18.03.2020  –  Märkische Oderzeitung

Kirchen ohne Gemeinschaft

Vorläufig Vergangenheit: Zu manchen Gottesdiensten und bei musikalischen Veranstaltungen war die Hohen Neuendorfer Kirche gut besucht.© Foto: Heike Weißapfel

Heike Weißapfel/ 18.03.2020, 12:49 UhrHohen Neuendorf (MOZ) „Kirche ohne Gemeinschaft ist eine Katastrophe“, sagt Volker Dithmar, evangelischer Pfarrer in Hohen Neuendorf und Stolpe. Die Kirchen sind wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus vorerst bis 19. April geschlossen, alle Gottesdienste fallen aus, auch der für Kirchgänger so wichtige zu Ostern. „Wir tragen nun mal eine Verantwortung für unsere älteren Kirchenmitglieder“, denkt der Pfarrer an die Risikogruppe, die teils dazu noch pflegebedürftige Angehörige zu Hause hat. „Die Kirche muss vernünftig sein und Aktivitäten zurückfahren, dabei aber Hilferufe hören.“

Volker Dithmar blickt dieser Tage ein wenig neidisch auf seinen Sohn, der als Schüler des Marie-Curie-Gymnasiums zu Hause sitzt, aber per Computer mit seiner Schule verbunden ist. „Das ist doch super, wie das klappt. Wir sind leider noch nicht so vernetzt.“ Online-Gottesdienste abzuhalten, sieht der Pfarrer allerdings nicht so sehr als wichtige Aufgabe an. „Es gibt ja schon Internet-Gottesdienste, die sich jeder ansehen und anhören kann. Große Kirchen oder der Dom können das sowieso viel besser als wir.“

Konfirmandengruppen aufteilen

Eher macht ihm die Konfirmation Sorge, die eigentlich zu Pfingsten ansteht. 33 Jugendliche sollen in Hohen Neuendorf und Stolpe diesem Jahr konfirmiert werden. „Da reisen Verwandte aus anderen Bundesländern an, Restaurants sind gebucht, da möchten wir die Feier nach Möglichkeit nicht ausfallen lassen“, sagt er. Die Konfirmation nach dem Sommer nachzuholen, sei auch keine gute Lösung. Noch gibt es von der Kirchenleitung dazu keine konkreten Regelungen. „Falls wir die Feier überhaupt stattfinden lassen dürfen, werden wir die Konfirmanden vermutlich in sechs bis acht Gottesdienste aufteilen und mit jeweils einer kleinen Anzahl von Gästen in die Kirche lassen“, so Dithmar. Taufen müssten verschoben werden, die nächsten Trauungen stehen für den Sommer in seinem Terminkalender.

Beerdigungen lassen sich dagegen nicht so lange hinauszögern. Folgten der Beisetzung des beliebten Fotografen und ehemaligen Stadtverordneten Alfred Tham in der vergangenen Woche noch mehr als hundert Menschen, so dürfen es jetzt nur noch sehr wenige sein. „Wir kennen noch keine Festlegung auf eine Zahl, haben uns aber bei Bestattern erkundigt. Sie sagen: möglichst  kurz, die Feier so weit möglich im Freien, nur die nötigste Zahl an letztem Geleit und alle Namen der Anwesenden aufschreiben.“

Mit dem Gemeindekirchenrat will er Nachbarschaftshilfe beraten. In die Hohen Neuendorfer Seniorenheime darf Dithmar auch nicht mehr. „Natürlich sehe ich das ein. Ich könnte ja selbst Überträger des Virus sein, ohne es zu wissen.“ Den seelsorgerlichen Aspekt will er nicht vernachlässigen. Dabei habe er allerdings festgestellt, dass es gar nicht so sehr die Ältesten seien, die Beistand benötigten. Da höre er eher: „Wir haben den Krieg überlebt, wir überstehen auch das.“ Er kommt jetzt eher bei „Kaufland“ mit einzelnen Gemeindegliedern, aber auch anderen Menschen ins Gespräch. Da fragt er vorsichtig nach und hört auch, dass der Ausnahmezustand bei manchem an den Grundfesten rüttelt, abseits vom Run auf das vermeintlich letzte Klopapier. „Einige sagen mir, sie denken gerade jetzt verstärkt darüber nach, was im Leben wichtig ist“, so Dithmar. „Vielleicht ist das etwas Gutes an dieser Krise.“

Märkische Oderzeitung, 18.03.2020
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Kirchen ohne Gemeinschaft 18.03.2020 · Märkische Oderzeitung