Kirchen und Orte zeichnen
Ludwig Krause im Gespräch über seine Zeichnungen und über sein Leben

Locker und leicht fährt sein Stift – ein Pilot 0,4 – über das Blatt. „Vorn läuft die Tusche raus und da hat man zu tun, hinterherzukommen“, erklärt Ludwig Krause mit seinem stets verschmitzten Humor. Schnellen Striches entsteht die Kirche vor uns auf dem Papier. Schwarz auf weiß. Die Wesentlichkeiten sind alle erfasst.
Die skizzenhaften Kirchenzeichnungen Ludwig Krauses haben ihren eigenen Stil. Egal wo man auf sie trifft, man erkennt sie sofort. „Was für eine Freude, wenn die Leute ihre Kirche mal aus meinem Blickwinkel betrachten. Mein Anliegen ist es, den Blick zu schärfen“, sagt Krause und ergänzt „Wenn es nicht gelingt, die Kirche im Dorf zu lassen, also sie zur Sache der Leute dort zu machen, dann haben wir verloren.“ Damit meint er gleichermaßen sich selbst, den Förderkreis Alte Kirchen, die Organisation Kirche und uns als Gesellschaft.
Ludwig Krause hat hunderte Kirchen gezeichnet, in Berlin, in Brandenburg, aber auch in ganz Deutschland und in verschiedenen Teilen der Welt. Dazu kommen alle Arten von Bauwerken, die in Dorf und Stadt so herumstehen. Sein Interesse geht jedoch über einzelne Gebäude weit hinaus. „Meine Spezialität sind Stadträume. Mir geht es weniger um das einzelne Bauwerk, als vielmehr um die Topografie der Stadt. Ich mache gern Stadtporträts, auch aus der Vogelperspektive und mit Landschaften.“
Er zeichnet seit seiner Kindheit. „Ich hatte einen Zeichenlehrer in der Oberschule, der selber kein großer Zeichner war, der uns aber begeistern konnte. Bei Exkursionen durch Thüringen habe ich meine Ideen zeichnerisch festgehalten.“ Krause kam am 19. Juni 1941 als zweites von acht Kindern in einem Zwickauer Krankenhaus zur Welt. „Drei Tage bevor die Deutschen in Russland eingefallen sind“, fügt er hinzu. Er wächst zunächst in Bobenneukirchen im sächsischen Vogtland auf. Hier war sein Vater Pfarrer. Von 1946 bis 1959, fast seine ganze Schulzeit lang, lebte die Familie schließlich in Meerane. Von dort ging es für ihn nach Meißen, wo er als Domführer einsprang und in der „Meißner Kantorei 1961“ sang. Wie viele Abiturienten musste er sich vor dem Studium erstmal in der Praxis bewähren. So lernte er Ziegeleifacharbeiter in der Lausitz und konnte dann mit diesem Abschluss in Cottbus Bauingenieurwesen studieren. Sein Diplom, das er in Weimar ablegte, machte er im Fach Gebiets-, Stadt- und Dorfplanung, also in einem sehr breit gefächerten Feld. Nach einer kurzen Zeit als Stadtplaner in Wismar begann er schließlich im Institut für Städtebau und Architektur, dem Leitinstitut der Bauakademie in Berlin, zu arbeiten. Sein Aufgabenfeld umfasste die wissenschaftliche Betreuung der Stadtentwicklung von der Baugeschichte bis zur Regionalplanung der DDR in enger Verzahnung von Theorie und Praxis. „Ich hatte vielfältige Möglichkeiten und habe versucht, Strategien zur Orientierung auf den Bestand zu entwickeln. Und mir war es wichtig, die Potentiale der Stadt zu erkunden und mich dafür einzusetzen.“ Am Ende der DDR bestand seine Aufgabe darin, dieses wissenschaftliche Institut in das bundesdeutsche Recht zu überführen. Als Chef von damals 200 Mitarbeitern hat er diese Aufgabe gemeistert. Nach 1990 gründete er das Leibnitz-Instituts IRS und das Büro Masterplan und war bis zum Renteneintritt als Bundesgeschäftsführer der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung tätig. Im Rückblick auf diese Zeit sagt Krause „Ich habe ganz schön geackert und habe viel erreicht. Ich kann nicht sagen, dass ich nicht erfolgreich war, aber es gab auch Sachen, wo es dann nicht weiterging. Damals habe ich wieder angefangen zu zeichnen. Zeichnen war für mich auch Frustbewältigung.“
Neben seiner beruflichen Laufbahn gab es noch eine Laufbahn in den kirchlichen Strukturen, denn der Kirche ist er stets verbunden geblieben. „Ich habe die „Karrierestufen“ Gemeindekirchenrat, Kreiskirchenrat, Landessynode, Bundessynode der DDR-Kirchen, EKD-Synode der Reihe nach erklommen, nachdem ich ein eigenes Büro hatte, alles wieder sukzessive abgebaut und bin jetzt froh, wenn ich mich in der Ortsgemeinde nützlich machen kann.
Krause hat eine historisch sehr interessante und abwechslungsreiche Zeit erlebt. Es war sein Glück, dass er kirchlich auf festen Füßen stand. Seine Herkunft und seine Haltung waren im Institut bekannt und wurden akzeptiert – auch als sich sein Bruder gegen den Abriss der Leipziger Universitätskirche stellte. Er erinnert daran, dass nach dem Zweiten Weltkrieg im Osten wie im Westen neue Städte im Stil einer neuen Zeit geschaffen werden sollten. Was wenige wissen: In der DDR entstanden 260 Kirchen. Drei bedeutende Kirchen wurden unter starkem Protest abgerissen: die Berliner Versöhnungskirche, die Leipziger Universitätskirche und eine neugotische katholische Kirche in Rostock. Zum 20. Jahrestag der DDR – 1969/70 – sollte endlich auch die neue Zeit anhand der sozialistischen Stadtzentren präsentiert werden, erzählt Krause. „Die Menschen hingen aber an den alten Gebäuden und das hat die DDR-Führung sehr geärgert und es gab Konflikte.“
Anfang der 1970er Jahre sprach sich herum, dass Neubaugebiete auch Kirchen brauchten. Es gab dann für Großwohnsiedlungen die Zusage, dass Kirche dort präsent sein kann. Das Programm „Neue Kirchen für neue Städte“ wurde aufgelegt. Die Kirchen durften zwar gebaut werden, aber meist nicht im Neubaugebiet selbst, sondern möglichst daneben oder an dessen Rand. Bezahlt wurde vorwiegend mit Geld aus Westdeutschland. Das wurde kurioserweise als „Inlandsexport“ im Haushalt der Baubetriebe verbucht.
So wie Krause möchte, dass die Kirchen genutzt werden, so möchte er auch, dass seine Zeichnungen genutzt werden. Und dazu hat er viele Ideen. Er zeichnet gemeinsam mit Freunden, organisiert Ausstellungen und wird seinen privaten „elektronischen“ Brandenburger Kirchen-Adventskalender in diesem Jahr gemeinsam mit dem Förderkreis Alte Kirchen herausbringen. Eins wurmt ihn aber immer noch: Die Evangelische Landeskirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz hat ihn vor Jahren beauftragt und bezahlt, ein Poster in der Größe von 1,50 x 1,50 Meter zu zeichnen, auf dem über 100 Kirchen anschaulich dargestellt sind. Leider wurde diese Auftragsarbeit nie gedruckt. Gespräche zum Warum und Wie endeten bisher ergebnislos. Was alles hätte man daraus machen können!
Wenn Krause zeichnet, versinkt er ganz in seinem Gegenüber, er sucht nur die Kommunikation mit dem Auge, nicht mit den Vorübergehenden. Zudem erzählt er gern Geschichten, so wie diese hier: „In einem Vorort von Kairo habe ich gezeichnet. Da brachte mir einer einen Stuhl, ein anderer ein Glas Tee. Am Ende musste ich das Gezeichnete hochhalten. Es wurde Beifall geklatscht und erst dann habe ich gesehen, dass da an die 50 Menschen standen.“ Dieses Erlebnis gehört zu seinen eindrücklichsten beruflichen und menschlichen Anerkennungen.
Anne Haertel
