Die Dorfkirche von Zeestow (Havelland)

Dorfkirche Zeestow - Ansicht von Südost 
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In der Nacht vom 19. zum 20. Juli 1847 brach in dem damals knapp 300 Einwohner zählenden havelländischen Ort Zeestow ein Feuer aus, das fast das gesamte Dorf vernichtete. Das im Besitz der Familie von Bredow befindliche Rittergut wurde bis auf eine Scheune Opfer der Flammen. Auf dem seit 1679 dem Domstift zu Cölln an der Spree gehörenden zweiten Gut des Dorfes brannten sämtliche Gebäude bis auf die Grundmauern nieder. Zwei Tage dauerte es, bis der Brand gelöscht werden konnte. Fast alle rohrgedeckten Tagelöhnerhäuser, die Schule und das Jägerhaus waren zerstört, ebenso wie die erst 1821 instandgesetzte Kirche und das Pfarrhaus.

Dem damals in Zeestow amtierenden Pfarrer Julius Drake gelang es 1850, eine landesweite Kollekte für den Wiederaufbau der Kirche zu erwirken, die die stolze Summe von 1.686 Talern, 28 Groschen und sieben Pfennigen erbrachte. "Selbst aus Trier, dem Rheinland und dem ostpreußischen Königsberg waren Gelder eingegangen." Bereits ein Jahr später konnte mit dem Neubau begonnen werden. Es entstand ein schlichter verputzter Backsteinbau mit dreiteiliger Apsis und einem schlanken Turm mit achteckigem Aufsatz.

  Dorfkirche Zeestow - Altarraum
Fotos: Sibylle StichGroßbildansicht
Dorfkirche Zeestow - Empore
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Von der bauzeitlichen Ausstattung ist heute leider wenig erhalten, nachdem der Innenraum 1964/65 völlig umgestaltet wurde. Ein anlässlich der Kirchweihe gestiftetes Altarbild, das die wunderbare Rettung des Petrus zeigte, wurde ebenso ein Opfer dieses Umbaus wie die von Carl Ludwig Gesell 1850 geschaffene einmanualige Orgel. Der in der Apsis stehende, lediglich mit einem Holzkreuz geschmückte, Altar, die Kanzel und die Taufe sind aus roten Klinkersteinen aufgemauert. Die Firma Hans-Joachim Schuke, Potsdam schuf für die Zeestower Kirche 1965 eine neue, ebenfalls einmanualige, Schleifladen-Orgel, die wegen des schlechten Bauzustandes des Gotteshauses jedoch bereits 1984 in die Dorfkirche Falkensee-Falkenhagen umgesetzt wurde.

Seit den siebziger Jahren wurde die Zeestower Kirche nicht mehr für Gottesdienste genutzt. Zusehends verfiel das Gebäude und geriet auch im Dorf in Vergessenheit. Kurzzeitig war eine Umnutzung des Sakralbaus als Möbellager im Gespräch. Erst seit knapp zwei Jahren gibt es wieder Hoffnung für das Kirchengebäude. In Zeestow soll die erste Autobahnkirche am Berliner Ring entstehen. Der Kirchenkreis Falkensee, der die Gemeinde seit vielen Jahren verwaltet und die zuständige Pfarrerin aus Brieselang haben sich für die Sanierung ausgesprochen. Durch die Theologin Dr. Rajah Scheepers (Universität Marburg) wurde ein Nutzungskonzept erarbeitet, die Potsdamer Architektin Sibylle Stich legte ein umfassendes Sanierungskonzept vor. Im Sommer dieses Jahres hat sich zur Unterstützung des Projektes ein Förderverein gegründet, mit dem der FAK eine gegenseitige Mitgliedschaft eingegangen ist.

Bisher gibt es in Deutschland achtunddreißig Autobahnkirchen. Nur 800 Meter von der Abfahrt Brieselang entfernt, wäre Zeestow die erste "Tankstelle für die Seele" am Berliner Ring, der täglich von mehr als 100.000 Kraftfahrzeugen benutzt wird. Der Berliner Ring ist eine der meist befahrenen Autobahnen Europas insofern ist eine Autobahnkirche hier nahezu ein Muss. In Zeiten ständig wachsender Mobilität sind Autobahnkirchen wie Leuchttürme am Wegesrand, die die Menschen dort abholen, wo sie sind nämlich ständig unterwegs.

Bereits im Jahr 2011 könnte durch Mittel des Landes Brandenburg aus dem Staatskirchenvertrag, der Evangelischen Landeskirche und des Kirchenkreises mit der Instandsetzung der Kirche begonnen werden. Auch Unterstützung durch die Stiftung KiBa und die Kommune wurden angekündigt.

Über eine künstlerische Ausgestaltung des Innenraumes befinden sich Dr. Rajah Scheepers und der Vorsitzende der Kollegialen Leitung des Kirchenkreises Falkensee, Pfarrer Dr. Bernhard Schmidt, mit dem Kunstbeauftragten unserer Landeskirche, Pfarrer Christhard Neubert, und dem Leiter des Kirchlichen Bauamtes, Matthias Hoffmann-Tauschwitz, im Gespräch. Durch eine außergewöhnliche Art der Ausmalung beispielsweise könnte ein Anreiz zur Besichtigung und zum Besuch entstehen. Das Ziel dieser künstlerischen Ausgestaltung soll eine "religiöse Alphabetisierung" sein, um die Reisenden etwa mit biblischen Wegesmotiven zu konfrontieren.

Gestresste Reisende könnten in der Zeestower Kirche für kurze Zeit Entspannung, Besinnung und Andacht sowie ein künstlerisches Erlebnis finden. Dass dieses Konzept funktioniert, zeigen die gut besuchten Autobahnkirchen in Duben (Landkreis Spree-Neiße) und Werbellin (Landkreis Barnim). Für die Umsetzung des Projektes "Autobahnkirche Zeestow" hat der Förderkreis Alte Kirchen seine Unterstützung zugesagt.

Weitere Informationen zur Kirche und zum Förderverein:
Pfarrer Dr. Bernhard Schmidt; Glienicker Dorfstr. 12; 14476 Potsdam / OT Groß Glienicke; Tel.: (03 32 01) 3 12 47;
Dr. Rajah Scheepers; Muthesiusstr. 14; 12163 Berlin; Tel.: (0 30) 8 68 70 19 34


Zum Weiterlesen:
Märkische Allgemeine vom 21. März 2011: Die Autobahnkirche kommt
Märkische Allgemeine vom 07. Juni 2011: Vom Autositz auf die Kirchenbank
Märkische Oderzeitung vom 08. September 2011: Neues Leben für alte Kirche
Märkische Allgemeine vom 09. September 2011: Der Turm wird weithin grüßen
Mitteilungsblatt Juni 2012: Blickfang am Berliner Ring
Der Tagesspiegel vom 10. September 2012: Die Seelentankstelle
Märkische Allgemeine vom 08. Juni 2013: Ein Fernsehgottesdienst von der Baustelle
Märkische Oderzeitung vom 14. Juni 2013: Rast für die Seele
Märkische Allgemeine vom 17. Juni 2013: ZDF-Fernsehgottesdienst in der künftigen Autobahnkirche Zeestow
Märkische Oderzeitung vom 03. Januar 2014: Tankstelle für die Seele
Märkische Allgemeine vom 05. April 2014: Am 22. Juni wird die Autobahnkirche in Zeestow eröffnet
Märkische Allgemeine vom 22. Juni 2014: Seelenrast mit Kunstgenuss
Potsdamer Neueste Nachrichten vom 22. Juni 2014: Beten am Berliner Ring
Mitteilungsblatt September 2014: Wo Straßenlärm und Hektik ausgesperrt sind
Märkische Allgemeine vom 26. Juni 2015: Autobahnkirche gut angenommen
Märkische Allgemeine vom 29. März 2016: An der Autobahnkirche wird weiter gebaut
Märkische Allgemeine vom 17. Mai 2016: Autobahnkirche Zeestow wird gut angenommen


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