27.11.2020  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Bei der Nase des Johannes

Die Spendenaktion „Vergessene Kunstwerke“ von Landesdenkmalamt, Evangelischer Kirche und Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg sammelt seit zwölf Jahren Geld für den Erhalt von Kunst in Brandenburger Dorfkirchen. Dieses Jahr unterstützt sie die Restaurierung des Renaissance-Altars im uckermärkischen Schönfeld.

Ob Johannes eine neue Nase bekommt, steht noch nicht fest. „Man wird sich darüber unterhalten müssen, wie wir mit der abgeschlagenen Nase umgehen“, sagt Landeskonservator Thomas Drachenberg. „Man“, das sind ausgewiesenen Fachleute, Restauratoren, die den Schaden begutachten werden und dann entscheiden, wer sich darum kümmern soll und was da noch zu machen sein wird. 

Fest steht hingegen: Die Johannes-Figur soll demnächst restauriert werden. Denn der Jünger Jesu gehört zu den Teilnehmern des Abendmahles, die über dem Renaissance-Altar in der Dorfkirche in der uckermärkischen Gemeinde Schönfeld zu sehen sind. Ein plastisches Skulpturengebilde in einst leuchtenden Farben. 

Der Innenraum der Dorfkirche Schönfeld (Uckermark) mit Blick auf den Altar.

Der Zahn der Zeit hat an den Skulpturen des Renaissance-Altars in der Dorfkirche im uckermärkischen Schönfeld schon mächtig genagt. Die diesjährige Spendenaktion „Vergessene Kunstwerke“ sammelt Geld, um die Figuren zu restaurieren.

Doch der Zahn der Zeit – oder genauer genommen, der Holzwurm – hat an den Figuren in den vergangenen Jahren arg genagt. Und deshalb sammelt der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg in diesem Jahr zur Weihnachtszeit für die Restaurierung des gesamten Altars der Kirche. 

Die Spendenaktion „Vergessenen Kunstwerke brauchen Hilfe“, die Drachenberg am Freitag gemeinsam mit BrandenburgsKulturministerin Manja Schüle (SPD) und Landesbischof Christian Stäblein vorgestellte, findet in diesem Jahr zum 12. Mal statt. Das Brandenburgische Landesdenkmalamt und Archäologische Landesmuseum, die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und der Förderkreis Alte Kirchen sammeln jedes Jahr für den Erhalt eines Kunstwerkes in einer der 1500 Dorfkirchen im Land. 

In zwölf Jahren 200.000 Euro gesammelt

Seitdem konnten nach Angaben des Geschäftsführers des Förderkreises, Bernd Janowski, mehr als 200.000 Euro eingeworben werden. 11.000 Euro waren es im vergangenen Jahr für die Sicherung von Epitaphien und anderen Zeugnissen des Totengedenkens aus der Dorfkirche in Groß Jehser (Jazory)) im Kreis Oberspreewald-Lausitz. 2018 wurden für die Rettung von 16 Bildern des Kirchenmalers Christian Ludwig Schlichting in der Dorfkirche von Barenthin (Prignitz) 18.000 Euro gesammelt.

Der Künstler, der den Schnitzaltar in Schönfeld gefertigt hat, ist unbekannt. Es gebe keine schriftlichen Quellen dazu, weiß Drachenberg. Unklar sei auch, wer das Kunstwerk veranlasst hat. Denkbar sei, dass der Altar von einer Patronatsfamilie in Auftrag gegeben worden sei, noch bevor die Uckermark 1626 Schauplatz des 30-jährigen Krieges (1618-1648) wurde.

Der Aufsatz des Schönfelder Schnitzaltars birgt mehrere biblische Szenen. Dazu gehören das Abendmahl, die Kreuzigung Christi, bei der Maria und Johannes unter dem Kreuz abgebildet sind, die Taufe Christi durch Johannes, Moses mit den göttlichen Gesetzestafeln sowie die Auferstehung. 

Kirchen im Zentrum der Dorfgemeinschaften

Wie lange es dauern wird, bis die Figuren gereinigt und die zum Teil abgesprungene Farbe wieder hergestellt werden können, ist erstmal schwer zu sagen. „Wir fahren auf hoher See“, so Landesarchivar Drachenberg, der schon so manche böse Überraschung erlebt hat, wenn Kunstwerke etwa in den 1960er-Jahren mit giftigen Farben behandelt wurden. 

Der Altar ist jedenfalls ein „kunsthistorisch einmaliges Dokument“, sagte Bischof Stäblein. In seiner Mitte stehe „ein Bild, das von Gemeinschaft und Miteinander erzählt“. Und genau das sei die Aufgabe der zahlreichen kleinen Kirchen im Land. Sie bildeten den Mittelpunkt des Lebens im Dorf – und das nicht nur für Gläubige. 

Die Dorfkirchen seien nicht nur Teil der brandenburgischen Kulturgeschichte, sondern „stiften für viele Menschen – auch unabhängig vom eigenen religiösen Bekenntnis – Identität“, betonte Kulturministerin Schüle. 

Aktion „Vergessene Kunstwerke“

Der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg sammelt in diesem Jahr in der Adventszeit für den Erhalt der Altarfiguren in der Dorfkirche in Schönfeld (Uckermark).

Das Spendenkonto des Förderkreises bei der Evangelischen Bank hat die Nummer DE94 5206 0410 0003 9113 90 (BIC: GENODEF1EK1). Stichwort: Schönfeld

Damit das auch zu Weihnachten so sein kann, werden viele Kirchen ihre Gottesdienste im Freien abhalten, kündigte Bischof Stäblein an. So werde es möglich sein, die Corona-Abstandsregeln einzuhalten und trotzdem Raum für möglichst viele Besucher zu bieten. 

Von Mathias Richter

Märkische Allgemeine Zeitung, 27.11.2020
Zur Kirche
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