BUCHTIPP

Umgang mit Seuchen im Zeitalter der Reformation am Beispiel der Mark Brandenburg

ISBN 978-3-16-162547-3
Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 2023
146 Seiten, Broschur, 16 Euro

Das kleine Büchlein führt uns in die Corona-Pandemie zurück. Zwischen 2020 und 2022 waren Begriffe wie Hygienemaßnahmen, Kontaktbeschränkungen, Quarantäne, Seuchenpläne, Grenzschließungen und Ansteckungsgefahr allgegenwärtig. Der Reformationshistoriker Stegmann zeigt am Beispiel von medizinischen, politischen und theologischen Schriften aus der Mark Brandenburg, dass ganz ähnliche Ansätze auch während der Reformationszeit im Kampf gegen die grassierenden Pestwellen propagiert wurden. In mehreren Durchgängen unterschiedlicher Quellen kommt der Autor zur Einsicht, dass der frühneuzeitliche Protestantismus im Umgang mit Krankheitswellen einerseits neue Akzente setzte, indem zum Beispiel keine Pestheiligen mehr angerufen wurden, andererseits aber auch ganz klar an die spätmittelalterlichen Traditionen anknüpft: Medizinische und politische Seuchenbekämpfung werden sehr eng mit einer religiösen Deutung der Seuche als Gericht Gottes über das Sündersein des Menschen in Verbindung gebracht. Prävention und Krankheitsbewältigung bestehen deshalb nicht nur aus den uns allen (wieder) bekannten Hygienemaßnahmen, sondern sind stets mit religiösen Formen der Buße und des erneuten Gottvertrauens und daraus erwachsendem frommen Lebenswandel verbunden. Die Titelgebende »zweierlei Arznei« meint genau dies: medizinische und religiöse Maßnahmen gehen Hand in Hand.

Dorfkirche Harnekop

Uns mögen heute nicht nur die medizinischen Ansätze der Seuchenerklärung, u.a. durch Einfluss der Himmelkörper, und deren Bekämpfung (zum Beispiel Aderlässe, Räucherwerk) verwundern, sondern auch die auch für Mediziner und Politiker selbstverständliche Verbindung der Pest mit dem Gericht Gottes fragwürdig erscheinen. Gleichwohl erinnert uns dieser Blick in die Geschichte an die Aufgabe von Religionsgemeinschaften, Gläubigen und Kirchen in Krisenzeiten: Neben allen naturwissenschaftlichen Erklärungen bietet „die religiöse Deutung einer Epidemie […] die Möglichkeit, über sich selbst nachzudenken, sich klar zu werden darüber, was wichtig ist, über Tod und Leben zu sprechen, die eigenen Ängste und Hoffnungen klagend und bittend zum Ausdruck zu bringen und aus all dem Konsequenzen für das eigene Leben zu ziehen.“ (S. 125). Kirchengebäude sind Orte, an denen so etwas „Raum“ finden kann, unabhängig von der Religiosität der Menschen. Deshalb waren Gottesdienste von den Kontaktbeschränkungen in den Pestzeiten stets ausgenommen und Kirchengebäude nie geschlossen.

Christine Siegl

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