17.01.2021  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Alles muss raus: Rettungsaktion für Pritzerber Kirchturm läuft

Pritzerbes Wahrzeichen geht es nicht gut. Das Fachwerk im Turm ist an drei Seiten schwer beschädigt. Die Sanierung ist gerade noch rechtzeitig angelaufen.

Am Turm der Kirche St. Marien "Unser lieben Frauen" in Pritzerbe finden Sanierungsarbeiten statt. Nach einem zweiten Bauabschnitt im kommenden Jahr soll 2023 die Hüllensanierung des Kirchenschiffs beginnen.

Aus welcher Himmelsrichtung sich Reisende Pritzerbe auch nähern, die Kirchturmspitze ist schon da. Dass sie immer noch aus luftiger Höhe weit ins Havelland grüßt, ist Männern wie Georg und Reinhard Paulick samt Gehilfen zu verdanken. Es passierte am 29. März 1984. Weil die Bekrönung plötzlich abzustürzen drohte, wurden Wetterfahne, Kugel und Spitze abgeseilt. Die verrostete und durchlöcherte Konstruktion war ein Fall für Schlosser und Denkmalpfleger. Herbert Böhmer besorgte die Vergoldung, wie Willi Blasek in der Pritzerber Chronik schreibt. Ein Jahr nach dem Malheur konnte Pfarrer Henning Hintzsche alle drei Glocken der Stadtkirche St. Marien „Unser lieben Frauen“ läuten. Die Arbeit am Turm war getan.

Der Pritzerber Kirchturm ist eingerüstet.

Der Pritzerber Kirchturm ist eingerüstet. Quelle: Frank Bürstenbinder

Rund 37 Jahre später ist der Pritzerber Kirchturm wieder einmal eine Baustelle. Zwar gab es auch nach der Wende Besuch von Handwerkern, um die Standfestigkeit des 28 Meter hohen Bauwerkes zu sichern, doch wirklich nachhaltig waren die Restaurierungsmaßnahmen nicht. An drei Seiten haben Gutachter massive Schäden am Fachwerk festgestellt, die in zwei Bauabschnitten 2021 und 2022 beseitigt werden sollen. Problem: Das eingemauerte Holz löst sich in seine Bestandteile auf. „Auf Dauer wäre die Statik des Turms in Gefahr geraten. Für eine Sanierung war es höchste Zeit“, berichtet Gemeindekirchenratsmitglied Jan van Lessen, der auch Vorsitzender des Kirchenfördervereins Havelsee ist.

Jan van Lessen

Jan van Lessen Quelle: Frank Bürstenbinder

In einem finanziellen Kraftakt haben sich zahlreiche Institutionen zusammengetan, um Pritzerbes Wahrzeichen zu retten. Rund 212 000 Euro werden die Arbeiten kosten. Knapp die Hälfte der Summe hat das Brandenburger Kulturministerium zugesagt. Rund 21 000 Euro sind Eigenmittel der Kirchengemeinde Havelsee, 53 000 Euro kommen als Darlehen vom Kirchenkreis. Die Untere Denkmalschutzbehörde beteiligt sich mit 20 000 Euro. Zu den Geldgebern gehören ferner die Landeskirche, der Kirchenförderverein, die Stadt Havelsee und der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg. „Allein hätte die Kirchengemeinde diese Ausgabe nicht stemmen können. Deshalb sind wir für diese Unterstützung sehr dankbar“, so van Lessen.

1984 wurde die Pritzerber Kirchturmspitze ausgewechselt.

1984 wurde die Pritzerber Kirchturmspitze ausgewechselt. Quelle: Chronik Pritzerbe

Im eingerüsteten Turm sind die Arbeiten indessen angelaufen. Zimmerleute aus Chemnitz haben damit begonnen, das Mauerwerk aus den Fächern zu entfernen. Damit wird zunächst der untere Turmabschnitt regelrecht skelettiert, um anschließend beschädigte Holzbalken auswechseln zu können. Problem: Wegen der hohen Belastung mit dem DDR-Holzschutzmittel Hylotox müssen die Handwerker in kompletter Schutzkleidung arbeiten. Nach den Plänen des betreuenden Architekturbüros Krekeler in Brandenburg soll der erste Bauabschnitt am Ende des ersten Quartals abgeschlossen sein. 2022 folgt der nächste Schritt im oberen Turmteil. Ein Jahr später geht es an die Hüllensanierung des 1783 geweihten Kirchenschiffs, dass gegen aufsteigende Nässe gesichert werden muss.

Die Pritzerber Kirche nach einer Radierung von W. Klein-Lindström auf einer 1925 von Pritzerbe nach Hannover gelaufenen Postkarte.

Die Pritzerber Kirche nach einer Radierung von W. Klein-Lindström auf einer 1925 von Pritzerbe nach Hannover gelaufenen Postkarte. Quelle: Sammlung Frank Bürstenbinder

Zukunftsmusik ist derzeit für die Kirchengemeinde Havelsee die Perspektive des benachbarten Gebäudeensembles aus Pfarrhaus, Pfarrstall und Scheune. Auch dort gibt es einen Sanierungsstau, wie ein aktuelles Gutachten belegt. Was gibt es sonst noch in den anderen Orten der Kirchengemeinde? In Fohrde wird die Sockelerneuerung der Kirche im zweiten Quartal abgeschlossen. Mit dem Ende der Orgelsanierung wird zur Jahresmitte gerechnet. In Hohenferchesar erhält die Orgel ein neues Gebläse, Arbeiten an der Elektrik sind fällig. Ähnliche Maßnahmen sind an der Marzahner Orgel geplant. Dazu kommt eine Pedalbeleuchtung. In allen drei Kirchen arbeitet Orgelbauer Jörg Stegmüller aus Michendorf.

Von Frank Bürstenbinder

Märkische Allgemeine Zeitung, 17.01.2021
Zur Kirche
Stadtpfarrkirche Pritzerbe im Pressespiegel
Alles muss raus: Rettungsaktion für Pritzerber Kirchturm läuft 17.01.2021 · Märkische Allgemeine Zeitung