14.02.2020  –  Märkische Oderzeitung

Regionalhistoriker Reinhard Schmook führt durchs Oderbruch

Die Fachwerkkirche Sietzing wird derzeit komplett saniert: Der Giebel wies schwere Schäden auf.© Foto: Doris Steinkraus
Dr. Reinhard Schmook am Grabstein Heinrich von Oppen Altfriedland, Febr. 2020© Foto: Doris Steinkraus
Kirche Altfriedland, Feb. 2020© Foto: Doris Steinkraus

Altfriedland  Das seit langem leer stehende alte Fachwerkhaus in der Sietzinger Dorfstraße macht einen trostlosen Eindruck. Allein die Tür lenkt die Blicke Geschichtsinteressierter auf sich.

Sie dürfte noch aus der Bauzeit des Hauses um 1880 stammen, mit Applikationen, die es längst nicht mehr bei Eingangstüren gibt. „Es sind die kleinen baulichen Details, die das Besondere ausmachen“, sagt Reinhard Schmook. Der Bad Freienwalder Regionalhistoriker ist mit der MOZ auf Geschichtstour durch die Region. Es ist die siebte Rundreise. Wir suchen vor allem nach Veränderungen, die Schmook akribisch mit Notizen und Bildern festhält. Nicht immer sind es nur gute Veränderungen. Manche alte Gebäude, die vor  Jahren noch eine Chance hatten auf Rettung, scheinen verloren, so wie auch dieses Fachwerkhaus mit dem Vierseitenhof.

Dafür gibt die Kirche Anlass zur Freude. Seit Monaten leisten hier Handwerker ganze Arbeit. „Es war umfangreicher als zunächst gedacht“, erklärt Frank Schulz von der Frankfurter Firma Jürgen Friedrich. Das Unternehmen ist  auf die Sanierung alter Gebäude spezialisiert. In Sietzing haben die Handwerker das gesamte Kirchlein generalüberholt, die Zwischenwand der Winterkirche entfernt, die Stein-Fußböden erneuert, Leitungen verlegt. Alle Balken sind saniert und die Gefache neu ausgemauert. Sie werden bald geputzt.

Am Turm des 1803 vom damaligen Patron, dem Staatsminister Heinrich Graf von Itzenplitz (1799-1883), als Schul-und Bethaus errichteten Kirchleins wurden zwei Anbauten errichtet, um das Kleinod künftig besser nutzen zu können. Dort entstehen Toiletten, wird die neue Haustechnik untergebracht. Der Turm, weiß Reinhard Schmook, wurde erst 1883 gebaut. „Und in den 80er-Jahren hat man im Untergeschoss eine Leichenhalle eingebaut.“ In den 50er-Jahren war das Dach umgedeckt und 1988 dann noch mal komplett erneuert worden. Auch der Turm wurde in den 1980er Jahren von Bad Freienwalder Kirchenhandwerkern saniert.

Einige der Kiefern – es wurde ausschließlich Holz dieses Nadelbaumes verbaut – waren exakt drei Jahre vor dem Bau 1803 gefällt worden, haben die Handwerker entdeckt. „Hier wird noch richtiges Handwerk verlangt. Es macht Spaß, wenn man sieht, was man letztlich geschaffen hat“, sagt Frank Schulz.

In Neutrebbin, dem größten Kolonistendorf des Oderbruchs, stoppen wir dieses Mal nicht an einem der ansehnlich sanierten Fachwerkhäuser, sondern am Flutdenkmal. Die Interessengemeinschaft „Alter Fritz“ hat es 2006 errichten lassen. Eine Tafel gibt Auskunft über viele Hochwasser, beginnend 1736. Auf dem Platz stand einst ein Wohnhaus. Es war 1947 durch die Flut schwer beschädigt und ein Jahr später abgerissen worden. „Neutrebbin liegt an der tiefsten Stelle des Oderbruchs und war von allen Hochwassern der vergangenen 200 Jahre immer am stärksten betroffen“, erläutert Schmook. Es spreche für die Neutrebbiner, dass sie Geschichte bewahren und den neuen Generationen auch in Form des Denkmals zur steten Pflege des Hochwasserschutzes mahnen.

Zwei Kilometer weiter, am Friedländer Strom, dem Hauptarm der Alten Oder in Neufriedland, stoppen wir an einem Zeugnis  industrieller Geschichte, dem einst größten Umspannwerk des Oderbruchs. „Die Städte Bad Freienwalde und Wriezen erhielten 1911 Strom, Seelow ein Jahr später“, weiß der Regionalhistoriker. „Das Oderbruch indes hatte noch keinen. Die Märkischen Elektrizitätswerke Eberswalde rüsteten erst nach dem Ersten Weltkrieg diesbezüglich auf.“ Bewusst sei das große Umspannwerk in Neufriedland gebaut worden. Denn Neutrebbin mit seiner Entenmast war ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor fürs Bruch. Auch die Landwirtschaft brauchte zunehmend Strom, etwa für die Dreschkästen. Im Werk kamen 5000 Volt an. Sie wurden transformiert und verteilt. Im Untergeschoss künden alte Gardinen und Hausrat davon, dass dort bis vor einigen Jahren noch Leute wohnten.

Vor allem Auswärtige übernehmen alte Häuser und Anlagen, sanieren sie und bewahren sie vor dem Verfall. Neulewin ist so ein Beispiel. Der kleine Ort macht einen sehr gepflegten Eindruck. Fast alle Häuser sind in Ordnung gebracht. Das letzte von einst drei großen Fachwerkhäusern auf dem Dorfhügel, an dem noch der Namenszug „LPG 7. Oktober“ prangt, hat offensichtlich auch einen Liebhaber gefunden. Die alten Nebengebäude aus Klinker sind hergerichtet. Viele dieser Gebäude sind nicht einfach nur gemauert. Mit den Ziegeln wurden Kanten, Umfassungen und Verzierungen gefertigt. „Die Bauhandwerker hatten großen Ehrgeiz“, erklärt Schmook. Ihre Arbeiten sollten nicht nur zweckmäßig, sondern auch optisch ansprechend sein.

Letzte Station ist Altfriedland. Bis ins 18. Jahrhundert reichen die Unterlagen der mehrfach umgebauten  Klosterkirche. Der neugotische Backsteinturm, 1864 auf Veranlassung von Heinrich August Graf von Itzenplitz angebaut, leuchtet mit dem vergoldeten Kreuz. Der 2010 gegründete Förderverein hat schon geschafft, das Kirchendach zu sanieren. Turm, Innenraum und Außenanlagen werden bis 2022 erneuert. Die letzte große Renovierung erfolgte 1936 bis 1938, dank Patron Karl von Oppen und Pfarrer Schliephacke. Der einstige Herrensitz derer von  Oppen hingegen verfällt weiter. Die Familie wollte ihn erwerben und sanieren. Er wurde verkauft, es passiert jedoch nichts.

Märkische Oderzeitung, 14.02.2020
Zu den Kirchen
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