Nagel am Stamm befestigten Füße und vor allem aber das geknotete und schwach im Wind wehende Lendentuch von Christus sind die charakteristischen Merkmale, die diese Bildherkunft erkennen lassen. Der Maler hat somit einen Kupferstich verwendet, der bereits 77 Jahre alt war. Das ist durchaus nicht unüblich und wenn die lange Zeit des Krieges und die schwierigen Jahre danach Beachtung finden, verkürzt sich diese Zeitspanne enorm. Damals moderne Druckgraphiken der Kreuzigung gab es fast nur aus dem Umfeld von Peter Paul Rubens oder aus der 1630 verlegten Bibel von Matthäus Merian d. Ä. (1593–1650). Diese Stiche waren 1667 noch nicht weit verbreitet, sodass also auf eine Vorlage aus dem 16. Jahrhundert zurückgegriffen werden musste. Diese hatte den Dreißigjährigen Krieg überstanden und ist davor und auch danach als Vorlage für Kirchengemälde genutzt worden. Komplette Bilder nach diesem Stich von Raphael Sadeler existieren am Altaraufsatz in Bischdorf bei Löbau (um 1680), am Altaraufsatz in St. Laurentius Pegau (Jacob Wendelmuth 1621), in der Friedhofskapelle Lieberose (Kriegsverlust) und an der Emporenstirnseite in Berge bei Gardelegen (17. Jahrhundert, sehr stark ausgeblichen). Wie das Kruzifix in Wagenitz, wurde am Altaraufsatz Labrun bei Wittenberg nur die Maria und für ein Einzelbild in der Peterskirche Görlitz nur Christus mit dem Schwamm am Ysopstab von dem Stich übernommen. Diese sechs Kopien zeigen die weite Verbreitung der Kreuzigungsstiches vom in Frankfurt am Main tätigen niederländischen Inventor Jodocus van Winghe.

Die schlichte Dorfkirche zu Wagenitz kündet durch das Großgemälde von dem ehrwürdigen Adelsgeschlecht derer von Bredow und präsentiert gleichzeitig große europäische Kunst nach niederländischen, italienischen und englischen Meistern.

Rudolf Bönisch

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